Banshee Neue Folge 122

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Doch, ich bin noch da, die Maus ist noch da. Tut mir leid, dass ich bis jetzt nichts geschrieben hab, ich verdank euch mein Leben, da hättet ihr es eigentlich verdient, das ich euch alles erzähl. Jetzt setz ich mich hin und fang einfach irgendwo an.

Irgendwo. Regina.

Ich hör der so gern zu, wenn die was zu erzählen hat. Es ist unglaublich, wie die die Dinge ordnet, wie die alles im Griff hat. Und wenn sie sich was überlegt hat, wenn in der innendrin was geordnet ist, dann ist für die alles klar, dann hat die ihren Plan, ihre Agenda, die zieht das durch.

Wie mit diesen Manuskripten, die sie da oben auf dem Fons gefunden haben. Ich würd das ja zu gerne mal sehen. Hohlräume hinter uralten Wänden? Geht’s noch aufregender? Ich hab sie gefragt, warum sie denn nicht all die schönen Sachen behalten wollen, oben auf dem Fons, das ist doch eures, hab ich gesagt.

Sie hat den Kopf geschüttelt. Wir haben schon auch Tresore und klimatisierte Räume, wo wir wertvolle Handschriften unterbringen können, oder Wiegendrucke, hat sie gesagt, aber wir sind nicht ausgerüstet, um archäologische Funde angemessen versorgen zu können. Um das leisten zu können, müssten wir in großem Stil bauen, und zwar unter strengen Auflagen, wir hätten dann die Landesdenkmalsbehörde im Haus, ich wär nicht mehr die Hausherrin. Das ist ein Fund von internationaler Bedeutung, die ganze Welt würde uns zuschauen, schon deshalb, weil es ja die Gedenkstätte gibt, unter der Kathedrale. Ich wär dann Tag und Nacht unter Aufsicht, das Institut für Judaistik würde praktisch bei uns einziehen, die wollen und sollen die Funde ja auswerten, das wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen, mit täglichem Besuch von Forschern, die kämen von der ganzen Welt hierher, wir können das nicht leisten. Das würde uns alles aus der Hand gleiten. Die ganze Stellung des Fons in Weldbrüggen hängt davon ab, dass wir selbständig sind. Selbständig und unauffällig. Deswegen will ich die Sache aus dem Haus haben. Wir wären sonst im Handumdrehen die Stelle zur Erforschung dieser Geniza, und der Fons wäre nur noch ein Anhang. Will ich nicht. Ich will zusehen, dass wir ein paar für sich aussagekräftige Objekte behalten dürfen, einen Leuchter vielleicht oder so etwas, und dann verglasen und beleuchten wir die geleerten Hohlräume und stellen die paar Objekte drin auf, so dass Besuchern gezeigt werden kann, hier ist die Geniza entdeckt worden, genau hier, an dieser Stelle, so sieht das aus.

Wir murmelten sofort unseren Beifall, PvM und ich, so ist das mit Regina, sie hat sich das alles schon zurechtgelegt, in ihrem hübschen silbernen Kopf, und jetzt zieht sie das durch, und führt ihren Fons in’s nächste Jahrhundert, sozusagen.

Als ich am Herd stand, um Tee zu kochen, war sie auf einmal neben mir und hat mir den Arm um die Hüfte gelegt und gesagt, isst du auch genug, Maus?

Und ich hab sie umarmt und den Kopf auf ihre Schulter gelegt und hab wieder ihre Vogelknochen gespürt und wie dünn sie selber ist, und ich hab gesagt, ich hab noch nicht wieder nach Hause gefunden.

Das ist die Wahrheit. Mir kommt hier alles fremd vor, als wär ich ein Besucher von weit draußen. Bevor das alles passiert ist, war das hier mein Zuhause, alles war Ich. Jetzt bild ich mir manchmal ein, die Dinge gucken mich an wie feindselig, als wollten sie mir sagen, du gehörst nicht hierher, war ganz richtig, dass du weggeräumt worden bist, und jetzt bist du wieder da, wir können ohne dich.

Das Haus ist böse mit mir, weil ich mich hab einfach wegzerren lassen, die Dinge sind böse mit mir, selbst die Katzen trauen mir nicht mehr. Ich bin die, die einfach fortgegangen ist.

Ich weiß, was ihr alle denkt, und wie ihr darüber redet, dass ich im gleichen Bett schlaf, neben dem alten Mann. Ich sag’s euch. PvM ist der eine, der mir nicht fremd vorkommt. Selbst Regina, ich meine, ich kenne sie doch, und sie kann das machen, mir einfach den Arm um die Hüfte legen, obwohl ich doch im Bikini bin und so gut wie nackt, und ich kann sie umarmen, und trotzdem schaut sie mich so fremd an, so fremd. PvM nicht. Der war mit mir oben auf diesem Felsen, das ist es, der hat sich vor mich gestellt, versteht ihr, der hatte genau den gleichen Blick wie ich, der hat alles gesehen ganz genauso wie ich, und deshalb, so kommt es mir vor, deshalb ist der mir hinterher gekommen, um genau diesen Blick zu haben, genau diesen gleichen Blick auf die Dinge wie ich, und jetzt, jetzt ist da etwas, was uns verbindet, das ist nicht mehr zu lösen. Wenn ich neben ihm liege, und Scheiß drauf, nur wenn ich neben ihm liege und ihn atmen höre, fühle ich mich in Sicherheit, weil ich weiß, da ist der alte Mann, der hat alles gesehen, alles ganz genauso wie ich, und jetzt sieht er alles ganz genauso wie ich, und wenn ich ihm sage, ich seh das so und so, dann versteht der das, dann weiß der sofort, was ich meine, ich muss gar nichts erklären.

Natürlich werd ich wieder zur Therapie gehen. Ganz die brave Kopftuchmaus, die ich bin. Aber was soll mir das nützen. Therapie. Die Gesichter dort sind mir genauso fremd wie alles andere auch. Die machen die Münder auf und zu, und raus kommen Schälle, und alles soll was bedeuten, und es ist mir alles so egal.

Ich bin nicht mehr zuhause in der Welt, das ist es, darum geht es. Ich bin meinen Eltern entkommen, ich bin dem Konopski entkommen, irgendwie, ich hab sogar die Sache mit den Besuchern gemanagt, aber jetzt dieser Azazel, dieser Burroblast, das hat mir den Rest gegeben. Ich guck mich um und denk die ganze Zeit, was ist das für eine Welt, ich kenn die nicht.

Ich wünschte, ich wär da drinnen bei diesen alten Juden, da drin im Raumschiff, wär eine von denen, da wär ich zuhause. Ich könnt mit denen reden. Müsst nicht einmal verstehen, was die sagen, würd einfach bloß still dabei sitzen und denen beim Reden zuhören und würd dazu gehören. Und würd mit denen darauf warten, dass das Raumschiff endlich ankommt, und die Türen öffnen sich, und draußen ist Licht, draußen ist das Gelobte Land.

Das wär so schön.

(Nachricht vom 20.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 21.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)