Banshee Neue Folge 131

Nachricht von Ayse Ohnenamen

„Ich setz mich auf die Matratze und bleib dort“, sagte ich, als ich vor dem Galgenvater stand. Ich stellte mich hin vor ihn und hielt ihm meine Möpse gerade in’s Gesicht, und er blickte nervös an mir vorbei, immerfort mit dieser idiotisch kreiselnden Zungenspitze im Mund. „Kein Grund für Handschellen.“

„Möchtst wohl gern“, sagte er heiser und trat einen Schritt zurück und winkte mit dem Kopf hinüber zu dem Proleten, der offenbar dazu auserlesen war, mich zu bewachen, und der nickte, und zeigte mir, ebenfalls mit einem Kopfwinken, wo ich hinzugehen habe. Nämlich dorthin, wo ich gewesen war.

Ich sagte nichts, ich hatte es immerhin versucht. Ich kletterte hoch auf die Ladefläche, ungeschickt genug, kopfvoran, erst die Hände, dann die Knie, ich wusste, dass sie mir dabei alle drei auf den Hintern starrten und meine Möse sehen konnten, nicht zu ändern, ich kroch nach hinten zu der stinkigen Matratze und setzte mich hin wie vorher, in den Winkel gedrückt, mit der rechten Seite zum Eingang. Ich zog die Knie an den Leib und legte die Hände darum und starrte ergeben vor mich hin, was hätte ich sonst tun sollen. Der Prolet kam mir nach. An der Rückwand hing an dieser eingebauten Haltestange die Handschelle, der Prolet stellte sich hin, grunzte, ich streckte den linken Arm aus, um mein Handgelenk die blutige Spur der Kabelbinder, und das Metall der Handschelle klickte ein, ich saß wieder wie vorher. Vorne machten sie wortlos die Türen zu, mit blechernem Knall, wieder blieb am Boden dieser Streifen von Licht, sonst war es dunkel im Laderaum. Und ich dachte auf einmal, ich bin wieder in die Hände meiner Familie gefallen, so fühlt sich das an.

Das Grölen und Dröhnen ging wieder los, der Wagen setzte zurück, ich hatte wieder Durst, ich senkte den Kopf. Ich war eine Gefangene, die konnten mit mir machen, was sie wollten.

Aber was wollten die?

Der Wagen bog rückwärts auf die Straße ein, und wer immer fuhr, der Galgenvater oder der Lümmel mit der Pistole, er kam jedenfalls mit der Schaltung nicht zurecht, denn als er den Vorwärtsgang wieder einlegte, kreischte das Getriebe, als hätte einer eine Schippe voll Kies reingeworfen. Mir gegenüber saß der Prolet, der mich „nackte Sau“ genannte hatte, ich blickte nicht hinüber, während der ganzen folgenden Fahrt nicht einmal. Ich hatte Angst, der leiseste Blickkontakt könnte Versuche auslösen in dem. Versuche, mir Vorschläge zu machen. Er hätte es ja in der Hand, mir die Handschelle zu lösen. Wenn ich ein bisschen nett zu ihm wäre. Oder so.

Ich dachte fieberhaft nach, über alles, und ich konnte meinen Gedanken nicht befehlen, auch nur für Augenblicke in der Spur zu bleiben. Es war hell jetzt, und durch den Streifen unterhalb der Tür fiel genügend Licht ein, dass ich sehen konnte, der Laderaum war vollkommen leer. Ich war an die Wand gekettet, und im Winkel mir gegenüber saß die reglos zusammengehockte Gestalt des Proleten. Ich hatte nicht den Schatten einer Chance, mich zu befreien. Selbst wenn ich irgendwie zur Tür gekommen wäre, ich hätte, nackt wie ich war, aus der fahrenden Karre springen müssen. Hätt ich nicht überlebt. Ich werden sowieso nicht überleben, dachte ich. Ich stellte mir vor, ich könnte das irgendwie schaffen, die Tür öffnen, und einem hinterherfahrenden Auto winken, bevor der Prolet mich wieder zurückzerrte. Ich zog unauffällig an der Handschelle, indem ich vorgab, mich bequemer hinsetzen zu wollen, aber der Metallreif saß fest um mein Handgelenk, ich hätte die Hand nicht durchbekommen. Der Kabelbinder hatte einen perfekten dünnen roten Ring um mein Handgelenk hinterlassen, ein flüchtiger Beobachter hätte denken können, ich trüge da einen bunten Armreif aus Plastik oder so etwas.

