Banshee Neue Folge 132

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich weiß noch, ich träumte. Träumte wunderbare Dinge, und ich war frei. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Ich schreckte hoch davon, dass der Wagen stand, und dann hörte ich Rumoren, und die Wagentüren gingen auf, hinten. Ich hörte Kramen und Reiben, und dann Schritte, ich war so benommen, so schlaftrunken, dass ich mich nur mühsam auf den Rücken wälzte, ich lag immer noch mit dem Gesicht zur Rückwand, und ich drehte mich um, da war das Gitter, das Hundegitter, und jetzt erst dachte ich daran, dass ich nackt war, und ich setzte mich auf, mit wirbelndem Kopf, und verschränkte die Arme vor den Brüsten, die Handschellen baumelten mir auf den Bauch, und vor dem Gitter stand der Galgenvater, ich sah ihn wortlos an, und wieder kreiselte in seinem Mund diese Zungenspitze, und in seinen Augen war ein triumphierendes Leuchten, er lachte, setzte an, etwas zu reden, holte Luft, brach ab, setzte wieder an, seien Augen flogen fahrig über mich hin, und endlich brach es aus ihm raus:

„Niemand will dich! Denk du da dran! Wir sind jetzt dein Schicksal, wir sind jetzt deine Bestimmung! Wir sind jetzt deine Familie! Du bist nichts du bist niemand! Dein Leben hat nur noch einen Sinn, was wir mit dir machen, nämlich! Da draußen ist niemand, der sich für dich interessiert, wird aber nicht lange dauern, das wird von dir reden die ganze Welt! Alle werden dich wissen! Du wirst das erste Opfer sein, das Uropfer, dargebracht dem Erhabenen, und wegen deiner Darbringung, deiner! deiner! deiner! wird es sein, dass die ganze Welt sich wenden wird, jawohl, darum geht es, um die Weltenwende, und und und das wird sein wegen dir, weil wir dich darbringen, da denk immer dran! Hoff nicht auf Polizei, hoff nicht auf deine Familie oder was du sonst hast, die sind gar nichts, und die kümmern sich auch gar nicht um dich, und ich sag dir, warum das so ist, das ist alles so, weil GOtt das so will, weil der Azazel das so will, der Wahre der Einzige, und deine Leute und die Polizei, ich sag dir, warum die sich nicht um dich kümmern, ich sag dir das, weil die nämlich sowieso Dreck sind, Auswurf, die kümmern sich nicht um dich, weil du denen nämlich egal bist, weil denen nämlich alles egal ist, du aber wisse, du bist wunderbar erhoben, du bist das erste Opfer, du bist das Uropfer, nach dem der Azazel verlangt, damit er unseren Gehorsam sieht, und wir sind die, die in der Wahrheit stehen die in der Ordnung stehen, wir sind die ersten Getreuen, wie sind die erste Gemeinde, wie sind die Erhabenen, jawohl, die Erhabenen, die ersten Jünger, die wahren Gläubigen, das sind wir, und noch weiß die Welt nichts von uns, aber morgen schon wird das Reden über uns sein von einem Ende der Welt bis zum anderen, und die Engel im Himmel werden sich vor uns neigen, das wisse, du, mit deiner schäbigen Nacktheit, du bist ausersehen, du bist auserwählt, du bist das Opfer, nach dem der Azazel gerufen hat, auf dich hat er mit dem Finger gezeigt, der Erhabene, du bist, die er will, und die da draußen wollen dich nicht, hörst du verstehst du, da ist nichts, da draußen, keine Fahndung nach dir, nichts, hoffe auf nichts, all dein Geschick ist in unserer Hand!“

Darum also ging es ihm, das war es, was ich unbedingt wissen sollte. Da waren keine Nachrichten über mich in den Medien, kein Bericht von einer Fahndung. Regina, dachte ich, Regina Weldbrüggen der Geheimdienst. Die halten den Deckel drauf. Die wollen keine Rückfragen von der Öffentlichkeit, natürlich nicht, sie müssten mit der ganzen Geschichte rausrücken, mit der ganzen verdammten langen komplizierten Geschichte.

