Eheleute

Regen, rieselnder Regen, Glitzern, gewoben aus Grau. Gelegentlich stolperte ein Windstoß, voll Kühle, dann rauschten die Gräser, und dickere Tropfen kamen geflogen, plätscherten gegen die Wagenplanen, tropften ab von den rollenden Rädern, von den Balken der Wagenkasten, tropften ab von den Hörnern der Ochsen, rollten hinunter das schwarze Fell, rollten hinein in die runden Augen, dass die gelassen blinzelten, einmal und mit Ruhe, und der Blick war wieder frei, der Blick auf den nimmerruhenden Ochsenweg.

„Wie es regnet!“ sagte Roger. „Geh doch hinein, zu den Kindern, du wirst ja ganz nass.“

„Nein“, antwortete Inge, „ich bleib lieber – hier draußen.“ Sie zögerte, dann sagte sie: „Wart …“ und sie zog aus dem Wagenkasten die dicke Decke hervor. Roger nahm sie in Empfang und schlug sie mit geübter Hand über sich auf, dann blickte er unsicher seitwärts, auf seine Frau.

„Darf ich … auch mit drunter?“ fragte Inge.

„Natürlich“, antwortete er hastig und hob mit der Rechten die Decke, Inge kroch darunter und schob sich eng neben ihn, so wie es Aslan und Magdalena zu tun pflegten.

Unter der Decke war es wie in einem Zelt, man hörte draußen die Regentropfen rieseln, wie aus verschluckter Ferne klang das Knarren des Wagens, und die gleichmäßigen Tritte der Ochsenhufe. Warm wurde es im Deckenzelt, dampfig warm.

„Sie greifen gut aus, die Tiere“, sagte Roger endlich, um seine Verblüffung zu meistern. „Ruhe und gutes Futter … ja, gutes Futter haben sie bekommen in dem Haus, man kann es nicht anders sagen. Ein wohlhabendes Haus war es, trotz allem …“ Er kam in Schwung, hätte lange so weiterreden können, vielleicht war es überhaupt deshalb, dass er immer so viel redete, weil ihm Inge nie antwortete … aber jetzt hörte sie ihm aufmerksam zu, sie blickte ihn sogar an, gelegentlich, von der Seite, so aufmerksam hörte sie ihm zu, er wurde ganz verwirrt, was hat sie, dachte er.

„Ja“, sagte Inge schließlich und seufzte, „ein reiches Haus war es, gewiss, aber seltsam die Leute, seltsam, gar widerlich …“ Ohne es zu wissen, benutzte sie dasselbe Wort wie Waldemar, als er von Elisabeth sprach, sie besaßen einen klar und fein gezogenen Horizont, die Kaufleute, wussten, was hineinpasste und was nicht.

Roger nickte. „Seltsam Dietrich zumal, und die Frauen …“

„Die vor allem“, nickte Inge, und Roger wurde wieder unsicherer, warum widersprach sie ihm nicht?

Sie schwiegen eine Weile, und Verlegenheit war zwischen den Eheleuten, bis Inge wieder anfing: „Die Frauen …“, und sie brach ab und schüttelte vielsagend den Kopf.

„Was war mit denen?“ fragte Roger. „Ich hab’s nicht richtig mitbekommen, du und Grand Mère, ihr wart dabei … Grand Mère war wütend, ich hab’s wohl gemerkt … am Tag, nachdem der Großvater gestorben war, du weißt schon …“

Inge holte tief Luft und erzählte es ihm, sie erzählte es gründlich und mit Ausführlichkeit und ließ nichts aus, aber auch gar nichts, obwohl sie rot wurde dabei, und Roger lauschte mit offenem Mund, den Blick fest auf die wiegenden Ochsenhintern gerichtet, die Ochsenrücken im rieselnden Regen.

„Bei Vautrin!“ stieß er endlich hervor, als sie fertig war, „das ist nicht zu glauben … seltsam sind die Wege der Menschen, unerforschlich … jetzt verstehe ich, warum Grand Mère so aufgebracht war …“ Er stockte, sah überlegend vor sich hin und fragte dann, indem er Inge mit großen Augen anschaute: „Sie hat es natürlich Aslan erzählt … alles?“

„Aber sicher“, antwortete Inge. „Das musste sie ja …“

Roger nickte, dann sagte er mit Betonung: „Nicht gut ist es, wenn wir getrennt sind, die Familie auf den Wagen … eine Woche nur in dem Haus, schon wissen wir nichts mehr voneinander, versteckte Wege laufen die Gespräche, und sind die Entscheidungen uns nicht mehr gemeinsam. Aber wohl verstehe ich jetzt, warum Aslan es so eilig hatte des Morgens … und richtig hat er gehandelt …“ er sah wieder nachdenkend vor sich hin, dann fragte er, und erneut malte sich Staunen in seinem Gesicht: „Und ihr habt das alles gesehen?“

„Ja“, antwortete Inge, „sie haben uns gar nicht beachtet, wir waren eben Frauen …“