Ich wusste jedes einzelne Wort auswendig, das Balbutin referiert hatte. „Geht, sucht den Ort, da die Toten aufrecht sitzen in ihren Gräbern, und warten auf das Ende der Zeit, geht und sucht das Mädchen, das sammelt die Scharen. Sucht das Mädchen! Bringt das Mädchen zu mir, zu Azazel, schickt heraus zu mir das Mädchen, das ist euer Auftrag.“

Die erfüllten grad ihren Auftrag. Bringt das Mädchen zu mir, zu Azazel. Und ich hatte gehört, was der Galgenvater gesagt hatte. „Ist doch völlig egal jetzt, für die ist alles gelaufen.“

Alles gelaufen.

Es war hell draußen, hell, draußen war Freiheit. Inzwischen musste mein Verschwinden bemerkt worden sein, PvM musste die Polizei alarmiert haben. Die würden nach mir suchen, hektisch. Würden sie nach mir suchen? Ich war schon einmal auf eigene Faust abgehauen, nackt und bloß, und hatte Handy Ausweis alles liegengelassen, nicht einmal Schuhe hatte ich angehabt, war alles noch da, ich war einfach raus, vielleicht würden die sagen, die hat das wieder gemacht, war ja zu erwarten, die tingelt da irgendwo in den Gärten rum, wir müssen nur warten, dann kommt die von selber wieder, aber diesmal stecken wir sie in die Klapse.

Würden sie denken. Würden sie so denken? PvM würde sagen, sie hat versprochen, sie macht das nie wieder. Würden sie ihm glauben? Würde PvM das selber glauben? Ich dachte an das Haus. Wieso, wieso hatten wir keine Überwachungskameras anbringen lassen? Wir hatten nicht einmal davon geredet, und ich weiß, wie PvM die Kameras oben auf dem Fons hasst, die jeden Schritt beobachten und jeden Huster notieren, den einer von sich gibt. Und ich erinnerte mich daran, wie wir alles nicht ganz ernst genommen hatten, alles nicht ganz ernst, als wären wir Kinder und das Ganze eben doch ein Spiel. Ich erinnerte mich daran, wie ich mit PvM durch das nächtliche Weldbrüggen spaziert war, ich barfuß, am Arm von dem alten Mann, und wie wir die ganze Zeit die beiden bewaffneten Polizisten im Schlepptau gehabt hatten, und alles war irgendwie ein Abenteuer gewesen. Als ich an den nächtlichen Springbrunnen dachte, vor dem PvM und ich gesessen hatten, hörte ich unvermittelt das Plätschern des Wassers so deutlich, dass es mir Tränen in die Augen trieb, und ich hätte losgeheult, hätte da nicht im Winkel mir gegenüber der Prolet gesessen, der mich mit den Augen verschlang, das wusste ich, auch wenn ich nicht hinsah.

Wir fuhren mit gleichmäßiger Geschwindigkeit, fast immer geradeaus, selten einmal in eine Kurve hinein, und kaum einmal hielten wir, an einer Kreuzung oder so. Auch wenn der da vorne am Steuer mit der Gangschaltung nicht umgehen konnte, über die Richtung war er sich nicht im Zweifel.

Ich schlief ein paarmal ein, das klingt komisch, aber trotz meiner Angst und meiner gefesselten Hand schlief ich ein, und es tat so gut, für Momente nichts wissen zu müssen. Ich verlor das Gefühl für die Zeit, der graue Streif unter der Tür blieb immer gleichmäßig hell, und endlich fuhren wir in’s Gebüsch hinein, seitlich einer Straße durch den Wald. Ich hörte das an dem Knirschen unter den Rädern, und vor allem, weil oben am Dach Äste schleiften. Der Prolet sprang auf, er schien zu wissen, was nun passieren würde, er machte mich los, ohne ein Wort zu sagen, aber so, dass er den Armring an der Haltestange löste, nicht an meinem Handgelenk, und die Handschellen hingen mit jetzt am Arm, und er packte mich am Oberarm und schob mich zur Tür, wobei er murmelte: „Du hältst’s Maul“. Und wir blieben hinter der verschlossenen Tür stehen, und der Prolet lauschte.

