Banshee Neue Folge 117

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ayse wird entlassen. Sie darf nach Hause. Sie hat mich angerufen, noch gestern Abend, die Schlapphüte hätten am Morgen noch ein paar abschließende Fragen, aber dann dürfte sie heim. Sie wird nach Weldbrüggen geflogen. Ich hab telefoniert, mit Regina, mein erster Gedanke war, ich fahr sie selber heim, aber Regina hat das mir gleich ausgeredet. Viel zu lang die Fahrt, und du willst doch nicht mir ihr auf der Autobahn rumkutschieren, dein Schatz neben dir, und du bist für sie verantwortlich.

Hat sie wirklich gesagt, die schöne Frau, dein Schatz.

Hat mir alles eingeleuchtet, und dann hab ich gesagt, zu PF, wir fahren los.

Ich schlaf mich erstmal aus, hat PF gesagt, und du fährst jetzt nicht los, in der Dunkelheit.

Es ist noch hell, sagte ich.

Er: Aber du kommst in die Dunkelheit rein, das wird früher Morgen, bis du daheim bist.

Ich: Umso besser, hab ich die Autobahn für mich.

PF weiß, wenn ich nicht mehr mit mir reden lass, und ich hab nochmal Ayse angerufen und ihr gesagt, dass ich heimfahr und alles vorbereite, und wir holen sie morgen Nachmittag in Weldbrüggen am Flughafen ab, Regina und ich, und sie sagte nur, fahr vorsichtig, und schreib mir eine Mail, wenn du angekommen bist, halt, schreib mir zwischendurch auch, vielleicht kann ich nicht schlafen, dann will ich wissen, was Sache ist.

Ich hab mein Hotelzimmer ausgeräumt und die Rechnung bezahlt, ich war aufgeregt wie ein kleiner Junge, das tut mir gut, ich bin doch schon so alt, und kann mich immer noch aufregen, ich will, dass Zukunft ist.

Außerdem hab ich mich nach meinem Schreibtisch gesehnt und nach den Katzen und nach Weldbrüggen und überhaupt, ich kann noch immer nicht glauben, dass alles vorbei sein soll und dass jetzt ein neuer Anfang ist.

Dann wurd ich wieder unruhig und hab gedacht, die werden doch keine Sprüche machen und morgen sagen, April April, Ayse muss doch noch oben bleiben?

Aber Ayse sagt, sie hat schon die Papiere unterschrieben, sie hat unterschrieben, dass sie freiwillig und auf eigenen Wunsch die Klinik verlässt, morgen Mittag, und sie wird dort noch zu Mittag essen und dann holen die Schlapphüte sie ab und sie wird mit einer Militärmaschine nach Weldbrüggen gebracht, ich bin eine VIP, sagt Ayse.

Auf jeden Fall.

PF hat nochmal versucht, mich abzuhalten, aber ich hab ihm klar gemacht, ich könnte sowieso nicht schlafen, und also hat er mich zu der Autovermietung gefahren, wo der Mietwagen bereit stand, und ich hab ein wirklich komfortables Gefährt bekommen, das hat unter dem meinem Hintern geschnurrt wie ein zufriedener Kater, und ich hab an Reginas Edelkarosse denken müssen, ich sollt mir wirklich mal einen neuen Wagen leisten, aber ich bring das nicht übers Herz, die alte Karre hat mir jetzt bald zwanzig Jahre treu gedient, ich schmeiß die doch nicht weg? Ich fahr die, bis sie von selber sagt, jetzt will ich nicht mehr, jetzt ist genug.

Es war eine gute Fahrt, wenn ich ja eine gehabt habe. Es war so schön dunkel und leer um mich herum, und der Motor ist vollkommen gleichmäßig gelaufen, manchmal hatt ich gar nicht das Gefühl, ich fahre, aber dann hab ich auf den Tacho geguckt und mir gesagt, pass auf, Alter.

Ich hab über alles nochmal nachgedacht, aber zu richtigen Schlüssen bin ich nicht gekommen. Wenn Ayse soweit ist, wird sie euch alles aufschreiben, was passiert ist, und dann tun wir, was wir schon ausgemacht haben, wir treffen uns alle bei mir, wir setzen uns zusammen in die Küche, oder wenn das Wetter schön ist, können wir uns sogar in den Garten setzen, und dann bereden wir alles. Alles. Von vorne bis hinten. Was passiert ist, und wie es weitergehen soll.

Es war gut, dass ich gefahren bin, ich hätt in diesem kahlen Hotelzimmer im Bett gelegen und kein Auge zugetan.

Ich bin heut Morgen in Weldbrüggen angekommen, da ist gerade der erste Berufsverkehr aufgewacht, und ich hab mich vom Navi zu der Autovermietung dirigieren lassen, dort den Wagen abgegeben, und hab ein Taxi nach Hause genommen.

Die Katzen kamen mir schon in der Tür entgegen und wollten auf den Arm genommen werden, und ja, in der Straße stand ein Polizeiwagen, auffällig leuchtend, drin zwei morgenschläfrige Polizisten, und in den Bäumen auf den Dächern und drüben auf der Wiese hingen die Besucher ab.

Ayses Teich ist mittlerweile trockengefallen, da wird sie noch Arbeit reinstecken müssen.

Ich hab nicht geschlafen, ich hab mich nur ein bisschen hingesetzt und Tee getrunken, dann hab ich die Wohnung in Ordnung gebracht, dann kam aber doch Bettschwere über mich, und ich bin für ein paar Stunden unter die Decken gekrochen, bis ich mich wieder rausgewürgt hab, in meinem Alter fällt das Hinlegen leichter als das Aufstehen, und jetzt sitz ich hier und schreib euch den Stand der Dinge. Gleich kommt Regina und holt mich ab, und wir fahren zum Flughafen und warten dort auf Ayse. Manchmal bekreuzige ich mich, ich hab das so lang schon nicht mehr gemacht, und jetzt mach ich es wieder und wieder. Alte Gewohnheiten wollen nicht sterben. Ayse hat mir im Stundentakt Mails geschickt, sie hat diese letzte Unterredung mit den Schlapphüten gehabt, sie ist zum Flughafen gefahren worden, der Abflug hat sich ein bisschen verzögert, tun Abflüge ja immer, aber jetzt sitzt sie im Flieger und hat das Handy abschalten müssen.

Ich glaub, Regina läuft gerade ein. Ich schreib euch wieder.

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich bin da, ich bin wieder zu Hause, es hat alles geklappt, ich schreib euch morgen, ich glaub es nicht, ich bin wieder zu Hause. Ich glaub das einfach nicht, ich bin wieder da, ich lebe noch, ich bin wieder da.

(Nachrichten vom 15.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 16.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)