„Natürlich …“ sagte Roger grübelnd. „Aber nicht alle im Haus waren einverstanden, mit Dietrich, und mit den Frauen … einige Männer zumal, jüngere unter ihnen … der eine trug sich gar mit dem Gedanken fortzugehen, Kaufmann zu werden. Er hat Aslan um Rat gefragt, du kennst ihn ja, der, mit dem du gestern bei der Mühle warst … was war das für einer?“

„Och“, sagte Inge, „niemand Besonderes … halt ein Junge … ich weiß nicht einmal seinen Namen …“

„Hat er was gesagt über das Haus?“

„Nein, gar nicht … nur dass er weg wollte. aber er hat ja ein Kind, mit der kleinen Antonia, um das sollte er sich wohl besser bekümmern, scheint mir … das habe ich ihm auch gesagt.“

„Hm“, machte Roger. „Auf jeden Fall … ein seltsamer Mann war Dietrich, vergrübelt, unfroh … und seine Ansprache, als sie den Großvater Hamann begruben, wunderlich war sie, kaum zu begreifen. Gut ist die Vielgestalt der Rede, wie auch die Vielgestalt der Menschen, Vautrin hat es so gewollt, aber dieser da, er verursachte fast Furcht.“

„Grand Mère sagt, das läge am Haus“, warf Inge ein. „Sie hocken zu dicht aufeinander, die Dörfler, sie sehen nichts anderes als sich selbst und wieder nur sich selbst … und dann fangen sie sich in ihren eigenen Gedanken, und grübeln, und schaffen angstvolle Bilder …“

„Weißt du, wer mir grad eingefallen ist?“ fragte Roger gesprächig. „Der Maître. Ich frage mich, was er wohl gesagt hätte, wenn er das alles gesehen hätte, so wie du es erzählst.“

„Genau das hat Grand Mère auch gesagt!“ rief Inge. „Er hätte es nicht gebilligt, der Maître, und auch Dieterichs Rede nicht, gewiss nicht …“

Und Roger lächelte im Gedanken an den Maître, und Inge rückte unauffällig noch ein wenig dichter an ihn heran, sie spürten gegenseitig ihre Wärme unter der schützenden Decke, draußen war das graue Regenrieseln, in sanfter Schönheit, und sie verstanden, dass sie beide die gleichen Gedanken hatten, auch wenn sie voneinander entfernt waren …

„Ob ich mal schaue, was die Kleinen machen?“ fragte Inge.

„Ja“, sagte Roger, „tu das … frag sie, ob sich was rührt, hinten auf dem Weg.“

Inge kroch unter der Decke hervor, sie bewegte sich mit Vorsicht, dass die schützende Hülle nicht Roger vom Kopf rutschte, ja, sie legte sie sogar noch sorgfältig zurecht, und Roger schaute darunter hervor wie unter einer großen Kapuze.

„Ich bin gleich wieder da“, sagte Inge.

Im Wagen war es dunkel, das gedämpfte Regenlicht konnte die Plane nicht durchdringen, von hinten leuchtete ein schwacher Schimmer, da saßen die Jungen, aber es stand zu viel Gerät im Weg, um den Rest des Wagens zu erhellen. Inge tastete sich durch, sie kannte sich ja aus, und ihre Schritte waren geschickt wie die eines Seemannes, der das Schaukeln und Stampfen seines Schiffes auffängt.

„Hallo!“ rief sie, um Waldemar und Eluard nicht zu erschrecken, wenn sie plötzlich hinter ihnen auftauchte.

„Ja“, rief Waldemar zurück, „wir sind hier.“

Sie sahen ihr entgegen, als sie kam, und sie kniete nieder, bei der offenen Plane, und schaute hinaus.

„Kommt niemand?“ fragte sie.

„Nein“, antwortete Waldemar, „niemand. Es regnet …“

„Ja“, sagte Inge und seufzte, sie wusste selber nicht, warum. „Es regnet.“

Leise entrollte der Weg, bewegte sich schnell unter den Rädern, schlängelte sich langsamer dem Hintergrund zu, wurde Teil eines stehenden Bildes, das veränderte sich so gemächlich, dass man es kaum bemerkte. Solcherart ist die Bewegung des Weges, wenn er den Ochsengespannen enteilt.

„Geht es euch gut?“ fragte Inge.

„Ja“, antworteten beide, und Waldemar fügte hinzu: „Wir passen auf, und wir rufen euch gleich, wenn jemand kommt.“

„Das ist gut“, sagte Inge, und sie küsste beide. „Ich geh jetzt wieder nach vorne, zu meinem Mann Roger … bis später …“

Sie streichelte Eluard über den Kopf und tastete sich ihren Weg zurück, nach vorne, zum Kutschbock. Roger hockte wie vorher, die Decke über den Kopf gezogen, dass er saß wie unter einem Zelt, oder eben einer großen Kapuze.

„Nichts zeigt sich auf dem Weg“, sagte Inge, „wir sind allein.“ Sie kroch wieder zu ihm unter die Decke, rückte ganz dicht an ihn heran. „Wie es regnet“, sagte sie, und Roger nickte.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 13.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)