Banshee Neue Folge 130

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Die beiden Türen sprangen auf, und graues Morgenlicht floss herein. Ich starrte mit weit offenen Augen auf die beiden Gestalten, die da draußen hinter dem Wagen standen und hereinschauten, und der eine, wirklich, der hatte einen Revolver in der Hand, und der Revolver zielte auf mich.

Der wollte nicht wirklich schießen, es war pure Angeberei, ich sah das auf einen Blick, das war ein junger Kerl, blöd wie Stroh, mit fahrigen Augen, die mal dahin glotzten mal dorthin, und er war nicht rasiert. Neben ihm stand der, dem die ölig-knotige Stimme gehörte, ich wusste das sofort. Zu der Stimme passte der Mann. Was seid ihr denn für Figuren, dachte ich. Ich dachte es so laut, dass man es gehört haben musste, mindestens der ölig-knotige Mann verstand meinen Blick. Weiß nicht, was alles in ihm vor sich ging, alles auf einmal.

Das war der Galgenvater Mulkenmund, der Bruder vom Burroblast, und er war ölig und knotig. Klein. Ein kleines Stück Dreck, wenn ich je eines gesehen habe, und ich hab meine Familie gesehen und den Konopski. Er war nicht größer als ich, und, ja eben, knotig. Haare glatt angeklatscht an den Schädel. Glaubt mir, der sah aus wie – wie dieser deutsche Politiker, bei den Nazis, dieser Kreischer, dieser Schreihals, ja, so sah der aus, wie der Goebbels.

Der hagere lange Bengel neben ihm, der ihn um zwei Kopf überragte, hielt die Pistole hoch, mit wackeligem Handgelenk, als ob er sie mir zeigen wollte, und wedelte dabei ungeschickt herum mit dem Teil. Wenn er geschossen hätte, hätte er genausogut seinen Kumpan treffen können, der sich im Winkel neben mir rührte. Und während er fuchtelte, starrte er auf meine Brüste, ich hielt den rechten Arm drüber, er starrte trotzdem.

Der Galgenvater blickte mal dahin mal dorthin, dann öffnete er den Mund und fuhr einmal mit der Zungenspitze im Kreis rum, um seine Lippen, das sollte ich nachher noch hundertmal sehen, das war ein Tick von dem Kerl, er machte das gewohnheitsmäßig, fuhr einmal mit seiner Zungenspitze im Kreis rum über seine Lippen. Und sein Gesicht war hager und knotig, die Wangenknochen und die Nase standen hervor wie die von einem Toten.

„Was ist hier wieder los?“ fragte der Galgenvater mit seiner ölig-nöligen Stimme.

„Die sagt, sie muss pinkeln“, sagte der Prolet im Winkel mir gegenüber, der Prolet, der mich „nackte Sau“ genannt hatte.

„Für sowas hamwa jetz keine Zeit“, wusste der Galgenvater.

„Dann pinkle ich in die Matratze“, sagte ich.

Der Galgenvater schaute sich nervös um. Ich sah, wir standen auf einem Waldweg. Ich meinte, weiter weg Asphalt erkennen zu können, das musste die Straße sein, von der wir abgebogen waren, todsicher eine enge Seitenstraße, die hatten sich entlegene Wege ausgesucht für ihre Route.

„Lass sie raus“, sagte der Galgenvater.

Der Prolet erhob sich und schlüsselte an meinem gefesselten Handgelenk rum, und dann war ich frei. Es war nur ein Reflex, aber ich schlug jetzt auch den linken Arm um meine Brüste, so dass ich saß, als würde ich mich selbst umarmen, ich wollte so viel wie möglich von mir verbergen vor diesen Blicken.

„Also mach schon“, schnarrte der Galgenvater, „darfst raus in die Büsche, so gut sind wir zu dir.“

Und die beiden jungen Kerle lachten heiser.

Ich hab sowieso keine Chance, dachte ich. „Krieg ich vielleicht auch was anzuziehen?“ fragte ich laut.

„Sie will was anzuziehen!“ höhnte der Galgenvater. „Ansprüche haben wir auch noch! Du kriegst ganz genau, was wir dir geben, und du machst ganz genau, was wir dir sagen, und zu melden hast du nichts, gar nichts.“

Und wieder lachten die beiden jungen Kerle, und da war ein Klang von Speichel in ihrem Lachen, ein Klang von Sabbern.

Ich brachte mich auf die Beine, ich zitterte, stützte mich gegen die Wagenseite, lief vor zur Tür. Das Wageninnere war hoch genug, dass ich aufrecht darin gehen konnte, und ich lief durch die Blicke der drei Gaffer wie durch einen Verhau. Der mit der Pistole starrte mich an, als hätte er noch nie in seinem Leben ein nacktes Mädchen gesehen, hatte er vielleicht auch nicht, außer auf seiner Pornoseite im Internet, und die Zungenspitze von dem Galgenvater fuhr in seinem offenen Mund im Kreis herum, immer im Kreis, ich sah das alles, ohne hinzusehen, und aus dem Proleten hinter mir kam ein schmatzender Laut, als ob sich da irgendeine Körperöffnung bei dem schnalzend auf und zu bewegte, nicht sein Mund.

