Banshee Neue Folge 133

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Also die ganze Welt wird von mir wissen, dachte ich. Die sind verrückt, vollkommen von der Rolle. Die meinen das ernst. Die wollen ihrem Azazel ein Menschenopfer darbringen, und die Ehre habe ich. Und wenn das geschehen ist, wird der Azazel persönlich sie anführen in ihrem Kampf gegen den Rest der Welt, und sie werden siegen, und vor allem werden ihr Kampf und ihr Sieg daraus bestehen, dass sie alle Juden auf der Welt töten, und wenn die Erde also gesäubert ist, werden sie eine neue Weltordnung errichten, und wie die aussieht, dachte ich, das will ich gar nicht wissen.

Ich glaube nicht, dass ich viel Angst hatte. Ich erinnere mich daran, dass ich überlegte, wie sie das wohl machen würden, mich umbringen, und ich dachte, hoffentlich geht es schnell. Ich ahnte schon, es würde irgendwas Dramatisches sein, irgendwas Kultisches, vielleicht mit Kutten und hallenden Stimmen und Gesängen oder so. Irgendwas wie aus einem billigen Horrorfilm, mit etwas wie einem Altar in der Mitte und auf dem Altar liegend das nackte gefesselte Opfer.

Sie werden mich vergewaltigen, dachte ich, und davor hatte ich wirklich Angst. Nicht vor dem Tod, nicht davor, abgestochen zu werden. Vergewaltigt zu werden, äußerste Herabwürdigung. Ich dachte an PvM. Wenn die mich vergewaltigen, und die Polizei kommt noch rechtzeitig, bevor die mich abgestochen haben, niemals nimmt PvM mich zurück, wenn die ihre Schwänze in mir drin gehabt hatten. Ich wies mich zurecht für solche Gedanken, PvM ist nicht so, niemals denkt der so, und dann dachte ich, wenn die kommen und – und – ich wehr mich, ich wehr mich bis zum Letzten, eher lass ich mich umbringen, als das widerstandslos über mich ergehen zu lassen. Aber die werden dich sowieso umbringen, sagte das Stimmchen in meinem Kopf, und ich wusste, wenn die mit dem Messer kommen, oder mit dem Strick, oder was immer sie für mich vorgesehen hatten, ich würde mich nicht wehren, schon gar nicht würde ich bitten und betteln, ich würde mich vor denen nicht herabwürdigen, aber wenn die kommen und wollen mich vergewaltigen, ich wehr mich bis zum Letzten.

So dachte ich hin und her, und ich glaube, ich weinte ein bisschen, und hielt dabei den Kopf auf meinen Knien, auf keinen Fall sollte der Prolet, der mich „nackte Sau“ genannt hatte, irgendetwas mitbekommen von dem, was in mir vor sich ging.

Es kam eine Stunde oder so, da fuhr der Wagen sehr schnell, und ich hörte von draußen sausende und ziehende Geräusche, wir müssen auf einer Autobahn gewesen sein, und dass ich richtig vermutete, erkannte ich, als ich heftig in die Ecke gedrückt wurde, das war die Kurve einer Ausfahrt, da geht es immer in so engem Winkel raus. Danach fuhren wir langsam, ganz langsam, hielten immer wieder an, fuhren mal rechts, mal links, und mir wurde klar, das war’s, wir sind am Ziel.

Auf einmal blieb mir die Luft weg vor Angst. Ist es jetzt soweit, dachte ich, passiert es jetzt? Und ich wusste, ich wollte nicht sterben, ich hatte noch so viel vor, ich dachte an den Koi, in dem Teich oben auf dem Fons, ich dachte an das leuchtend rote Tier wie an einen fernen Freund, der denken würde, ich hätte ihn einfach vergessen, aber das hab ich nicht, dachte ich, die erlauben mir nur nicht, dass ich mich von dir verabschiede.

Ich hatte meine Stellung kaum verändert, seit ich in diesen Hundezwinger eingesperrt worden war, und dann hörte ich am Knirschen der Reifen, dass der Wagen in einen Hof einfuhr, ich bildete mir sogar ein, das erregte Gackern eines Huhns zu hören, das vor dem einfahrenden Wagen aus dem Weg springen musste.

