Banshee Neue Folge 118

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Oh Mann, die Maus, wir haben sie wieder, sowas ist doch nicht möglich, das passiert doch nicht in dieser Welt, dass die Dinge einfach klappen, he, PvM, jetzt aber rüber mit den Infos, wie wollen alles wissen, alles, wie geht das jetzt weiter, was macht ihr jetzt?

Nachricht von Peter von Mundenheim

Muss mich selber erst mal beruhigen, das ist alles nicht so einfach, ja, sie ist wieder da, Regina und ich haben sie gestern am Nachmittag vom Flughafen abgeholt, sie ist angekommen, bewacht wie ein Staatsgast, und ich hab da schon gemerkt, dass die Dinge so einfach nicht laufen, Regina kam nicht allein, die hatte einen Personenschützer dabei, und danach, also am besten, ich erzähl euch alles der Reihe nach —

Der Flughafen von Weldbrüggen ist nicht so riesig, aber doch größer, als man denkt, und eingezäunt, bewacht, weil hier ständig der Politverkehr nach Berlin abgeht, und die Maschine vom MAD ist eingelandet, und die haben Ayse bewacht, da waren einer hinter ihr, der hat sie die ganze Zeit am Oberarm festgehalten und dabei um sich geguckt, normalerweise sieht man sowas nur in Filmen, und ich hab sie in Empfang genommen, ja, ich, und ich hatt auf einmal das Gefühl, jetzt muss ich auf sie aufpassen, das liegt an mir, ich kann die Dinge nicht mehr einfach so schleifen lassen —

Alles wird gut, hab ich zu ihr gesagt, und ich verstehe nicht, warum sie auf einmal so klein aussah, es war nicht so, wie wenn man jemandem vom Zug abholt, am Bahnhof, es waren Leute um uns herum, die wirkten alarmiert, wachsam, die wollten Ayse hier abliefern und die Verantwortung los haben, und der Personenschützer, der mit Regina gekommen war, ernsthaft, der hat den Eingang von Ayse seinem Kollegen vom MAD auf einem Klemmbrett quittiert, unter anderen Umständen hätt ich das komisch gefunden, und dann hat sich Ayse an meinem Arm festgehalten, und wir sind raus zu Reginas Schlitten, und da konnt ich mit Ayse auf dem Rücksitz sitzen, und Regina hat  ihren Wagen selber gesteuert, und neben ihr saß der Personenschützer, ja, so ist das gelaufen, und hinter uns hatten wir wieder Polizei, dass die ihr Tatü-tata nicht eingeschaltet hatten, war alles.

Regina hat uns vor dem Haus abgesetzt und gesagt, ich komm am Abend wieder, und dann sind wir rein in’s Haus und haben die Tür zugemacht und waren allein, und dann hat Ayse gesagt, mit ganz kleiner, dünner Stimme, ich muss schlafen, ich muss unbedingt schlafen, und sie ist die Treppe hoch in mein Schlafzimmer gestiefelt und dort in’s Bett gefallen, ohne sich überhaupt auszuziehen.

Da hab ich begriffen, das wird nicht so einfach. Sie kann nicht mehr in ihrem Zimmer schlafen. Die haben sie aus ihrem Zimmer rausgeholt, in der Nacht, sie geht da nicht mehr rein.

Ich hab mich erst mal neben mein Bett gesetzt, in den Sessel, der dort steht, und ihr beim Schlafen zugesehen. Sie hat geschlafen wie ein Stein, und dann bin ich selber eingenickt, ich war ja die ganze Nacht wach gewesen.

Ich bin davon aufgewacht, dass es unten an der Haustür geklopft hat, ganz sacht und höflich, aber selbstbewusst, das konnte nur Regina sein. Ich bin runter, etwas torkelig, ja, es war Regina, ich hab erst einmal geklopft, sagte sie, ich will ja nicht stören, und ich: Du störst nie.

Wir sind zusammen hoch gepilgert und sind in mein Schlafzimmer gegangen und haben uns Ayse angeguckt, wie sie da in meinem Bett lag, zusammengerollt wie ein Kind, und sie hat geschlafen, geschlafen, wie eine Katze im Winter. Regina atmete einmal tief ein und sah mich an, das wird schwierig, sollte das heißen, aber sie sagte es nicht, Regina sagt niemals so etwas.

Wir setzten uns runter in die Küche, und ich kochte Tee und sagte, first things first. Das wird jetzt erst mal so sein, unerwartete Dinge werden passieren, und niemand hat daran gedacht. Okay. Ayse will nicht mehr in ihr Zimmer. Das muss jetzt irgendwie geregelt werden.

Ihr müsst darüber reden, sagte Regina. Du musst die Sache ansprechen.

Sobald sie wach ist, nickte ich.

Ayse hat eine Überweisung mitgebracht aus der Klinik, an die Uniklinik Weldbrüggen, Psychiatrie, Abteilung Traumatherapie. Zur Weiterbehandlung.

