Banshee Neue Folge 123

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Die haben neben meinem Bett gestanden, mitten in der Nacht. Ich bin davon aufgewacht, ich hab die Augen aufgemacht und hab die vor mir stehen sehen. Ganz hoch waren die, als würd man zu einer Reihe von Stahlträgern hochgucken, wie auf einer Baustelle. Hoch und steil, mitten in der Nacht, das ist, woran ich mich besonders erinnere. Die standen da, schweigend, und haben auf mich runtergeguckt, als läg ich tief unten, am Boden einer Baugrube.

Ich wollt schreien, ich konnt nicht einmal atmen, ich hab den Mund nicht aufgekriegt, und dann hab ich gemerkt, dass ich splitternackt war, auf meinem Bett, das war dieser Gewittertag gewesen, es hatte geregnet bis in die Nacht hinein, und die Luft war dick und nass, ich hatte mich gar nicht zugedeckt, und ich lag nackt auf meinem Bett, und die guckten auf mich runter.

Ich bin einfach eingefroren. Die waren zu viele, die waren zu groß, die waren übermächtig. Und dann hab ich einen Laut gehört, etwas wie ein Schluchzen, das war ich selber, ich hab die Luft eingezogen, wie einer nach Luft schnappt, wenn er aus dem Wasser auftaucht, und das hat die aus ihrer Erstarrung gelöst, die kamen über mich, auf einmal haben die sich über mich gebeugt, wie Maschinen, die irgendwas installieren, oder wie – ja, wie vermummte Ärzte, die sich über einen Operationstisch beugen. Ich lag auf dem Operationstisch, nackt und wehrlos, und dann hat es mich irgendwie hochgerissen, ich wollte aufspringen, ich wollte strampeln, ich wollte schreien, irgendwas, da haben sie mich schon niedergedrückt, da waren auf einmal überall Schrauben und Zwingen, eisenhart, die haben mich runtergedrückt, das müssen die Hände von denen gewesen sein, aber es hat sich nicht wie Hände angefühlt, eher wie Maschinen, mit Greifarmen, und die Greifarme waren überall, auf meinen Armen meinen Beinen meinem Bauch meiner Brust, und ich hab an PvM gedacht, dass ich schreien müsst, und dann würd der kommen, und dann war ein dickes Tuch vor meinem Mund und vor meiner Nase, und ich erstickte.

Das Tuch war nass, und füllte mich sofort von oben bis unten mit einem chemischen Geruch, der war nicht nur in meinem Atem, der war sofort überall, in meinem ganzen Körper, in allen Blutgefäßen, überall, und ich dachte, ich darf das nicht einatmen, und ich würgte und rang um Luft, und dann wurde alles schwarz, ganz schnell, übergangslos.

So. Ich weiß nicht, wie die mich aus dem Haus gebracht haben, die Polizei kann das nicht mehr rekonstruieren. Ihr versteht, es sind alle tot, die dabei gewesen waren. Ob sie mir was angezogen haben, bevor sie mich rausgeschafft haben, oder erst hinterher, ob sie mich vielleicht in eine Decke gewickelt haben, ob sie mich getragen haben wie einen Sack, oder ob sie etwas wie eine Bahre benutzt haben, ich weiß das nicht. Die Polizei sagt nur, und PvM sagt das ja auch, in meinem Zimmer sah nichts nach einem Kampf aus, deshalb hat die Polizei zunächst mal gesagt, alles offen, die kann auch freiwillig mitgegangen sein.

Bin ich nicht. Ich hätte mich gewehrt, wenn mir auch nur die geringste Chance geblieben wär. Die haben mich im Schlaf überrascht, und ich hab wohl begriffen, was passierte, aber nur so ungefähr, dann war ich schon außer Gefecht gesetzt. Und ich erinnere mich an diese Stahlträger, die sich über mir zusammenwölbten, sorry, anders kann ich das nicht ausdrücken. Die Polizei hat mir Fotos gezeigt bis zum Abwinken, ja, ich hab mich natürlich an die Gesichter erinnert, aber von später, ich kann nicht mehr sagen, wer die waren, die da an meinem Bett gestanden haben, die da über mich gekommen sind, ob der Galgenvater dabei war, ob die alt waren oder jung, ob das dieselben waren, die nachher am Strand gestorben sind, oder ob da noch andere dabei waren, es kann ja sein, dass die, die mich aus dem Haus geholt haben, ganz andere waren als die, die mich nachher weitertransportiert haben, alles möglich, ich weiß es einfach nicht, aber wenn PvM hier schreibt, ich hab Angst, ich guck mir ständig über die Schulter, dann ist das genau deshalb, weil ich denk, da waren vielleicht noch andere dabei, am Anfang, die später nicht mehr dabei waren, und die werden eines Tages kommen, um die Sache zu vollenden, schließlich, sie haben den Auftrag von ihrem Azazel persönlich erhalten, der wollte mich, michmichmich und sonst niemanden in der Welt, und vielleicht ist der immer noch hungrig auf mich, und vielleicht wursteln da im Dunkeln immer noch Anhänger von dem rum, die sagen, die Sache ist noch nicht gegessen, wir vollenden das, wir haben die Schlacht verloren, da oben am Strand, aber nicht den Krieg, der Krieg ist noch nicht vorbei.

Diana, du weißt, wovon ich rede, so ist es euch Juden doch ergangen all die Jahrhunderte durch, immer mal wieder war Ruhe, aber ihr habt genau gewusst, die Täter, sie sind immer noch da, und die überlegen sich, wie sie die Sache vollenden können, und dann sitzt ihr da, in der Nacht, und wollt bereit sein, wenn die kommen.

(Nachricht vom 21.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 22.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)