Banshee Neue Folge 120

Nachricht von Amy Buchmüller

PvM, tut mir leid für alle die dummen Sprüche, die ich schon rausgelassen hab, ich werd jetzt still sein. Ayse, ich bin so froh, dass du wieder da bist. Ist mir klar, weitermachen wie vorher, das ist erst mal nicht drin. Für uns alle nicht. Aber auf der anderen Seite … ich will auch nicht, dass mein ganzes Leben jetzt anders wird, bloß weil es die gegeben hat, bloß weil es diese Idioten gegeben hat. Das würde ja bedeuten, die haben jetzt das Sagen über mich. Die waren da, die sind in meinem Leben aufgetaucht, und deshalb ist jetzt alles anders. Da muss was sein, in meinem Leben, was so schwer ist, dass niemand das wegrücken kann. Das will ich. Und da bin ich jetzt grad auf der Suche. Irgendwo muss da was sein, das sagt Ich ich ich … wenn das nicht ist, haben immer andere über uns das Sagen.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Ein Punkt für dich, Amy. Hallo Ayse, so gut, dass du wieder da bist. Hab mir was überlegt. Wenn man so durch die Mühle gedreht worden ist wie wir, ich meine, man könnt das doch auch als Chance sehen. Sagen wir mal, es liegt alles in Trümmern. Tut es nicht, aber sagen wir mal so. Dann ist das doch eine gute Gelegenheit, mal zu gucken, was ist übrig geblieben, was hat Bestand. Was haben die uns nicht wegnehmen können. Zum Beispiel, wir sind immer noch alle da. Wir sind uns immer noch wichtig. Ich bin immer noch eine Lesbe. So was.

Nachricht von Diana Hindrance

Es gibt auch Leute, die sind so durch den Wolf gedreht worden, da war dann nichts mehr übrig. Die sind zerstört worden. Und die sie zerstört haben, die haben dann munter weitergemacht. Den Tätern geht es hinterher immer gut. Es sind die Opfer, die leiden. Das hat doch Ayse schon gesagt.

Nachricht von Amy Buchmüller

Ja, aber für diesmal hat es die Täter erwischt. Wir haben sie sterben gesehen. Scheiße, ich hab jetzt Zeit gehabt nachzudenken. Ich hab ja noch versucht zu helfen. Aber okay, vielleicht sind wir zu nachsichtig. Wir sind ja so zivilisiert, so kultiviert. Das ist immer unser erster Gedanke, was ist mit den Tätern, wie können wir die rehabilitieren, wie können wir die resozialisieren. Wie können wir uns in die einfühlen. Wie können wir mildernde Umstände finden. Was müssen die für eine schreckliche Kindheit gehabt haben, dass die so schlimme Dinge machen. Aber vielleicht brauchen die einfach die Faust in die Schnauze, und sonst nichts. Wir sind doch alle für uns selber verantwortlich. Warum soll einer, der mit dem Messer auf andere losgeht, nicht verantwortlich sein?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Oh Mann, Amy, das sind ja ganz neue Töne von dir. Mir ist schon klar, wovon du redest. Jeder von uns will sich doch was aufbauen. Und das Aufbauen ist eine langsame Sache, das ist sowas von mühselig. Das ist wie mit den Kindern, die am Strand den ganzen Tag an einer Sandburg bauen. Und dann kommt das fette Schweinekind, das mit den dicken Muskeln, und tritt in einer Sekunde die Sandburg zusammen. Einfach so. Aus Bosheit. Und dann lacht es, das fette Kind, und die anderen Kinder weinen. Aber der Punkt ist, die Sandburg, die ist dann weg. Die war vielleicht schön, aber die ist weg. Wenn das fette Kind jetzt vorweg weiß, es wird sowieso nicht bestraft, wenn es sowas macht, wie soll das dann weitergehen? Sollen wir unser ganzes Leben lang Angst haben, dass die fetten Kinder kommen, und uns kaputt machen, was wir uns aufgebaut haben? Guckt doch mal in’s Internet, da sind sie zugange, die fetten Kinder, und wissen überall was und spritzen Hass! Ich weiß auch nicht. Das ist eine Scheißwelt. Ich bin so froh, dass wir Ayse wiederhaben. Aber dass die jetzt einfach wieder ihren Bikini anzieht und an ihrem Teich weitermacht im Garten, das glaub ich nie im Leben, dass das die Lösung ist.

