Banshee Neue Folge 121

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ayse sitzt im Garten und gräbt an dem Loch, in das mal der Filter für den Teich reinkommen soll. Ich schleiche um sie rum wie um Sprengstoff. Sie redet, und sie erzählt mir tausend Sachen. Und ich erzähl ihr, wie das hier war, als die Bullen uns verdächtigt haben, wir hätten was mit ihrer Entführung zu tun. Wir reden über alles. Und trotzdem ist da was, als würd nicht alles gesagt. Ayse hat Angst. Sie guckt immer wieder zur Straße rüber, zum Gartenzaun, was weiß ich. Die Besucher flattern um sie herum wie große Vögel. Wir waren einkaufen, gestern Vormittag. War dringend nötig. Ich hab nichts gemacht, während Ayse fort war. Sie war auch voll dabei, hat die Schränke und den Kühlschrank aufgemacht und eine Liste zusammengestellt, wo wir was kaufen, aber dann —

Sie wollte nicht allein fahren. Um keinen Preis. Doch, hinters Steuer klemmen wollte sie sich schon. Aber ich musste daneben sitzen. Hab nichts dagegen. Ich fahr gern mit ihr, und wenn wir im Supermarkt den Einkaufswagen durch die Regale schieben, gehen wir durch als, ja, als was? Als Ehepaar? Vater und Tochter? Opa und Enkelkind? Aber immerhin, all das Organisieren und das Nachdenken über den Haushalt, das tut ihr gut, merk ich, für Augenblicke ist sie immer wieder wie früher, aufmerksam, blitzende Augen, bei den Dingen. Das brauch ich so dringend, ich merk das, ich brauch sie, denn ich bin nicht aufmerksam und bei den Dingen, ich bin verschlafen und immer abwesend, das war so gut, jemanden im Haus zu haben, der die Gegenwart im Blick hat, ganz und gar die Gegenwart, auch wenn zu der Gegenwart die Besucher gehören.

Darin sind wir auch anders, Ayse und ich. Die Besucher sind mir mit der Zeit egal geworden, ich hab irgendwie gedacht, sind die halt da, stören mich nicht. Für Ayse standen die immer im Zentrum der Dinge. Erstens einmal hat sie dieses besondere Verhältnis zu denen, und zum anderen – ja, sie ist ganz mit der Gegenwart beschäftigt, die Besucher stehen mitten in der Gegenwart, also. Sie redet mit denen, ich ignorier die, das ist der Unterschied.

