Banshee Neue Folge 128

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Und dann war da eine Lampe, ein riesiges gelbes Auge, das hat mich angestarrt, und ich weiß noch, ich hab eine kalte Empörung gespürt, haben die keinerlei Respekt vor mir, hab ich gedacht, die leuchten mir einfach in’s Gesicht, und ich hab mich so dicht wie möglich in meinen Winkel gedrückt, und die Beine angezogen, irgendwie wollt ich mich verbergen, das schien mir auf einmal das Wichtigste in der Welt, dass die meine Möpse nicht sehen, die geilen Schweine, und vor allem nicht meine Möse, aber wie sollt ich das machen, und die Laterne leuchtete mich an, unverwandt, und dann hörte ich die krächzende Stimme neben mir, die sagte, „die macht Ärger, die blöde Tusse, die ist aufgewacht, und jetzt zickt die rum“.

Und ich rief in das Licht hinein, ich konnte ja nicht mal den Arm heben, um mich vor der Blendung zu schützen, ich rief in das Licht hinein: „Ich will was zu trinken, und ich will, dass ihr mich losbindet, und ich will was zum Anziehen, und wer seid ihr überhaupt, und was soll das hier werden!?! Ihr habt mich aus meinem Haus gezerrt, die Polizei wird euch kriegen, die werden nach mir suchen, das wird nicht gut ausgehen für euch, lasst mich hier raus, lasst mich einfach hier raus, auf der Stelle, setzt mich hier ab, ich komm schon selber zurecht, lasst mich jetzt raus, ihr Arschlöcher, sofort!“

Ich hörte raues Gelache, Grölen, eine Stimme rief: „Die ist munter, die Kleine, die hat Biss, Mann, wie die dasitzt, die bietet sich doch geradezu an, die will das doch, wenn wir die mal schnell rannehmen jetzt, das merkt doch keiner, wen interessiert das überhaupt!“

Und dann war da eine andere Stimme, und irgendwie wusste ich, das war die Stimme von dem, der die Laterne hielt, der dieses Licht hielt, das mir ununterbrochen in’s Gesicht leuchtete: „Die wird nicht angefasst, die gehört uns nicht, die gehört unserem Herrn, wir haben unsere Befehle, habt ihr nicht Gehorsam gelobt?“

Und mürrische Stimmen: „Ja, Chef, ist ja okay, Chef.“

Und wieder die Stimme von dem mit der Laterne: „Also steckt eure Schwänze wieder in die Hose, wo sie hingehören. Gib der was zu trinken.“

Es war Geräusch und Gerummel, und der Wagen schwankte, und dann war eine schwarze Gestalt vor mir, einfach nur eine schwarze Gestalt, eine Silhouette gegen das Licht der Laterne, und dann verdunkelte die Gestalt das Licht und stand direkt vor mir, über mir, und dann wurde grob etwas Rundes gegen meinen Mund gedrückt.

Ich dachte im ersten Augenblick, das sei ein erigierter Schwanz, das dachte ich wirklich, und daran merkte ich erst, wieviel Angst ich davor hatte, vergewaltigt zu werden, in Wirklichkeit war das mein ganzer Gedanke, mein einziger, ich hier, nackt und gefesselt, und diese brutalen Kerle um mich herum, deswegen haben die mich doch aus dem Haus geholt, um mich zu vergewaltigen, um mit mir zu machen, was sie wollen, und wenn sie fertig sind mit mir und alle abgespritzt haben, über mir und in mich rein, drücken sie mir die Kehle zu, das hab ich gedacht, und all mein Geschrei, das war nur Geschrei gewesen aus Angst, und dann merkte ich, das war kein Steifer, der mir da in’s Gesicht gedrückt wurde, das war einfach eine Wasserflasche, und das Wasser sprudelte mir über Lippen und Kinn und tropfte mir auf die Brüste, und ich schloss endlich die Lippen um das Plastikgewinde und trank, und das lauwarme Wasser schoss mir gluckernd in den Bauch, und ich trank und trank.

„Ist genug jetzt“, sagte die heisere Schattenstimme vor mir und riss mir die Flasche von den Lippen.