Draußen klang das leise Surren eines größeren und deutlich besseren Wagens. Ich hörte Türenklappen, und der Boden schwankte, da waren sie vorne offenbar ausgestiegen, dann war hastiges Gemurmel, und die Tür wurde aufgerissen. Heller Tag draußen. Und im hellen Tag der Galgenvater.

„Raus jetzt“, heiserte der Galgenvater, und der Prolet drückte mich raus, der Wagen stand schräg in der Straßenböschung, in’s Gebüsch hinein gefahren, und neben ihm auf der Straße stand ein zweiter Lieferwagen, auch mit zwei Türen hinten, und die Türen waren offen, und auf der Straße standen der lange Lulatsch mit dem Revolver und ein dritter Bengel, den ich noch nicht gesehen hatte, und dem fiel bei meinem Anblick richtig der Kiefer runter, seine Augen weiteten sich kreisrund, noch einer, der noch nie ein nacktes Mädchen gesehen hatte, er sah genauso verdeppt und verprügelt aus wie seine Kumpane, sie hatten übrigens auch alle drei den gleichen Haarschnitt, raspelkurz, sollte wohl irgendwie militärisch aussehen, und an den Füßen Springerstiefel.

Der Galgenvater blickte nervös das stille Waldsträßchen runter, „rein mit der“, schnappte er, und ich fühlte mich zu dem wartenden Wagen hin gepufft und gestoßen, da war Asphalt unter meinen nackten Sohlen, und drin in dem anderen Wagen wartete ein Hundezwinger auf mich, ich mach keine Witze, der innere Teil des Laderaums war durch ein festes Gitter mit Tür abgeteilt, ich wurde auf die Ladefläche hochgedrängt und durch die Gittertür in das Gelass reingeschoben, das war gerade groß genug, dass wieder eine Matratze darin Platz hatte, und ich wurde geschubst und fiel auf die Matratze und hörte, wie die Gittertür metallisch in’s Schloss schnappte, und dann fielen die Wagentüren zu, und vor dem Gitter hockte am Boden wieder der Prolet, und der Wagen ruckte an, mit schnurrendem Motor, schneller und stärker als der alte.

Ich saß wirklich in einem Hundezwinger, das Gitter war für den Transport von Tieren eingerichtet, von großen Hunden. Und der Prolet hockte vor dem Gitter und bewachte mich. Immerhin waren in den beiden Türen Fenster, klein zwar, aber groß genug, um den Tag hereinzulassen. Und ich hatte die Hände frei, sie hatten mich nicht gefesselt, sie vertrauten auf das Gitter. An meinem linken Handgelenk baumelten noch immer die Handschellen, nutzlos. Der Zwinger war so breit, dass ich mich hinlegen konnte, lang ausgestreckt, und die Matratze war neu, sie roch sogar noch ein bisschen chemisch. Ich war lächerlich dankbar, ich dachte, sie haben noch was vor mit mir, sie bringen mich nicht gleich um, sonst würden sie sich nicht so um mich kümmern. Ich kann nicht sagen, wie gut das tat, dass ich mich ausstrecken konnte. Ich drehte mich so, dass ich dem Proleten den Rücken zuwandte, sollte der sich ruhig am Anblick meines nackten Hinterns einen runterholen, wenn ihm danach war, und ich rieb meine armen Handgelenke und schlief fast sofort ein. Der Motor surrte ganz gleichmäßig, und wir fuhren mit hoher Geschwindigkeit, und ich dachte noch, die müssen jetzt zu dritt da vorne sitzen im Führerhäuschen, der Galgenvater, der mit der Pistole, und dieser Neue, der bei meinem Anblick in seine Hosen hinein abgespritzt hatte. Daran dachte ich noch, dann war ich eingeschlafen.

(Nachricht vom 29.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 30.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)