Nachricht von Diana Hindrance

Es geht doch darum, die fetten Kinder, ich nehm das jetzt mal auf, Sandra, das gefällt mir, also, es geht darum, die fetten Kinder dürfen nicht das Sagen haben. Das ist wirklich der Punkt, da mach ich mir auch Gedanken. Es ist die Bosheit, um die geht es. Es kann ja auch die Flut kommen und uns das Häuschen wegspülen. Aber dann krempeln wir die Ärmel hoch und versuchen, alles wieder hinzukriegen, und möglichst alles noch besser zu machen, als es vorher war. Aber wenn diese Nazis kommen, das ist irgendwie was anderes. Die sind keine Flut, kein Orkan, was weiß ich. Die sind nicht blind. Die sind bösartig. Die zerstören aus bösem Willen. Das macht den Unterschied. Die handeln mit Vorbedacht, so heißt das doch. Das ist es, was uns so zerstört.

Nachricht von Amy Buchmüller

Ich will ja nicht ablenken, aber unsere Freunde sind wieder da. Die Besucher. Hängen auf der Straße ab und vor der Stadtbücherei und gucken mir beim Leben zu. Als wär nichts gewesen. Ich seh da keinen anderen Weg. Wir müssen weitermachen, uns was aufbauen. Am Aufbauen liegt alles. Ich kann gar nicht sagen, was mir das gäb, wenn Ayse endlich anfing zu reden. He, PvM, sorry, Kohärenz ist im Augenblick nicht meine Stärke. Sag du doch mal was. Irgendwas, was uns weiterhilft.

Nachricht von Peter von Mundenheim

Hallo, ihr alle. Wir müssen warten, bis Ayse sich von selber an den PC setzt. Sie liest, was ihr schreibt. Und ich glaub, sie macht auch einmal den Versuch, was zu schreiben, aber dann gibt sie wieder auf. Geht nicht so schnell. Das hab ich schon zu Regina gesagt: First things first. Amy hat das richtige Wort benutzt: am Aufbauen liegt alles. Wir müssen erst mal das machen, was anliegt. Immer das, was als nächstes anliegt. Und uns vorarbeiten. Insofern hat Ayse mit ihrem Bikini und ihrem Teich gar nicht Unrecht. Es geht nicht darum, einfach so zu tun, als sei nichts gewesen. Sondern es geht darum, das zu tun, was anliegt. Sandra, das war gut, das mit den Schweinekindern. Aufbauen ist mühsam, das Zerstören kostet gar nichts, das geht im Handumdrehen. Ich hab heute mit Ayse das Zimmer im oberen Stock neu eingeräumt, und ja, sie hat im Garten sich ihren Teich angeguckt. Und die Nachbarn sind gekommen, an den Zaun, die sind so vorsichtig aufgetreten, dass wir gemerkt haben, der Geheimdienst war bei denen. Die Sprachregelung ist einfach, Ayse ist entführt worden, um Geld zu erpressen, und die Medien haben geschwiegen, weil keine Nachahmungstäter angelockt werden sollen. Ich denk immer darüber nach, wie die das bisher geschafft haben, die Sache unter der Decke zu halten. Zwölf Tote, und kein Ton in den Medien. Wo war ich. Ich hab auch kein Rezept. Das Zimmer im oberen Stock, und der Teich, ja. Und Ayse schläft neben mir. Also, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich hab seit Jahrhunderten nicht mehr so gut geschlafen. Versteht ihr, ich lieg sonst wie auf dem Sprung. Immer so, als wär ich nicht richtig im Tiefschlaf. War heute Nacht anders. Und Ayse sagt, sie braucht keine Tabletten, sie fühlt sich sicher. Also. Da sind wir doch schon mal einen Schritt weiter. Übermorgen bring ich sie in die Uniklinik, zur Nachbehandlung. Und die Schlapphüte wollen einen Termin. Die haben immer noch Fragen. Wir müssen uns da weiterhangeln. Draußen hängen die Besucher ab. Regina war hier. Ich sitz an meinem Schreibtisch und mach mir Notizen, was wir alles wissen, oder zu wissen glauben, über die Besucher, über das Buch Henoch, über den Azazel, über dieses Gespräch, von dem Ayse Fetzen gehört hat, da in dem Gedenkort unter der Kathedrale, all das. Ayse wird anfangen zu schreiben, da bin ich sicher. Ich seh doch, wie es in ihr arbeitet. Sie hat arg abgenommen, das sieht man, sie hat das wahr gemacht, mit ihrem Bikini, also, da ist deutlich weniger Ayse in der Welt als vorher. Wir müssen einfach weitermachen, immer von einem Tag auf dem anderen, und immer das Nächstliegende in Angriff nehmen. Wenn Ayse soweit ist, und alles erzählt hat, dann treffen wir uns hier. Ich denk da schon immer dran. Wir müssen unbedingt reden. Aber erst muss Ayse soweit sein. Es hätte doch keinen Sinn, ihr wärt alle hier, und wisst nicht, was passiert ist, und Ayse läuft rum und sagt nichts.

Nachricht von Diana Hindrance

Es hängt also an der Maus, ja?

Nachricht von Peter von Mundenheim

Es hängt an der Maus, ja.

(Nachrichten vom 18.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 19.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)