„Was habt ihr mit meinen Handgelenken gemacht“, sagte ich keuchend, und das Wasser tropfte mir vom Mund, „mir tun die Handgelenke so furchtbar weh, bindet mich doch los.“

Die Schattengestalt vor mir bewegte sich und drehte sich und kehrte wieder zu der offenen Tür zurück, und aus dem Schwanken der Ladefläche verstand ich, der sprang wieder auf die Straße, und im Augenblick, da er nicht mehr vor mir stand, traf mich wieder voll der Strahl der Laterne, die leuchtete so ruhig und stetig, mir direkt in’s Gesicht, dass ich verstand, die war abgestellt auf der Kante der Ladefläche, und dann hörte ich Getuschel und hin und her, und dann war wieder Schwanken und Rumoren, und ich sah einen weiteren Schatten vor zur Tür gleiten, der kam direkt neben mir aus der Dunkelheit, das war der, der die ganze Zeit neben mir gesessen hatte, der mich als „nackte Sau“ angebrüllt hatte, der gegen die Rückwand der Fahrerkabine geklopft hatte.

Sie waren also zu dritt, und sie standen jetzt zu dritt auf der Straße, und ich konnte nichts sehen, die Laterne leuchtete mir in’s Gesicht.

„Bitte“, sagte ich inständig, „bindet mich los, mir sterben die Hände ab.“

Ich fing wirklich an zu bitten, ich wollte das nicht, es kam so aus mir raus, und dann war wieder Tuscheln, und dann fing wieder diese knotig-ölige Stimme an zu reden, die Stimme von dem, der die Laterne getragen hatte, bevor er sie auf der Kante der Ladefläche abgestellt hatte, die Stimme von dem, der als „Chef“ angeredet worden war.

„Du bist in unserer Hand“, sagte die Stimme, „und du hast nichts mehr zu sagen. Alles geschieht, wie es geschehen muss. Ich bin der Galgenvater Mulkenmund, merke du dir meinen Namen, denn es ist ein wichtiger Name in deinem Leben. Wisse, du verfügst nicht mehr über dein Leben. Dein Leben gehört dir nicht mehr. Dein Leben gehört auch nicht uns, denn auch wir sind nur Werkzeuge. Dein Leben gehört einem Größeren als wir alle. Dein Leben gehört dem Azazel.“

Ich hatte das gewusst. Ich war nicht einmal überrascht. Ich hatte das gewusst. Das waren die Irren, die schon die ganze Zeit hinter mir her gewesen waren. Das waren die Irre, von denen Balbutin und PF geredet hatten. Und jetzt hatten sie es mir gesagt. Sie hatten mir einfach gesagt, wer sie sind. Ich wusste im gleichen Augenblick, die haben nicht vor, mich jemals wieder laufen zu lassen. Ich wusste, ich bin so gut wie tot. Und rasende Gedanken flackerten durch mein Hirn. Was werden die alles mit mir machen, bevor sie mich umbringen. Wird Rettung kommen? Wird PvM kommen? Wird vielleicht ein Wunder geschehen, und ich schaffe es irgendwie selber, mich zu befreien? Zu entkommen? Davonzulaufen?

Und die ölig-knotige Stimme wurde lauter, und irgendwie wusste ich, der Kerl, dem die Stimme gehörte, hatte dünne fettige schwarze Haare, glatt auf den Schädel geklatscht, und die Stimme erhob sich zu feierlichem Redeton, und wiederholte: „Du bist in unserer Hand, und du hast keine Verfügung mehr über dein Leben. Wisse, dein Leben ist gar nichts, dein Leben ist alles, denn der Azazel will es. Wir sind nur die Werkzeuge, wir sind die Vollstrecker. Füge dich in dein Schicksal.“

Wieder war Getuschel, dann hörte ich Räumen und Klirren, da wurde in einem Metallkasten gekramt, Rumpeln tönte und Schaben und Räumen, und dann sprang wieder einer der Schatten auf die Ladefläche und kam auf mich zu, und ich dachte atemlos, jetzt passiert es, jetzt bringen die mich um, und ich sah etwas blitzen, vor dem Schatten oder um den Schatten rum, und die ölig-knotige Stimme rief aus, richtig wie ein Redner, mit feierlich erhobener Stimme: „Was jetzt geschieht, geschieht nicht, weil du das willst, und auch nicht, weil wir das wollen, sondern weil unser Herr das so will, der Herr Azazel, wahrer Gott und einziger Gott, Gott Himmels und der Erden.“

