Banshee Neue Folge 116

Nachricht von Peter von Mundenheim

Müssen wir jetzt misstrauisch sein? fragt Ayse. Unser ganzes Leben lang? Müssen wir uns jetzt immer umgucken, wenn wir raus auf die Straße gehen, ob uns jemand auflauert? Werden wir jetzt doppelte Sicherheitsschlösser haben an der Haustür? Und Einbruchssicherungen an den Rollläden? Haben wir jetzt immer Angst? Ich will das nicht.

Ich war so froh, dass sie „wir“ sagte. Sie will wirklich nach Hause kommen, nach Weldbrüggen.

Natürlich will ich das, sagt sie. Ich will doch meinen Reisepass haben, ausgestellt vom Innenministerium Wahlburg-Sonderbüren, mit Stempel. Dann bin ich keine Deutsche mehr, sondern – wie sagt ihr?

Offiziell bist du dann eine Wahlburg-Sonderbürenerin, aber das sagt niemand, allgemein heißt es: Burgunderin.

Das ist es, sagt Ayse, das will ich werden. Der Burroblast hat mich dort abgegriffen und weggeholt wie ein Paket, geschnürt und gebündelt, und jetzt ist er tot. Tot tot tot, und ich spucke auf sein Grab, und seine Leute sind tot, die ganze Bande, und ich, ich bin noch am Leben. Die wollten mich umbringen abmurksen kaltmachen, und jetzt sind sie es, die unter der Erde liegen und verrotten. Vielleicht leistet ihnen ja ihr Azazel Gesellschaft, da kann der fauchen und stinken in alle Ewigkeit, und sie können vor ihm auf den Knien liegen, und ich werde etwas haben, was die nicht haben und nie gehabt haben, ich werde ein Leben haben, ein richtiges Leben, und die sind irgendwo verscharrt, und wir gehen hin und tanzen auf ihren Gräbern, du kommst doch mit?

Ich kann nicht viele Tänze, sage ich nachdenklich, aber einen Tango krieg ich vielleicht noch hin.

Und wir stellen uns das vor, wie wir auf dem Friedhof von Klein-Schloppen den Tango tanzen, auf dem Grab von dem Burroblast.

Ernsthaft, sagt Ayse,

und sie hat Farbe im Gesicht, zum ersten Mal seit langem, und ihre Augen blitzen,

ernsthaft, was ist aus denen geworden?

Kompliziert, sage ich. Erstmal liegen sie in der Leichenhalle. Gewaltsamer Tod, das heißt in jedem Fall Autopsie, zur Feststellung der Todesursache, na ja, das sollte in diesem Fall nicht schwer sein, Einschussloch in der Stirn, und dann wird nach Angehörigen geforscht, die Anspruch auf den Leichnam machen, und wenn sich niemand findet, werden sie halt hier vor Ort auf Staatskosten bestattet, Urnengrab, nehm ich mal an, mit Holztafel und Datum.

Und unwillkürlich bekreuzige ich mich, was ich nur noch selten tue.

Ayse sieht mich aufmerksam an. Wieso Klein-Schloppen? fragt sie.

Das ist ein Dorf hier in der Nähe, antworte ich. Hab ein Straßenschild gesehen.

Ja, sagt sie und legt den Kopf an meine Schulter, denn wir sitzen draußen auf einer Bank im Hof, und zuweilen kommen Vögel und picken zwischen den harten Sträuchern herum, die der Gärtner hier gepflanzt hat.

Sie sind nicht da, sagt Ayse, ist dir das aufgefallen?

Wer?

Die Besucher. Keiner zu sehen.

Sie hängen daheim ab, sage ich, vor unserem Haus, in Weldbrüggen.

Ayse setzt sich auf, sieht mich an. Woher weißt du das?

Von Regina. Die ist vorbeigefahren. Sie sagt, der Polizeiwagen steht wieder vor dem Haus, natürlich, jetzt, wo alles vorbei ist, und in den Bäumen und auf den Dächern sitzen die Besucher.

Ayse denkt nach, endlich sagt sie: Das ist doch gut. Die wissen, dass wir heimkommen. Ich bin ihre Königin, oder ihre kleine Göttin, sie wissen, ich werde erscheinen, also versammeln sie sich geduldig vor dem Tempel und warten, dass ich wieder auftauche. Kannst du Regina für mich anrufen?

Sicher. Alles was du willst. Was soll ich ihr sagen?

Sie hat mir doch versprochen, dass sie einen Anwalt für mich sucht, wegen der Scheidung, von dem Konopski. Ist das wahr, dass der in Warschau im Knast sitzt, wegen Bigamie?

In Krakau, sage ich.

Ist das ein Unterschied? fragt Ayse.

Frag die Krakauer, sage ich.

Warum nicht gleich die Lyoner? fragt Ayse, und wir fangen an, sinnlos rumzublödeln, und überlegen uns, ob wir vielleicht einen Würstchenstand aufmachen sollen, in Klein-Schloppen, wenn wir doch sowieso entschlossen sind, dort auf den Gräbern zu tanzen, und dann lachen wir so, dass wir uns aneinander festhalten müssen, und auf einmal ist etwas über den Dächern dieser Militärklinik, das sieht aus nach Morgen, nach Zukunft, nach Neuer Tag.

(Nachricht vom 14.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 15.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)