Banshee Neue Folge 129

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich glaub, ich weinte ein bisschen, immerhin hatte ich jetzt die rechte Hand frei, um mir das Gesicht zu wischen, und dabei spürte ich, wie mir das Handgelenk brannte, ich führte es an den Mund und tastete mit Lippen und Zungenspitze, ich spürte den metallischen Geschmack von Blut, und ich drückte mich so weit wie möglich in meine Ecke, mit der linken Schulter gegen die Rückwand des Fahrerhäuschens, und unter meinem nackten Hintern spürte ich die Knoten und Knubbel dieser stinkigen alten Matratze.

Als ich ein bisschen Mut gefasst hatte, beugte ich mich vor und tastete nach meinem linken Handgelenk, ich spürte unter den Fingerspitzen das harte kalte Metall der Handschelle, und die Haut war feucht, blutig. Ich konnte mich nur wenig bewegen, meine Hand war so an der Wand festgemacht, dass der Arm locker ausgestreckt hing, wenn ich mich ganz in die Ecke drückte, viel Bewegungsraum war da nicht.

Ich dachte an die Polizei, an PvM, die mussten mittlerweile gemerkt haben, dass ich weg bin, oder doch nicht, es war ja noch dunkel draußen, noch immer Nacht, und dann fiel mir eisig auf’s Herz, woher wusste ich, dass mit PvM nichts passiert war, woher wusste ich das, vielleicht hatten die ihn auch geholt, oder in seinem Bett erschlagen

mir blieb die Luft weg, ich traute mich kaum, in die Finsternis hinüber zu starren, wo dieser Prolet saß, ich wusste, der saß dort, in der gegenüberliegenden Ecke dieses Laderaums, und ich hatte ja gesehen, im Schein der Lampe, da war sonst nichts in diesem Raum, alles leer, nur die Matratze auf meiner Seite und ich drauf, und ob der auf seiner Seite auch eine Unterlage hatte, das hatte ich nicht erkennen können, oder ich hatte einfach nicht darauf geachtet, nur dass der Schatten wieder in seinen Winkel gekrochen war, das hatte ich gesehen, und jetzt saß der dort und schwieg, ich konnte im Rattern und Dröhnen des Wagens noch nicht einmal ein Atmen hören, und ich dachte, vielleicht sieht der besser im Dunkeln als ich, und dann sieht der, dass ich zu ihm rüber spähe, auf einmal schien mir das das Schrecklichste von der Welt, dass der das merkt, dass ich nach ihm ausguck, ich dachte, wenn nur erst mal der Blickkontakt hergestellt ist, vielleicht denkt der sich dann, könnt sich doch mal ein bisschen mit mir beschäftigen, und ich hätt mich nicht wehren können, wenn der über mich gekommen wär, ich hing da nackt in meiner Ecke, an die Wand gefesselt, und der hätt sich an mir bedienen können, auf dieser Matratze …

doch, ich hätt schreien können, gegen die Wand schlagen

aber wenn der mir ein Messer an die Kehle gesetzt hätte, ich hätt mir alles gefallen lassen müssen, ich war in der Gewalt von dem, und wie hatte der Galgenvater gesagt, ihr rührt mir die nicht an, oder so, aber würden die dem gehorchen, sie hatten ihn „Chef“ genannt, was soll das schon bedeuten

so raste es in meinem Kopf hin und her, ich glaube, ich hatt noch niemals solche Angst gehabt, und dann dachte ich wieder an PvM, was, wenn die dem was angetan hatten, wann würde überhaupt einer merken, dass was nicht in Ordnung war im Haus, am Morgen die Polizeistreife, die würde irgendwann klingeln, irgendwann

und dann sah ich diese graue Schnur

oder vielleicht war das auch eine graue Stange

in all der Finsternis ein Faden aus Grau. Ich weiß nicht, warum das so lange gedauert hat, bis mir dämmerte, es dämmert. Es wurde hell draußen, langsam, und was ich da sah, das war dieser offene Streifen unter der Wagentür, die Wagentür schloss nicht richtig, alter Klapperkasten, und draußen wurde es allmählich hell, und was ich sah, das war der erwachende Tag, da draußen.

Mir brach schier das Herz, da war auf einmal dieses idiotische Gefühl von Liebe in mir, als wollte ich als müsste ich die ganze Welt umarmen, Tag, dachte ich, Tag, die Nacht ist vorbei, es wird Tag, nun wird alles gut.

Und ich sah angestrengt hinüber nach dem grauen Streifen, aber nicht, weil ich sehen wollte, wie der immer heller wurde, sondern weil ich auf keinen Fall in die gegenüberliegende Ecke schauen wollte, wo der Prolet hockte, der mich „nackte Sau“ genannt hatte, ich dachte, wenn es jetzt heller wird, kann ich den sehen, und dann kann der mich auch sehen, wie ich da hock auf meiner Matratze, nackt und weiß, und vielleicht kriegt der dann seinen Steifen, wenn der mich so sieht, und dann kommt der über mich

und ich drückte und kauerte mich zusammen, so eng es nur gehen wollte, zog die Beine an und legte wieder den rechten Arm über meine Brust, aber ich konnte nichts daran ändern, dass ich meinen linken Arm nicht an mich ziehen konnte, der war ja an die Wagenwand gefesselt, warum bin ich überhaupt gefesselt, dachte ich, wenn da doch sowieso der Prolet sitzt und mich bewacht

und erst später, als ich nachgedacht hab, ist mir aufgedämmert, der hatte genauso viel Angst vor mir wie ich vor dem, denn wenn ich nicht gefesselt gewesen wär, mit dieser Handschelle, dann hätte ja genausogut ich über den kommen können, in der Dunkelheit, auf jeden Fall hätt ich Aufstand machen können, ich hätt mich vielleicht gegen die Tür geschmissen und die aufgekriegt und wär rausgesprungen, einfach rausgesprungen aus dem fahrenden Wagen, so hat das in denen gedacht, deshalb hatten die mich gefesselt, und mir wurd schlecht, und meine Blase hat angefangen zu kneifen und zu sägen

„Ich muss pinkeln“, sagte ich laut in die Dunkelheit hinein, ohne in die Ecke mit dem Proleten hinüberzusehen

„Was ist was willst du?“ grölte die grobe Stimme

„Pinkeln!“ schrie ich los, so laut ich konnte, „kapierst du das, du Arsch, ich muss pinkeln, ich bin ein Mädchen, und wenn ihr mich jetzt nicht sofort pinkeln lasst, lass ich’s in die Matratze laufen! Ich muss pinkeln!!!“

Und dann ging das wieder von  vorne los, das Gehämmere gegen die Wagenwand, und die Klopfzeichen von vorne, und nach einiger Zeit bog der Wagen seitlich ab, ich hörte Knirschen und Mahlen unter den Rädern, wir sind auf einem Waldweg, dachte ich, und dann hielt der Wagen an.

(Nachricht vom 27.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 28.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)