„Amen“, antworteten mürrisch die Proletenstimmen, die zu den beiden anderen Schatten gehörten, und ich sah das Blitzen einer Messerklinge und dachte gar nichts mehr, da wurde ich grob an der Schulter gefasst und vornüber gestoßen, und ich spürte etwas Kaltes an meinen Handgelenken, und dann hörte ich ein Knallen, und unmittelbar darauf fühlte ich einen Schwall unnennbarer Erleichterung, gefolgt von einem fast unerträglichen Brennen, das waren meine Handgelenke, meine wundgescheuerten Handgelenke, der Schatten hatte mit einem einzigen Messerschnitt die eng gezurrten Kabelbinder um meine Handgelenke durchtrennt, immerhin, ohne mich dabei zu schneiden in der Dunkelheit, und dann hörte ich ein kaltes Klirren, ich fühlte einen lockeren kühlen Metallring sich schließen um mein linkes Handgelenk, und dann wurde mein Arm zurück gedreht, gegen die Wand zur Fahrerkabine hin, und ich hörte ein metallisches Klicken. Irgendwie verstand ich, was mit mir gemacht worden war. Mein linker Arm war mit einer Handschelle an die Zwischenwand gefesselt worden, ziemlich weit unten, da musste es irgendwelches Gestänge geben in der Wand, um Ladung festzuzurren, da war ich jetzt festgezurrt, aber mein rechter Arm war frei, und ich ruderte mir den Beinen und setzte mich so, dass ich mit dem Rücken gegen die Seitenwand lehnte, die Laterne leuchtete mich jetzt von der Seite her an, und ich sah meinen Arm mit der Handschelle und die metallene Rückwand, alles angeleuchtet, und ja, da waren Metallringe in der Wand, an einen davon war ich gefesselt, und ich sah meine nackten Beine, und ich legte meinen rechten Arm über meine Brüste, und dabei sah ich im Licht der Leuchte, dass mein Handgelenk blutete, Idioten, murmelte ich schniefend.

„Verhalte dich ruhig“, tönte die ölig-knotige Stimme und versuchte, sonor und voll zu klingen. „Füge dich in dein Schicksal, umso leichter wird alles für dich.“

„Mach das Licht aus, dass die mein Gesicht nicht sieht“, sagte dir Proletenstimme dessen, der mich „nackte Sau“ genannt hatte.

„Ist doch völlig egal jetzt“, sagte die Stimme des Galgenvater Mulkenmund, „für die ist alles gelaufen“, aber das Licht ging dennoch aus, schwarze Finsternis hinterlassend, vor meinen Augen kreiselten rote Ringe, und dann ging wieder das Schwanken los der Ladefläche, ich begriff, mein Bewacher war wieder hoch geklettert, und ich hörte an dem Keuchen und Reiben, dass er wieder Platz nahm neben mir, nämlich in der gegenüberliegenden Wagenecke, wo er sich, wie ich, gegen die Rückwand der Fahrerkabine lehnen konnte.

„Ist doch ganz appetitlich, die Kleine“, sagte die zweite Proletenstimme draußen auf der Straße, und ich roch jetzt erst die feuchte Nachtluft, Nacht, dachte ich, Stille, Freiheit.

Und die Stimme des Galgenvater Mulkenmund ölte und knotete: „Schnauze, ihr Idioten, alle beide. Ihr fasst die nicht an. Wir haben unseren Auftrag.“

Und die Türen klappten zu, und drinnen war es wieder zappenduster, und draußen knirschten Schritte auf Asphalt, der Wagen schwankte wieder, vorne klappten Wagentüren, und das Dröhnen und Brüllen hob wieder an, ich saß auf der stinkenden Matratze und bildete mir ein, ich könne meine Beine sehen in der Dunkelheit, irgendwo war da ein weißer Schimmer, aber vielleicht wollte ich das nur, und in Wahrheit sah ich gar nichts.

(Nachricht vom 26.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 27.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)