Banshee Neue Folge 127

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Hab nichts gesehen, das war das erste, was ich gemerkt hab. Ich hab die Augen aufgerissen, aber ich hab nichts gesehen, ich bin blind, dachte ich, und da war Panik, und ich versuchte, um mich zu schlagen, aber mir waren die Hände hinter dem Rücken gefesselt, und da war überall dieses Brüllen, und ich wurde hin und her geschleudert, und ich dachte, oder vielmehr, irgendwas dachte in mir, ich bin nicht blind, ich bin in einem Lastwagen, oder einem Lieferwagen, der hat keine Fenster, ich lieg auf einer Matratze, und dann wurde mir der Kopf gegen die Seitenwand geschlagen, daran merkte ich, dass ich mich halb aufgerichtet hatte, irgendwie, und da war also eine Seitenwand, ich weiß das alles so genau, weil ich das wieder und wieder erzählen musste, die Polizisten haben mich alles wieder und wieder gefragt, da war also eine Seitenwand, und die hat vibriert und gerüttelt, und ich hab es geschafft, mich irgendwie in eine sitzende Stellung zu bringen, und da hat das angefangen, dieses Drehen und Brausen in meinem Kopf, alles hat sich gedreht, und ich hab angefangen zu würgen, ich wollte kotzen, ernsthaft, aber es ging nicht, ich hab nur gewürgt, mit weit offenem Mund, und mir sind die Tränen aus den Augen gespritzt, und ich wollt mir die Augen wischen, ich wollt mir die Augen reiben, ich hab gedacht, wenn ich mir nur die Augen reiben könnt, dann könnt ich vielleicht was sehen, aber ich hatte die Hände hinter dem Rücken, und ich hatte das Gefühl, es dreht mir Arme aus den Schultern, so hat das gezerrt und gezogen, und irgendwie hab ich mich zum Sitzen gebracht, und da war nicht nur eine Seitenwand, da war eine Ecke, das war die Ecke zwischen Seitenwand und Rückwand zum Fahrer hin, da hab ich mich hochgeschoben und reingelehnt, reingelehnt in die Ecke, und dann ging es mir etwas besser, mein Kopf wackelte nicht mehr so hin und her, und ich machte mich so klein und eng wie möglich, unter mir war die Matratze, und ich hockte da drauf, wie die kleine Seejungfrau hockt auf ihrem Stein, Schulter in die Ecke gedrückt.

Und endlich hab ich doch was gesehen. Da war ein grauer Streif, der war mal hell mal dunkel, mal blitzte er ein bisschen auf, dann war wieder alles schwarz. Das war eine Fuge an der Hintertür, die schloss nicht richtig, da wurde mir klar, das war wirklich ein Lieferwagen, so ein Kombi, fensterlos, mit einer Doppeltür hinten, nein, keiner Ladeklappe, nicht zum Hochklappen, zwei Türen, und dann war da eine Stimme, grob brüllend rau, die Stimme grölte: „Gib jetzt Ruhe, du nackte Sau, sonst setzt es was.“

Ich fror ein wie ein zum Steinblock, da war noch jemand hier hinten in dem Laderaum, da war jemand mit mir in der Finsternis, und der kriegte irgendwie mit, dass ich mich bewegte, und ich hielt die Luft an, und dann dachte ich, wieso gehorche ich, wieso lass ich mir das gefallen, wieso hat der Dreckskerl mir was zu sagen, und ich hatte gehört an der Stimme, das war ein junger Kerl, und der saß mit mir hier im Dunkeln, und der wusste, dass ich nackt war, und ich hatte die Arme hinter dem Rücken gefesselt, ich hätte dem nicht einmal die Augen auskratzen können, wenn der sich über mich her gemacht hätte, und dann schrie ich, jawohl, tat ich, ich stieß einfach einen Schrei aus, laut und wild, und ich hörte mich selber, ich begriff erst gar nicht, dass ich das war, so hatte ich mich noch nie schreien hören, und dann sprudelte es aus mir raus: „Wer seid ihr, ihr Arschlöcher, was macht ihr mit mir, ich will was sehen, ich will was zum Anziehen, und wieso glaubst du, du hast mir was zu sagen, du dreckige Ratte, bindet mich los, sofort, ich will hier raus, ich will nach Hause, wer hat euch erlaubt, so mit mir umzuspringen, was für ein Dreck seid ihr denn, mir tun die Arme weh, bindet mich los“, all so was und noch mehr, ich schrie und brüllte, und mir lief der Rotz aus der Nase, und dann war Krachen und Hämmern, direkt neben mir, neben meinem Ohr, da hämmerte jemand mit einem schweren Gegenstand gegen die Rückwand von der Fahrerkabine, und die grobe Stimme brüllte: „Die nackte Sau ist wach, ich zieh der eine über, wenn die keine Ruhe gibt, haltet jetzt an, sofort!“

Und da war ein Pochen von draußen, von vorne, vom Fahrer her, wohl zum Zeichen, dass man gehört hatte, und ich sagte, praktisch in einem Wort: „Ich will was zu trinken und ich will wissen wer ihr seid ich will wissen was ihr wollt bringt mich nach Hause sofort und vor allem will ich was zu trinken.“

Ich hatte auf einmal unerträglichen Durst, ich fühlte meine Zunge hart und trocken in meinem Mund, Fremdkörper, als könnte ich drauf rum kauen, und am liebsten hätte ich sie ausgespuckt, und dann war da wieder dieses Ziehen in meinen Schultern, und ein schneidender Schmerz in meinen Handgelenken, und ich schrie wieder, ich brüllte: „Bindet mich los, macht doch meine Hände los, ihr Idioten!“ und dann hörte das Rütteln und Rumpeln auf, und das Dröhnen, und es war Stille, und ich hörte Wagentüren klappen, vorne, und dann kamen waren Schritte, und hinten gingen die Türen auf.

(Nachricht vom 25.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 26.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)