Banshee Neue Folge 114

Nachricht von Peter von Mundenheim

Wir sind wieder runtergegangen zum Strand, PF und ich, es ist, als würde es uns mit Stricken dorthin ziehen, wir haben fotografiert, natürlich haben wir das, aber ich stell die Bilder nicht ein, ich will sie erst Ayse zeigen, ob die, ob die das erträgt.

Es waren Touristen da, offenbar ist diese wilde Klippe ein ganz beliebtes Ausflugsziel, hier sind zwölf Menschen gestorben, das wissen die Touristen natürlich nicht, man sieht nichts, es ist wie mit einem alten Schlachtfeld, hier ist gekämpft worden, erzählen die Fremdenführer, Tausende sind verdorben gestorben, und die Besucher gucken sich um auf den friedlichen Feldern, im Museum kann man dann die Patronen sehen und Granaten und Wasserflaschen und was sonst noch die Bauern finden jeden Tag, wenn sie ihre Felder bestellen, wir standen und schauten auf’s Meer, standen ziemlich genau an der Stelle, wo die Glatzen starben und der Burroblast und der Galgenvater, und das Meer war blau und unschuldig, inzwischen scheint wieder die Sonne.

PF und ich hatten es den ganzen Morgen mit unseren Wagen, und wie die einige Tage nach unserer Heimkehr wieder vor unseren Türen standen. Ich war zu Hause, als es geschah, und es klingelte an der Haustür, ein geschäftiger junger Kerl stand mit einem Klemmbrett auf der Vordertreppe und wollte meine Unterschrift, und auf der Straße sah ich schon meinen Wagen, der wirkte irgendwie – generalüberholt, die müssen wirklich jede einzelne Schraube raus und wieder rein gedreht haben. PF erzählt, ihm sei’s nichts so bequem ergangen, bei ihm hat ein Zettel im Briefkasten gelegen, als er heimkam, er könne seinen Wagen auf der Polizeistation abholen, gegen Quittung und Vorlage Personalausweis. Hat er gleich am nächsten Morgen auch gemacht, die Polizisten wussten nicht, wie der Wagen nun genau hergekommen sei, er sei eben in den Hof gefahren worden, und „man“ habe höflich und unter Wahrung der Formalitäten um Amtshilfe ersucht, und mehr konnten und wollten die auch nicht sagen. PF meint, sein Wagen hätte „brennend“ nach Chemikalien gerochen, aber er hat ja diese superempfindliche Nase, und es wär alles ausgeputzt gewesen, die müssen selbst den Wagenboden abgekratzt haben, um Spuren zu nehmen, sagt er.

Jedenfalls ermitteln sie nicht mehr gegen uns, das war ja dieser Anfangsverdacht, wie die das nennen, wir steckten alle unter einer Decke und hätten gemeinsam Ayse an einen Mädchenhändlerring verkauft. Ob man damit so viel Geld verdient, dass es sich für sechs Personen lohnt, möcht ich allerdings bezweifeln, aber was weiß ich von solchen Sachen.

Am Nachmittag war ich wieder bei Ayse, sie ist nicht mehr ganz so blass wie am ersten Tag, und ich glaube, sie hat schon ein bisschen zugenommen, die wollen alles wissen, sagt sie, ich krieg Kopfschmerzen, ich werd wieder therapiert. Das ist ihr Tagesablauf: Sie muss früh raus, kriegt Frühstück und Medikamente für den Tag, dann kommen die Vernehmungsbeamten, und ein Arzt ist dabei, der prüft immer wieder den Blutdruck, meinen Blutdruck, sagt Ayse, nicht seinen eigenen, dabei kriegt der so schnell einen roten Kopf, und manchmal leuchtet er auch Ayse mit einem Lämpchen direkt in die Pupillen, Ayse sagt, keine Ahnung, was er dort zu finden hofft, oder befürchtet.