Und ich dachte an PvM, bitte hilf mir, dachte ich, bitte, bitte.

Das alles wirbelte in meinem Kopf herum, alles gleichzeitig, im Bruchteil einer Sekunde, und der Galgenvater hatte sich derweilen in Begeisterung hineingebrüllt, seine kleinen triefigen schwarzen Augen glänzten wie die eines Hundes, und die Augen waren so schwarz, dass man die Pupillen nicht sah, und bei jedem Luftholen jagte seine Zungenspitze einmal im Kreis um seine offenen Lippen, und jetzt erst sah ich, die standen alle vor dem Gitter, der Galgenvater, die drei Glatzen mit ihren Springerstiefeln, und sie starrten auf mich runter, mit ihren glasigen Augen, tranken meinen Anblick, nacktes Mädchen im Hundezwinger, und plötzlich verstand ich, das war denen genauso wichtig, das war denen vielleicht noch wichtiger als, also, ich hatte ja nicht verstanden, worum es dem Galgenvater eigentlich ging, was das für ein verworrenes Zeug war, was er da ausspuckte, wenn ich auch die Drohung verstand, die darin verborgen lag, „Opfer“, das war ja wohl deutlich genug, aber was ich verstand, mit überwältigender Gewissheit, das war, die redeten von Religion, von Gott, und starrten dabei runter auf mich, auf das nackte Mädchen, und ich wusste, wusste mit überwältigender Gewissheit, das war denen viel wichtiger als ihre Religion, das war es, worum es wirklich ging, um meine Nacktheit, die faselten und laberten von Religion, aber worum es ging im Kern, das war die Nacktheit der Frauen, das war der Kern, das war der Punkt, die Nacktheit der Frauen.

Ich starrte den Galgenvater an, und ich weiß nicht, was der in meinem Blick las, ernsthaft, ich weiß nicht, was es da überhaupt zu lesen gab, vielleicht sah er abgrundtiefe Verachtung in meinem Blick, und unter mir öffneten sich Falltüren, und ich sah Millionen Dinge auf einmal, ich dachte an meine Familie, an meine Scheißfamilie, und ich verstand, verstand mit überwältigender Gewissheit, bei denen war es auch nicht anders gewesen, immer, wenn die von ihrem Islam schwadroniert hatten, war es in Wahrheit um die Nacktheit der Frauen gegangen, immer nur das eine, die Nacktheit der Frauen, und genauso standen jetzt diese Irren vor meinem Käfig, starrten auf mich runter, tranken meinen Anblick, nacktes Mädchen im Käfig, sie sabberten bei dem Anblick, und nachher würden sie an mich denken und sich dabei einen runterholen, und dazu würden sie von ihrer Religion reden, von ihrer Religion.

Es war ein ungutes Schweigen in dem Laderaum, der Galgenvater war zu Ende mit seiner Suada und stand und schnappte nach Luft, und die drei Glatzen standen und soffen sich satt an meinem Anblick, mit stier aufgerissenen, kreisrunden Augen, und das war die Wahrheit, die übrig blieb: Ich war denen ausgeliefert.

Denk dran, denk immer dran, schloss der Galgenvater lahm, er hatte sich völlig verausgabt und sagte nicht mehr, woran ich denken sollte, vermutlich an das, was er gesagt hatte, und so unvermittelt, wie sie gekommen waren, drehten sie auch wieder ab und verließen den Laderaum, und der Prolet, der mich „nackte Sau“ genannt hatte, der hockte sich wieder hin vor dem Gitter, und ich saß hinter dem Gitter, mit angezogenen Beinen, und senkte den Kopf auf meine Knie und dachte nur, ich will euch nicht sehen, ich will nichts von euch wissen, ich will nicht wissen, dass es euch gibt.

Vorne war Türenklappen, und das Schwanken des Wagens zeigte an, sie waren wieder eingestiegen im Führerhäuschen, und dann fuhren sie wieder an. Transportierten mich dem Ort zu, wo ich „dargebracht“ werden sollte, ich, das Opfer.

(Nachricht vom 30.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 31.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)