Banshee Neue Folge 115

Nachricht von Peter von Mundenheim

Es hat wieder ein bisschen getröpfelt am Morgen, nachher wurde es heiß. PF und ich sind runter zum Strand gegangen, irgendwie kommt es uns vor, wenn wir uns dort hinsetzen, obwohl es kein gemütlicher Ort ist, und bereden, was passiert ist, dann verstehen wir es besser.

Aber mit jedem Male, da wir hingehen, wird der Ort einfach der, da wir zusammensitzen und reden, und was hier mal passiert ist, das verschwindet immer weiter in’s Nirgendwo. Als wär es eine Geschichte, die man sich ausdenkt, wenn man irgendwo sitzt, das könnte hier passieren, denkt man, so ein Film könnte hier gedreht werden.

Ich seh hinüber zu dem Felsen, zu diesem sonderbaren Riff, an dessen Höhe Ayse angekettet war

wie eine Galionsfigur, fällt mir jetzt ein, ja, genauso hatte das ausgesehen, der Fels wie der geschnitzte Bug eines Schiffes, hineinschneidend hineinpflügend in die Wellen, in die schäumenden und spritzenden und gischtenden Wellen, und hoch oben am Bugspriet die Figur, nacktes Weibchen mit ausgebreiteten Armen, als wollte sie springen und wegsegeln über die Brecher, Arme ausgespannt wie Flügel, die weichen Brüste Geschwister den Wellen, weiß wie Milch

Sexy also? fragte Ayse, als ich ihr das sagte. Ernsthaft? So hat das ausgesehen?

Irgendwie schon, gab ich zu.

Aber es war der Tod gewesen, auf den sie gewartet hatte, auf den wir beide gewartet hatten, als ich da oben mich vor sie stellte, auch wenn ich an gar nichts dachte, das weiß ich, es war nichts in meinem Kopf als dieses unbedingte Gebot, du musst dich vor sie stellen, du musst sie schützen, und wenn jemand an sie rankommen will, muss er durch dich erst durch, und ich stand vor ihr und spürte ihre Wärme in meinem Rücken, weich wie warme Milch, und dann

sah ich das Tier.

Vor uns, auf dem schäumenden grauen Meer, das Tier.

 Es füllte den ganzen Raum aus zwischen dem Meer und dem Himmel, da war nichts als eine Masse sich krümmender gleitender glitschender Windungen, das Tier kroch um sich selbst herum und in sich hinein und bildete Schlingen und Kurven und verknotete sich mit sich selbst, und es war gewaltig, massig, die Schlingen waren stark wie die Berge, da war ein Dröhnen und Grölen von all dem Schwarz, denn das Tier war schwarz, ölig schwarz, es troff von einer teerigen Flüssigkeit, ich weiß nicht, wo sie herkam, all diese Nässe, all dieses triefende und sickernde und spitzende Nass

ich weiß doch nicht, wie ich das erklären soll

das Tier sah nicht aus, als sei es draußen, da draußen im Freien, in diesem freien Raum über dem Meer und unter den grauen Wolken, sondern vielmehr

das Tier sah aus, als wäre es ein Drinnen, ja, als blickte ich irgendwo hinein, in einen  Leib hinein, in ein Gekröse, in eine Eingeweidehöhle, sorry, als sei da vor mir eine riesige Vulva, und all dieses schwarze Öl, diese kriechende und gleitende Flüssigkeit, das sei etwas wie Gleitflüssigkeit, schwarz und nässend und stinkend, und all dieses Schlingen und Gleiten und Ineinanderwürgen dieser Kurven, das war ein lustvolles Versprechen, kommt rein, hier könnt ihr kreisen und gleiten in alle Ewigkeit, und die Schlingen waren so ölig so gleitend, dass sie von selber sich knoteten und wieder auseinanderrutschten, und irgendwo zwischen all dem Winden und Ringen und Knoten züngelte immer wieder ein Kopf hervor

spitzes Muränenmaul, darin zwei kalte Knopfaugen, und der Kopf schob sich mal vor mal zurück, stöberte tief drinnen in sich selbst zwischen all den Windungen und Schlingen, dann stach er mal wieder vor, mir war, als sähen die Augen mich an, Stecknadelstiche, das Maul fauchte

