Banshee Neue Folge 119

Nachricht von Peter von Mundenheim

Incipit vita nova. Sorry. Anders kann man das nicht ausdrücken. Ayse ist in der Nacht aufgewacht, als Regina schon weg war. Dann ist sie in’s Bad und hat erst einmal ausgiebig geduscht. Hat sich hübsch angezogen und sich sogar ein bisschen die Augen zurechtgemacht, und während sie mit all dem beschäftigt war, hat sie mehrmals zu mir rausgerufen, ob ich auch da sei.

An alle Verfasser, Verleger, Leser von young-adult-novels: Nein, Menschen stecken die Begegnung mit dem Übernatürlichen nicht so einfach weg und gehen locker zur Tagesordnung über. Und: Nein, Menschen stecken es gar nicht locker weg, wenn sie entführt und misshandelt und mit dem Tod bedroht werden. Und: Nein, die Angehörigen und Freunde von Entführungsopfern stecken das auch nicht locker weg.

Dies ist keine Welt, in der irgendjemand irgendwas locker wegsteckt.

Die einzigen, die die Dinge locker wegstecken, sind die Täter, die trampeln auf ihren Opfern rum und gehen entspannt weiter. Nur, in diesem Fall sind sie nicht entspannt weitergegangen, in diesem Fall haben sie tot an einem Strand gelegen, am Ende der Welt. Und der Konopski, der sitzt jetzt in einem Knast in Krakau, ich weiß nicht, wie Gefängnisse in Polen aussehen, denk mir aber, Sommerfrische ist da nicht. Bleibt die Familie von Ayse. Wir haben keine Tochter mehr, das haben die mir selber in’s Gesicht gesagt. Aber dass die jetzt entspannt weitergingen, kann man von denen auch nicht behaupten, die waren noch nie entspannt. So wie ich die kennengelernt habe, sind die sowas von verkniffen, ich denk, die sterben alle an Magenkrebs. Und ihre ganze Lieblosigkeit, ihre ganze Bösartigkeit, das rechtfertigen die alles mit ihrem Islam. Ich hab solche Menschen unter Katholiken kennengelernt, selbstgerechte Heuchler, die alleweil den Namen Gottes im Mund führen und nichts als Hass verbreiten. Hass und Angst. So wie der Burroblast und seine Blase.

Als ich aus der Küche kam, hat Ayse mitten im Korridor gestanden, angezogen und zurechtgemacht, und hat durch die offene Tür in ihr Zimmer reingeguckt.

Ich geh da nicht mehr rein, hat sie gesagt.

Du warst doch eben drin, oder wo kommen deine Klamotten sonst her?

Ja, aber ich schlaf hier nicht mehr. Ich tät hier kein Auge zu.

Ich dachte nach und sagte dann: Oben ist dieses kleine Zimmer, wo bloß Zeug rumsteht, das ist direkt neben meinem Schlafzimmer. Willst du dort einziehen? Wir bringen deine Sachen hoch.

Sie nickte, und dabei guckte sie unverwandt in ihr altes Zimmer rein, als gäbe es dort was zu sehen, und dann sagte sie, und sah mich dabei voll an, von der Seite her: Aber ich schlaf in deinem Bett.

Nicht als Frage, sondern als Feststellung. Ich musste erst mal schlucken, aber dann sagte ich, ist okay, das ist breit genug für uns beide, aber du schläfst da nicht nackt, du ziehst dir was an.

Ich hab einen Pyjama, sagte sie.

Damit ihr jetzt nicht auf falsche Gedanken kommt, Amy, das geht vor allem an dich: Nein, wir haben nicht über Sex geredet. Die kahle Wahrheit ist, Ayse kann nicht mehr allein schlafen, es sei denn, sie kriegt vorher einen mit der Chemokeule übergezogen, wie in der Klinik oben am Meer. Sie hat Angst, richtige Angst. Während wir vor der Tür zu ihrem (alten) Zimmer standen, hat sie schon den Korridor hinunter zur Eingangstür geguckt, ob die auch abgeschlossen sei. Und ich hab wieder darüber nachgedacht, wie das alles passieren konnte. Wie diese Burroblast-Leute einfach in’s Haus reinspazieren konnten, und ich hab oben geschlafen, und hab nichts gehört.