Ich hab am Telefon mit Regina darüber gesprochen, die meint, Ayse ist gewissermaßen in der Obhut vom MAD, nicht in dessen Gewahrsam, und die wollen ganz sicher gehen, dass es ihr an nichts fehlt. Die wollen keinen Ärger, keinen plötzlichen Kreislaufkollaps der Patientin oder sowas, keinen Zusammenbruch unter der Belastung durch die Befragungen. Das ist ein Militärkrankenhaus, und Ayse ist Zivilistin. Die Befragungen sind Befragungen, keine Vernehmungen, schon gar keine Verhöre, Ayse zuckt die Achseln und sagt, ich erzähl denen alles, was sie wissen wollen, und die sagen selber, das dient der Aufklärung des Sachverhalts, es werden allerdings immer noch Ermittlungen gegen Unbekannt geführt, mit der Vermutung im Blick, es könnte neben den zwölf Haupttätern, nämlich den zwölf, die da am Strand gestorben sind, noch weitere Täter gegeben haben, auf jeden Fall Mitwisser. Ayse meint, aus Randbemerkungen gehört zu haben, dass sich immer noch um die vierzig Verdächtige in Haft befinden. Wer jemals sich auf den Burroblast eingelassen hat, hat inzwischen schon Besuch gekriegt. Die MAD-Leute haben bestätigt, dass sie frühzeitig vom Mossad vor den Burroblast-Leuten gewarnt worden sind. Wir haben das nicht ernst genug genommen, sagen sie. Aber wenn man heute die Schriften von frühen Nazis liest, denkt man auch, wär besser gewesen, die Welt hätte die beizeiten ernst genommen. Wenn einer das Messer wetzt und irre Reden dabei schwingt, sagt man ja auch nicht, lass dem sein Messer, das ist bloß ein armer Irrer, sondern man sagt, das ist ein Irrer, nehmt dem das Messer weg.

Die Befragungen für den Tag vorüber, bekommt Ayse zu essen, und gegen eins wird sie in’s Bett geschickt, Mittagsschlaf. Sie sagt, sie schläft wie ein Stein, mit dem warmen Essen im Bauch, ihre vollen zwei Stunden. Vielleicht ist es doch die Anstrengung, durch die intensiven Befragungen. Um drei am Nachmittag steh ich auf der Matte, und wir sind zusammen bis fünf, dann muss ich wieder gehen, und ich lass sie nicht gern allein da zurück, die tun mir nichts, sagt Ayse, du musst ein bisschen Vertrauen haben. Zwischen fünf und acht am Abend sind Therapiestunden angesagt, Traumatherapie, Ziel ist, die Herausbildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu verhindern. Wie gesagt, das ist ein Militärkrankenhaus, die müssen wissen, wie man mit solchen Sachen umgeht, wenn die nicht, wer dann. Ich kann es mir nicht leisten, jetzt zu diskutieren, es geht nicht um mich. Ayse sagt, sie haben mich auch nach meiner „Vorgeschichte“ gefragt, aber das nur am Rande, hauptsächlich geht es um die Entführung. Sie war eine Woche in der Gewalt ihrer Entführer, und das waren Irre, und sie hatten vor, sie zu töten, als Schlachtopfer, und sie haben es ihr gesagt, gleich anfangs. Ayse erzählt mir nach und nach, was passiert ist, ich schreib das nicht hin, das soll sie selber machen, sie soll euch genau das erzählen, was sie erzählen will, und mit ihren eigenen Worten. Ich fang immer wieder an zu heulen, wenn sie erzählt, das ist sowas von peinlich, je älter ich werde, desto leichter weine ich, war früher nicht so, oder vielleicht hab ich mich früher auch nur mehr zusammengerissen.

Am Abend gibt es wieder Essen, und Ayse isst mit anderen Patienten zusammen, junge Kerle, die nichts sagen und vor sich hin starren, aber irgendwie froh zu sein scheinen, dass eine junge Frau mit am Tisch sitzt. Sie schieben mir immer die Schüsseln rüber und füllen mir den Teller, sagt Ayse, als hätten sie Angst, dass ich nicht genug zu essen bekäme. Sie fragen aber nicht, was mir passiert ist, und warum ich hier bin.

Danach Schlaf. Die jagen mir eine Spritze rein, sagt Ayse, das dauert nur Sekunden, dann weiß ich nichts mehr. Sie sagt, sie träumt, kann sich aber hinterher an die Träume nicht mehr erinnern.

Und dann ist Morgen, und es beginnt ein neuer Tag, und die Beamten vom MAD kommen, mit ihren Fragen.

Morgen Nachmittag besuch ich sie wieder.

(Nachricht vom 12.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 13.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)