und es geschah alles so langsam, so qualvoll langsam, Zeit hatte keine Bedeutung für das Tier, ich begriff, Zeit ist unser großes Geschenk, dies wundervolle Altern der Dinge, dies Vergehen, auch des Schlimmsten, dies Versprechen, was immer geschieht, es vergeht, es geht vorüber, das fühlte ich, so deutlich, als hätte jemand einen Gong angeschlagen aus Porzellan, Klingklang wie Vogelstimmen, was immer jetzt gleich passiert, dachte ich, was immer passiert mit mir mit Ayse, es wird vorübergehen

und das Tier riss das Maul auf, in seiner schwarzen öligen Allgegenwart

und am Strand taumelten sie umeinander, ich sah sie, diese Strohpuppen, diese kleinen Klappermänner, tief unter mir, und ich sah diesen Berg aus Wanst, der war in die Knie gesunken, beide Arme betend aufbetend anbetend gehoben gegen das Tier, Kopfkugel bereit und dargeboten dem Zubiss des Tiers, und da waren andere auf den Knien, wieder andere griffen nach ihren Hüften, wie Kämpfer nach ihren Waffen greifen, ich sah, sie waren alle nackt, nackter Zorn Wut Hass, und ich sah sie alle fahl beleuchtet in einem Licht, das ging aus von diesem Teppich, der da auf dem Strand lag, und auf dem Teppich lag ein Messer, und von dessen geschärfter Schneide ging das Licht aus, das warf seinen Schein über die rasenden Männer, die hatten alle Schaum vor dem Mund, Amokläufer in letzter Ekstase, und dann begann das Schießen.

Ein Hagel von Schüssen, und ich sah, dass die Rasenden ihre Waffen hoben und niedersanken zu Grund, bevor sie die Waffen in Anschlag bringen konnten, ich sah sie purzeln und streiten und zucken, ich sah sie noch mit den Beinen austreten, das taten sie alle, sie traten mit den Beinen im Sterben, und ich wusste, sie starben, und das Knallen der Schüsse verstummte, und dann hörte ich diesen Schrei, diesen furchtbaren Schrei, gellend, zersägend alle Wirklichkeit

und sorry, Amy, sorry Diana, was immer ihr sagt, was immer ihr gehört habt, ich bin sicher, das war nicht der Burroblast, dieser Schrei, das war das Tier.

Es war das Tier, das geschrien hat, Abgrund aus Qual.

Ich sah noch aus dem Augenwinkel die Orthodoxen unten pflügen über den Strand, in geordneter Linie, nebeneinander, und das Meer schäumte und glänzte, da war etwas wie Licht unter den grauen Himmeln, und ich begriff, das Tier war fort, von einem Augenblick auf den anderen, und ich spürte mein Herz nicht mehr, aber ich spürte, dass mir die Beine nachgaben, und ich dachte, nein, ich geh hier nicht weg, ich hielt mich mit meinen zurückgeschlagenen Händen am Fels fest, vor Ayse, an Ayse gedrückt, und dann spürte ich, wie von unten her Hände nach mir griffen, das waren PF und Sandra, und das letzte, was ich richtig sah, das war die kleine Gestalt von Amy, wie sie über den Strand auf den Burroblast zu eilte, zusammengesunkener Berg aus Fett, allein am Strand, das Tier fort.

Nachricht von Peter Flamm

Es war so, wir waren PvM hinterhergeklettert, Sandra und ich, zu Ayse hoch, wir sahen sofort, wir würden Ayse nicht losbekommen von dem Felsen, die Ketten waren aus glänzendem Stahl, mit Vorhängeschlössern zusammengehalten, und wir halfen PvM beim Absteigen, das war unser erster Gedanke, wir müssen den heil wieder runterkriegen, bevor er abstürzt, und irgendwie haben wir das auch geschafft, er sagt ja, er weiß nichts mehr, aber er war noch bei Bewusstsein, denn er hat mitgeholfen beim Abstieg, hat sich im Gestein festgehalten, und wir haben zu Ayse hochgerufen, wir holen dich, wir sind hier, und sie, also das war komisch, sie hat von oben ganz heiter runtergerufen, nackt und gefesselt wie sie war, ich geh sowieso nicht weg, und dann war da dieses ungeheure Dröhnen in den Lüften, ich hab erst geglaubt, das Tier ist zurückgekommen, aber das war das Militär, die Kavallerie war da.

(Nachrichten vom 13.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 14.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)