Banshee Neue Folge 126

Nachricht von Ayse Ohnenamen

So, wo war ich. Ich bin aufgewacht, die haben um mein Bett rumgestanden, schweigend, wie Türme, und als ich mich rühren wollt, da haben sie mir einen nassen Lappen auf’s Gesicht gedrückt, und dann wurde alles dunkel.

Ich weiß also nicht, wie die mich aus dem Haus geschafft haben. Wie die mich in ihren Wagen eingefüllt haben. Sorry, ich weiß gar nichts.

Doch, irgendwann hab ich angefangen zu träumen. Ich bin dunkle Wege langgerannt, immer gerannt, und ständig hab ich mich umgeguckt, aber ich hab nichts gesehen. Dann waren gestutzte Hecken zu meiner Seite, wie auf einem von euren Friedhöfen, und die bin ich entlanggerannt, immer diesen Hecken entlang, und in den Hecken waren Gittertüren, die waren aber alle verschlossen, mir blieb nichts anderes übrig, als dem Weg zu folgen, und der wurde dunkel, am Anfang war noch alles grau und weißlich hell gewesen, aber jetzt wurde es dunkel, und da waren Straßenlampen über mir, und ich hab gedacht, unterm Rennen, aber wo renn ich denn hin, ich muss doch nach Hause, PvM wartet auf mich, der fragt sich sicher schon, wo ich bleibe, ich muss mich beeilen, und dann spürte ich Schmerzen, stechende Schmerzen, das ist von dem Kies, dachte ich, ich bin ja barfuß und renne auf diesem Kiesweg, da hab ich mir die Füße aufgescheuert, und ich bin gerannt und gerannt, und dann waren die Schmerzen in meinen Schultern und in meinem Brustkorb und in meinen Handgelenken, und ich bin aufgewacht.

Ich hab die Augen nicht aufgekriegt, ich war wach, und dann wurde ich richtig wach, aber ich hab die Augen nicht aufgekriegt, und ich hab versucht, mich zu rühren, aber das ging nicht, ich konnte nicht einmal die Finger bewegen.

Und als ich das versuchte, meine Finger zu bewegen, hab ich gemerkt, dass ich beide Hände hinter meinem Rücken hatte, so schlaf ich doch nicht, hab ich gedacht, wie lieg ich denn, ich schlaf doch nicht mit beiden Händen hinter meinem Rücken, und dann wurde mir klar, etwas ist passiert, etwas Schreckliches, etwas Unausdenkbares.

Meine Ohren waren auf einmal voll von einem bösartigen Röhren und Dröhnen, das bohrte sich richtig in mich rein, und das hab ich zuerst gehört, dieses Brüllen, und dann erst hab ich gemerkt, dass ich gerüttelt und geschüttelt wurde, ich bekam einen Stoß nach dem anderen ab, und mein Kopf rollerte haltlos hin und her, und dann schnitten mir die Schmerzen in den Leib, in die Handgelenke, wie gesagt, und in die Schultern und in’s Genick, und dann war da dieser Geruch, so ein schäbiger stinkiger Geruch nach Nässe und Fäulnis, und der Geruch brachte mich zu mir.

Ich lag auf der Seite, ausgestreckt, die Hände hinter dem Rücken, und meine Handgelenke waren gefesselt, eng und scharf, das schnitt mir ein in die Haut, und ich lag auf einer stinkenden alten Matratze, das war das Stinken, und ich lag hinten in einem fahrenden Lieferwagen, auf der Ladefläche, das war das Rumpeln und Dröhnen, deswegen wurde ich so gestoßen und hin und her geschleudert, und ich war nackt, und ich bekam immer noch nicht die Augen auf, und hinter meiner Stirn spürte ich immer noch den Geruch von diesem nassen Lappen, an den erinnerte ich mich zuerst, und dann erinnerte ich mich an die Gestalten, die um mein Bett herum gestanden hatten, und dann dämmerte es mir.

Die waren in das Haus eingedrungen und hatten mich betäubt, und dann hatten sie mich aus dem Haus getragen und in ihren Lieferwagen geworfen, und jetzt transportierten sie mich davon. Sie hatten mich auf eine Matratze geschmissen, und sie hatten mir die Hände auf dem Rücken gefesselt, an den Handgelenken, mit irgendwas, was mir furchtbar in die Haut schnitt, also ich denke, die haben einfach Kabelbinder benutzt. Und ich lag auf der Seite und war immer noch nackt, so wie ich geschlafen hatte, und ich wurde hin und her geschleudert in dem fahrenden Wagen.

Ich kam immer mehr zu mir, und ich versuchte, wenigstens mit den Beinen und mit den Händen, hinter meinem Rücken, die schlimmsten Stöße abzufangen. Irgendwann fing ich an zu denken, wirr durcheinander, alles auf einmal. An die Matratze, an die hab ich zuerst gedacht. Die wollen mich nicht umbringen, hab ich gedacht, sonst hätten sie mir nicht diese Matratze untergelegt. Wenn die mich tot haben wollten, hätten sie mich einfach auf die Ladefläche geschmissen, wie ein totes Tier. Aber das wollen die nicht, die haben noch was mit mir vor, und die haben das vorbereitet, deswegen haben sie ja diese Matratze mitgebracht, um mich da drauf abzulegen.

Und die Matratze war alt und knubbelig und stank, die hatte seit Jahren in einem Keller gelegen, in einem feuchten Keller, aber irgendwie machte sie mir Mut, irgendwie ließ sie mich an Fürsorge denken, vielleicht geht alles gut aus, vielleicht wollen die mich nur erschrecken, die machen mit mir eine Rundfahrt, damit ich zum Nachdenken komm, und dann machen sie die Tür hinten auf und schmeißen mich auf die Straße, oder vielleicht laden sie mich sogar in unserem Garten wieder ab, neben dem Teich, an dem ich die ganzen Tag gearbeitet hab, bis der Gewittersturm kam, die wollen mich bloß erschrecken, die wollen PvM erschrecken.

Und als ich an PvM gedacht hab, hat sich mir das Herz zusammengezogen. Der hat das vielleicht schon gemerkt, dass ich weg bin, jetzt denkt der natürlich, ich hab mich wieder davon gemacht, raus in die Gärten, zusammen mit den Besuchern, das muss der doch denken, der denkt jetzt, ich hab ihn angelogen, ich hab es doch wieder gemacht.

Und ich hab angefangen, mich zu drehen und zu winden, und dann hab ich endlich die Augen aufgebracht.

(Nachricht vom 24.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 25.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)