Regina war wieder da. Bringt mit sich einen Wirbelwind von Aktivität. Sie hat eine neue Baustelle, im Wortsinne. Oben auf dem Fons waren Installateure zugange, im alten Flügel. Da gibt es noch Bauteile, die sind seit ältesten Zeiten nicht verändert. Das alte Kloster, in dem heute die Verwaltung untergebracht ist, ist aufwändig saniert worden, aber es gibt da Gewölbe und Seitenflügel, die sind nicht weiter berührt worden, nur baulich gesichert. Da laufen elektrische Leitungen durch, die sind schon in der Kaiserzeit über Putz gelegt worden, die neuen Glasfaserkabel und was die da sonst haben, die hat man erst recht den Wänden entlang geführt, ich hab das mal sehen dürfen, zum Teil sind das Räume ohne Fenster und Belüftung, man könnt schon was draus machen, aber das hatte nie Priorität, das waren die „Grüfte“, so haben die im Fons immer gesagt. Wie auch immer, was da an Kabeln rumliegt, ist gewaltig, und wenn man das sieht, wird einem klar, die Verbindung des Fons zum Weldbrüggener Geheimdienst ist nicht nur juristisch. Darüber redet Regina natürlich nicht. Der Personenschützer, der sie jetzt immerfort begleitet, ist zwei Köpfe größer als sie, er folgt ihr wie ein Hündchen, auch bei mir in’s Haus hinein, und er ist für Ayses Bikini überaus empfänglich, das sieht man daran, wie er angestrengt über Ayses Kopf wegguckt, wenn sie vom Garten rein kommt und uns in der Küche Tee kocht, und für Augenblicke ist, als wäre nichts, als wäre alles gut. Wie auch immer. Es waren also Installateure da, die haben die offenen Leitungen in den Grüften überprüft, und dabei haben sie die Wände abgeklopft. Hohlräume gefunden. Wie gesagt, das sind noch die originalen alten Klostermauern da unten. Zwei der Hohlräume waren gefüllt, das hat man schon beim Abklopfen gehört. In der Zeit, als Ayse fort war, hat Regina, unter Beiziehung der Denkmalschutzbehörde natürlich, alles unter strenger Aufsicht! die Wände öffnen lassen. Was die da gefunden haben, also, wir haben mit offenem Mund zugehört, Ayse und ich, als Regina das erzählt hat. Die haben eine Geniza gefunden. In einem christlichen Kloster. Nicht irgendeine Geniza. Möglicherweise die älteste, die je auf europäischem Boden entdeckt wurde. Eine Geniza ist ein Lagerraum, in dem die Juden unbrauchbar gewordene Schriften und Kultgegenstände, Thorarollen zum Beispiel, sozusagen ehrenvoll „beerdigen“. Vor allem, wenn der Name GOttes darin vorkommt, dürfen Schriften nach jüdischem Brauch nicht einfach weggeworfen werden. Was die da oben auf dem Fons jetzt gefunden haben, das sind Schriftrollen und Leuchter und Kultgefäße, alles sorgsam eingewickelt, zum Teil in kostbare Stoffe, aus der Zeit, ja, aus der Zeit des Massakers an der jüdischen Gemeinde während des Schwarzen Todes, 1348. Als die Weldbrüggener die überlebenden Juden unter der Kathedrale lebendig begraben hatten, genau jene Juden, deren Leichname man in der Gedenkstätte sehen kann, wir waren da, Ayse und ich und Regina, ihr wisst das, ihr habt das gelesen. Nach dem ersten Anschein spricht alles dafür, dass die Mönche oben auf der Sonderbürener Höhe, hoch über Weldbrüggen und Montbel, sich der Schriftrollen und der Kultgegenstände der jüdischen Gemeinde angenommen haben. Wie die Gegenstände hoch in’s Kloster gekommen sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Jemand jedenfalls, die Mönche selber oder überlebende Juden, haben Hohlräume in den Kellerwandungen des Klosters geschaffen oder vorhandene Hohlräume genutzt, wer weiß, haben die geborgenen Artefakte dorthinein versorgt und die Wände wieder zugemauert, und das war’s. Die Sache ist vergessen worden, so wie die lebendig begrabenen Juden vergessen worden sind. Nicht einmal der Baron von Zuffenhausen, als er die alten Gebäude gekauft hat, hat etwas gemerkt, und da die Ruhestätte sich ausgerechnet in einem von den Gebäudeteilen befand, die von der Generalsanierung nicht betroffen waren, blieb diese Geniza bis heute unentdeckt. Am Institut für Judaistik, hier an der Uni Weldbrüggen, herrscht jetzt natürlich Aufbruchsstimmung. Ein vergleichbarer Fund ist auf europäischem Boden überhaupt noch nicht gemacht worden. Regina ist schon wieder auf dem Sprung nach Berlin. Die Bundesregierung ist ja in’s Kuratorengremium der Gedenkstätte eingebunden, will sagen, die Deutsche Bundesregierung trägt die Gedenkstätte, und es bietet sich an, dass die Gedenkstätte die Funde übernimmt, die haben alle Voraussetzungen für die Aufbewahrung und Restaurierung, klimatisierte Räume, Fachkräfte, was weiß ich, vor allem die Finanzmittel. Bis jetzt hat man mehr als dreihundert Handschriften und Handschriftenfragmente geborgen, alle gut erhalten, aber altersbedingt in einem sehr fragilen Zustand. Regina will nächste Woche zusammen mit dem Ministerpräsidenten und dem Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde die Öffentlichkeit unterrichten, offizielle Sache, Pressekonferenz im Landtag.

Wir haben in der Küche gesessen, als Regina das erzählt hat, draußen auf dem Garten heller Sommer, und wir alle haben das Gleiche gedacht, ist vielleicht kein Zufall, vielleicht ist nichts ein Zufall, und Ayse hat es dann gesagt, vielleicht steht was über den Azazel drin, in diesen alten Schriften, vielleicht steht was über die Besucher drin.

Was für ein kleines Floß unsere Wirklichkeit doch ist, und wir sitzen drauf und treiben dahin, auf einem unbekannten Meer.

(Nachricht vom 19.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 20.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)