Merkwürdigerweise wichen die beiden an den Wagentüren einen Schritt zurück, als ich kam, sie machten mir Platz, und ich sah sie nicht an und setzte mich auf den Wagenrand, ungeschickt genug, und ließ die Beine raushängen und sprang runter und stand auf dem Boden. Waldboden. Sofort schlug ich wieder die Arme vor meine Brüste, ich spürte die Blicke. Das waren andere Blicke als die der Besucher, und als ich das dachte, sah ich mich um, aber ich sah die Besucher nicht, keinen von ihnen. Ich hätte sie jetzt brauchen können, irgendwie, und gleichzeitig war ich froh, dass sie nicht da waren, ich wollte nicht, dass sie mich so sähen. Da waren Nachbarn gewesen in Weldbrüggen, die mir zugeguckt hatten, wie ich im Bikini im Garten rumtänzelte, da war diese interessierte Gärtnerin gewesen, die mir unter die Bluse geguckt hatte, aber das waren alles andere Blicke gewesen als die von diesen drei Kerlen hier. Ich begriff plötzlich, in diesem Augenblick, als ich da auf dem Waldboden stand, dass Nacktheit eine Sprache ist, die viele nicht verstehen. Ernsthaft. Für die ist Nacktheit eine Fremdsprache, unverständliches Zeug. Die aber die Sprache verstehen, die hören wunderbare Rede, Gesänge vielleicht sogar, wenn sie die Nacktheit eines Mädchens schauen, sie können gar nicht genug davon bekommen hinzusehen, weil sie all diese wunderbaren Dinge zu hören bekommen. Die aber die Sprache nicht verstehen, wie diese Proleten hier, die glotzen auch hin, aber eben deshalb, weil sie kein Wort verstehen. Und die Besucher, die wollen vielleicht deshalb mich so unverwandt anschauen, weil sie eine unbegreifliche Musik hören, wenn sie meine Nacktheit sehen.

Man sollte meinen, ich hätte dringendere Dinge zu überlegen gehabt in diesem Augenblick, und ich hab das alles ja auch gar nicht überlegt, es wurde mir nur klar, in diesem einen Augenblick, und da es mir klar wurde, stellte ich mich aufrechter hin, ließ meine Arme zu Seite hängen und sah dem Galgenvater direkt in’s Gesicht.

Und er blickte beiseite, immerfort mit diesem idiotischen Kreiseln seiner Zungenspitze im Mund, und grunzte heiser: „Geh pinkeln. Denk dran, du kommst keine zwei Schritte weit, wenn du versuchst, wegzulaufen.“

Da war ein sonderbarer Zauber wirksam in diesem Augenblick. Ich begriff, die trauten sich nicht, mich anzufassen, weil ich nackt war, weil ich ein Mädchen bin. Ich begriff genauso gleichzeitig, der Zauber konnte in jeder Sekunde in sich zusammenbrechen, und dann würden sie über mich kommen, als über ein Stück nacktes Fleisch, und sich bedienen.

Ich ging aufrecht in den Wald hinein, da waren überall grüne leuchtende Büsche, und ich ließ die Arme zu meinen Seiten hängen und hielt den Kopf hoch, und ich ging so weit, dass ich ein bisschen vor ihren Blicken geschützt war, vor ihren Blicken, die mir folgten, sie selber blieben aber am Wagen stehen, das hörte ich, da waren keine Schritte hinter mir, und also hockte ich mich hin und pinkelte und dachte an die Besucher, wie sie mir beim Pinkeln zugesehen hatten, und wie mir das nichts ausgemacht hatte, und ich weinte ein bisschen, aber das Pinkeln tat gut, meine Blase war quälend voll gewesen.

Ich wischte mich mit Blättern sauber, so gut es gehen wollte, und dann überlegte ich einen Augenblick, sollte ich rennen, einfach in den Wald hinein, aber ich wusste genau, der Galgenvater hatte keine Sprüche gemacht, die würden mich einholen innerhalb von Sekunden.

So tat ich, was mir anders nicht übrig blieb: ich stand auf, raffte all meine Würde zusammen, ging aufrecht, mit erhobenem Kopf, Arme zur Seite hängend, zurück zum Wagen, und dort warteten sie auf mich, Galgenvater mit seiner kreiselnden Zunge im Maul, der eine Junge mit der erhobenen Pistole, der ander glotzend mit offenem Mund, so starrten sie mir entgegen.

(Nachricht vom 28.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 29.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)