Ich blickte kaum auf, als der Galgenvater wieder am Gitter stand, und der Bursche mit den glasigen Augen machte sich an der Tür zu schaffen, und irgendwie war mir danach, einfach sitzen zu bleiben auf dieser Matratze, dann zerrt mich doch raus, dachte ich, aber ich wusste im gleichen Augenblick, gib denen gar nicht erst den Vorwand, dich anfassen zu müssen, das darfst du nicht, denn wenn sie dich erst einmal angefasst haben, spult sich der Film von selber ab, also blickte ich auf, dem Galgenvater in’s Gesicht, und richtig kreiselte dem wieder die Zunge rund um’s Maul, und er winkte mit einer wortlosen Kopfbewegung, und ich gehorchte wie eine Sklavin, die es gar nicht wert ist, angesprochen zu werden, und die das gewöhnt ist, auf Fingerwink zu reagieren, ich spürte eine Aufwallung blinden, unversöhnlichen Hasses und sagte nichts und ließ mir nichts anmerken und kroch auf allen vieren zu der Gittertür hinaus, denn höher war die nicht, und ich sah die Springerstiefel aus der Perspektive eines Hundes, und dann merkte ich, dass ich es kaum schaffen würde, auf die Füße zu kommen, ich hatte so lange in mich zusammengebückt auf dieser Matratze gehockt, dass alle meine Gelenke revoltierten, mach, rief ich mir selber zu, in Gedanken, mach, lass es nicht dazu kommen, dass die dir unter die Arme greifen und dich aufheben, lass es nicht dazu kommen, dass die dich anfassen, und ich griff nach der Seitenwand und stützte mich ab und brachte mich auf die Beine, ich weiß nicht, wie ich das schaffte, aber ich schaffte es, plötzlich stand ich, und stellte mich aufrecht vor sie hin, nackt und aufrecht, Schultern zurück und erhobenen Kopfes, und ich sah ihnen kalt in’s Gesicht, wortlos, und es wirkte, ich weiß nicht wieso, aber es wirkte, sie wagten nicht, mich anzufassen.

Sie rollten sich rumpelnd runter von der Ladefläche, mit ihren Springerstiefeln, und draußen ging ein verhangener Nachmittag, ja, das war ein Hof, auf allen Seiten von niedrigen Gebäuden umschlossen, und ich machte es wie vorher, ich setzte mich an den Rand der Ladefläche und kümmerte mich nicht darum, dass die dabei meine Möse sehen konnten, und ich ließ die Beine hängen und sprang runter, und die Handschellen klingelten an meinem Handgelenk, so stand ich auf dem Hof und fühlte den Kies unter meinen Füßen. Und dann, okay, ich fühlte den Wind an meinem ganzen Körper, Wind auf meinen Flanken und meinem Bauch und meinen Brüsten und meinen Schultern, es war wie eine Liebkosung, die Welt ist noch da, dachte ich, und ich blickte hoch und sah den Himmel, der Himmel war von einem blassen Blau, und dann roch ich das Meer. Es roch nach Salz und Sand und Wind und hartem Gras, da war kein Zweifel, wir waren an der Küste.

Sie hatten Angst vor mir. Weiß nicht, wie und warum, aber sie hatten Angst vor mir, Angst vor dem nackten Mädchen. Ich merkte das daran, dass der Galgenvater mir mit einer ironisch gemeinten Verbeugung den Weg wies, und die Glatzen heiser und unsicher dazu lachten. Die haben Angst vor mir, dachte ich. Nicht reagieren, nicht drauf eingehen. Ich ging einfach in die Richtung, dahin die Bewegung des Galgenvater wies, zu dem einstöckigen Seitenflügel rechts. Ich bemühte mich sogar, nicht auffällig um mich zu blicken, trotzdem versuchte ich, mir die Gebäude und die Türen und Fenster zu merken, vielleicht schaffe ich es ja, hier irgendwie rauszukommen, dachte ich. Die ließen mich einfach so über den Hof gehen, also mussten wir in einer abgeschiedenen Gegend sein, die hatten keinerlei Angst, dass jemand mich sehen könnte.