Du musst dafür sorgen, dass sie dort hingeht, sagte Regina.

Ich werd sie persönlich hinfahren und auch wieder abholen, sagte ich.

Der Staatsschutz hat Fragen, sagte Regina. Ayse ist wieder hier, ich bin weisungsbefugt, das heißt, ich kann anordnen, dass sie erst einmal für ein paar Tage in Ruhe gelassen wird. Aber dann wollen die ihre Fragen beantwortet haben.

Verhöre? fragte ich.

Natürlich nicht, sagte Regina. Sie ist das Opfer in der Sache. Opfer werden nicht verhört.

Ich kann also dabei sein, wenn sie das will?

So sind die Regeln, sagte Regina, Ayse darf eine Person ihres Vertrauens beiziehen. Kann auch ein Rechtsanwalt sein. Ich würde euch aber vorschlagen, verhaltet euch kooperativ. Die wollen euch nichts Böses. Und alle Akten und Protokolle laufen nachher über meinen Schreibtisch, ich seh also alles und krieg alles mit, und wenn ich den Eindruck hab, das läuft nicht, wie es sollte, kann ich telefonieren und Rückfragen stellen. Das wissen die im Übrigen auch. Wir sind alle daran interessiert, die Sache unter Dach und Fach zu bringen, soweit das eben geht, angesichts —

Angesichts der Tatsache, ergänzte ich, dass da draußen die Besucher in den Bäumen hocken, und immer mehr Leute die sehen, deine Beamten vom Staatsschutz eingeschlossen.

Ja, sagte Regina.

Regina, sagte ich.

Ja?

Du bist die Türangel, um die sich alles dreht, sagte ich. Du hast uns allen den Hals gerettet. Ich weiß ja nicht, was da alles hinter den Kulissen abgegangen ist, aber da haben zwölf Tote gelegen, da oben am Strand, zwölf Tote, professionell hingerichtet, und kein Wort ist in die Medien durchgesickert, und wir sitzen hier in meinem Häuschen und können langsam anfangen, zusammenzukehren. Die Trümmer zusammenzuräumen, gucken, wie wir neu anfangen. Wenn du nicht gewesen wärst …

Ich mach meinen Job, sagte Regina. Klingt jetzt vielleicht schräg, aber ich war richtig gut in Form. Du weißt nicht, was Politik ist, ich weiß das, da haben wir uns schon immer unterschieden. Ich hab Dutzende von Gesprächen geführt, ich war zweimal in Berlin, während dieser Woche, als der MAD euch festgehalten hat. Ich war in der israelischen Botschaft. Verstehst du das? Ich hab auf der Matte gestanden, ich war da, ich hab Präsenz gezeigt, da laufen Leute rum, die wissen jetzt meinen Namen und werden ihn nicht vergessen. Ich war in mehr als einem abhörsicheren Zimmer, ich hab ein Gespräch geführt mit dem Geheimdienstausschuss des Deutschen Bundestages. Ich will nicht gerade sagen, ich hatte die Zeit meines Lebens, aber … okay, ich hatte die Zeit meines Lebens. Wenn ich im Landtag auftauche, und irgendjemanden sprechen will, werd ich vorgelassen, sofort, ohne Fragen. Ich geh einfach rein, wenn ich dem Innenminister etwas zu sagen habe, und beim Ministerpräsidenten geht die Schranke hoch, sobald die meinen Wagen kommen sehen. Das ist Politik, sorry, und ich bin die Chefin des Fons, und wenn ich mal abtrete, will ich meinem Nachfolger sicheren Grund hinterlassen. Der Fons soll in Wahlburg-Sonderbüren auch weiterhin bedeuten, was er bedeutet. Das ist Politik, ja. Ich hatte meine Stunde, ihr habt mir meine Stunde gegeben, und ich hab sie genutzt, ich hab die Stellung des Fons gefestigt. Musst du so sehen.

Also sprach Ihre Exzellenz Frau Professor Doktor Regina Austri, Chefin des Fons Affluens zu Weldbrüggen, und ich musste erst mal nach Luft schnappen. Ich bin bloß ein Schriftsteller, ich erfinde Wirklichkeiten, Regina kann mit der Wirklichkeit jonglieren, wie sie ist, mit zwölf Bällen gleichzeitig. Und oben in meinem Zimmer in meinem Bett liegt die süße kleine Türkin und fühlt sich, nach ihren eigenen Worten, als beschädigte Ware, und ich überlege hin und her, wie ich ihr beibringen kann, dass sie das nicht ist. Wie ich ihr das so beibringen kann, dass ich sie nicht noch mehr verletze, als sie ohnehin schon ist.

Ich schreib euch das, damit ihr euch nicht einbildet, von jetzt an sind wir alle im Feenland. Immerhin, in Feindesland sind wir auch nicht.

Es bleibt schwierig.

(Nachrichten vom 16.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 17.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)