Das Ende vom Lied war, wir haben beide da im Korridor gestanden und geheult, alle beide, und wir haben uns in den Armen gehalten, und Ayse hat gesagt, wie froh sie ist, dass sie wieder zu Hause ist, und ob ich sie überhaupt noch hier haben wollte, und ich hab gesagt, wie froh ich bin, dass sie wieder da ist, und dass es mich umgebracht hätte, wenn sie nicht zurückgekommen wär.

Auf diese Weise haben wir gemeinsam ein Päckchen Papiertaschentücher aufgebraucht, und nachdem wir fertig waren mit Schnäuzen und Augenwischen, sind wir in die Küche gegangen, um Tee zu trinken und Käsekuchen zu essen und zu reden. Vorher hab ich Ayse noch zur Eingangstür geführt und sie rausgucken lassen, damit sie den Polizeiwagen sieht, der da vor unserem Haus steht und Wache schiebt. Wie schon vor der Entführung, bis die die Rund-um-die-Uhr-Bewachung eingestellt hatten, war der Wagen beleuchtet wie ein Christbaum, überall bunte Lichter. Abschreckung.

Ayse fasste Mut und zog mich raus, und wir sind mitten in der Nacht, es war jetzt ein Uhr morgens, an die Grube gegangen, die einmal ein Teich werden soll. Ayse sah sich das an und sagte, das vergess ich nie, dieses Gewitter, und wie du dann gekommen bist und mich in’s Haus gezogen hast, und wir beide hatten nicht den Schimmer einer Ahnung, was passieren würde. Oder hast du irgendetwas geahnt?

Nichts, sagte ich. Nichts und aber nichts. Keine Spur einer Vorahnung.

Wir haben beide nichts geahnt, sagte Ayse, und die ganze Zeit waren die schon zugange, haben alles geplant alles vorbereitet, die waren hier und haben die Straße ausgekundschaftet, die haben uns beobachtet, und wir haben nichts gemerkt, und niemand ist gekommen und hat uns gewarnt. Was für eine Scheißwelt ist das denn?

Es ist die Welt, wie sie eben ist, sagte ich, und dann sagte Ayse, mit einem Blick in die dunkle Grube runter, da mach ich mich gleich morgen ran, und es ist so schön warm, ich zieh wieder meinen Bikini an, ob dir das nun gefällt oder nicht.

Oh, es gefällt mir schon, sagte ich, aber war da nicht dieses Zimmer oben?

Das machen wir auch, sagte Ayse, lass mich nur machen, das kriegen wir alles auf die Reihe.

So war das, und wir sind wieder in’s Haus gegangen und haben uns in der Küche über den Tee und den Käsekuchen hergemacht.

Die Katzen waren begeistert über unsere Umtriebe, und sind die Treppen rauf und runter gefetzt und haben sich gegenseitig gejagt, und wir hatten in allen Zimmern und allen Korridoren Licht, und Ayse, ja Ayse guckte immer wieder ängstlich nach der Tür hinaus in den Garten, die stand offen, und die warme Nachtluft floss herein. Ich bin da, sagte ich, und auf der Straße stehen die Bullen.

Ihr versteht, nachts in der Küche zu sitzen und zu reden und dabei die Tür hinaus in den Garten, hinaus in die Sommernacht offen zu haben, das ist doch der Normalzustand in dieser Welt.

Für Menschen, über die die Katastrophe hereingebrochen ist, ist erst mal die Katastrophe der Normalzustand. Sie denken, es ist passiert, es kann jederzeit wieder passieren. Sie leben, und schauen sich selber dabei über die Schulter, unverwandt.

(Nachricht vom 17.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 18.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)