Wir traten vom Hof aus durch eine enge Tür hinein in einen Flur mit hölzernem Boden, und die Planken waren ohne Farbe, ganz ausgebleicht, das muss das Salz sein, dachte ich, der Wind trägt Salz herein, und am Ende des Korridors ging seitlich eine Treppe hinunter, da war ein Keller, aber nicht tief, da waren Wasserleitungen, und eine große alte Waschmaschine stand im Winkel, unter der Decke hingen Wäscheleinen, rotes Plastik, neben der Waschmaschine war eine Tür, und hinter der Tür wartete ein kleiner Raum auf mich, seltsam, mit Teppichboden und einer Liege und Stuhl und Tisch und einem einfachen Schrank, das sah aus wie eines von den Zimmern, das sich manche Leute im Keller für den Notfall einrichten, falls Krieg kommt mit fremden Soldaten und Luftangriffen, oder es passiert ein Chemieunfall und man braucht eine Zuflucht, so sah das aus, und ich spürte einen kalten Schubser im Rücken, das war der Bengel mit der Pistole, der hatte den Revolverlauf mir in den Rücken gestoßen, und ich gehorchte der Aufforderung und stolperte in das Zimmer, „mach dir‘s bequem“, hörte ich hinter mir noch die höhnische Stimme des Galgenvater, und wieder folgte das heiser-unsichere Lachen der Gefolgsleute, und dann schloss sich die Tür, mit einem dumpfen Schlag, das war eine Tür von der Sorte, wie man sie für Heizkeller verwendet, feuersicher, und ich war allein.

Einfach so. Allein.

Unter der Decke waren zwei schmale Fenster, zu eng, als dass ich hätte hindurchkriechen können, und den Tag sehen konnte ich auch nicht, die Scheiben waren aus Drahtglas, aber sie ließen etwas Licht herein, und an der Decke hing eine brennende Lampe, die hatte einen rotweiß karierten Schirm, von der Art, die die Leute „gemütlich“ finden.

Die hatten mich allein gelassen, wirklich. Ich setzte mich auf die Kante der Liege, und da war eine Decke und sogar ein Kopfkissen, ein einziges, ich überlegte, ob ich mir die Decke um die Schultern hängen sollte, aber mir war nicht kalt, und ich dachte, ich versteck mich nicht, die sollen nicht denken, ich hätte Angst vor ihren Blicken.

In der Ecke drängten sich ein Klo und ein Waschbecken. Ich stand auf, und über dem Waschbecken war ein Spiegel. Ich wollte nicht hineinsehen und tat es doch. Jemand sah mir entgegen aus dem Spiegel. Ich kannte die Person nicht. Ich wusch mir die Hände, da war ein Stück Seife, und ich wusch mir auch das Gesicht, das tat so gut. Unvermittelt fühlte ich schneidende Verzweiflung, ich will nicht, dachte ich, ich will so nicht zugrunde gehen, ich will nicht, dass dies das letzte Zimmer meines Lebens ist, ich will nicht.

Ich stolperte zurück zu der Liege und legte mich hin, und das Kopfkissen roch, wie die Kopfkissen in Hotels riechen, irgendwie ausgelaugt, chemisch gebeizt, und ich dachte noch, die haben das seit langem alles geplant, die haben das vorbereitet, ich hab da in Weldbrüggen in PvM’s Garten an dem neuen Teich gebastelt, da waren die hier schon mit den Vorbereitungen zugange – und dann schlief ich ein.

Ich war mehrere Tage in diesem Zimmer, und es klingt kaum glaublich, aber ich schlief die meiste Zeit. Die Polizisten sagten mir hinterher, das sei normal in einer solchen Lage. Schutzreflex. Reflex eines Tieres, das vor einem übermächtigen Feind die Augen schließt. Lamm, das vor seinem Schlächter verstummt. Einmal bin ich auch mitten in der Nacht aufgewacht, und es war alles dunkel und still, und ich war so erregt, dass ich mich selbst befriedigt hab, auf dem Rücken liegend auf dieser Liege, Hand zwischen den Beinen, hastig und schnell. Ich kann das nicht erklären, aber es ist passiert, und deshalb schreibe ich es hin.

(Nachricht vom 31.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 01.09.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)