Banshee Neue Folge 113

Nachricht von Peter von Mundenheim

Es hat geregnet heute, ich war bei Ayse, in der Klinik, und wir haben in diesem karg möblierten Gemeinschaftsraum gesessen, wo wir uns zuerst getroffen haben. Ich fühl mich da nicht wohl, ich bild mir ein, da sind in jeder Ecke und unter jedem Stuhl Abhörgeräte, aber Ayse sagt, das macht überhaupt keinen Unterschied, sie erzählt den Schlapphüten sowieso alles.

Die Schlapphüte wollen natürlich wissen, ob sie mir was erzählt, was sie ihnen verschweigt.

Ich kann mich manchmal nicht beherrschen und halte sie fest, während sie erzählt. Ich kann nicht glauben, dass ihr das alles passiert ist, und zur gleichen Zeit bin ich im Haus die Treppen auf und ab gerannt und hab nichts tun können.

Ich begreif nicht, wie das möglich ist, jetzt bin ich so alt geworden und begreif noch immer nichts. Die Gleichzeitigkeit der Dinge. Die Dinge passieren, gleichzeitig, an verschiedenen Orten, und wer an dem einen Ort ist, hat keinen Einfluss auf das, was woanders geschieht.

Ich glaube, jeder, der sich schon einmal mit historischen Katastrophen beschäftigt hat, kennt das, man hat das Gefühl, man möchte hinuntergreifen in die Zeit und das aufhalten, das alles. Man liest vom Holocaust und denkt, du musst das aufhalten, das darf nicht passieren, du musst was tun.

Es ist schon passiert.

Aber die Dinge in der Gegenwart? Sie passieren gleichzeitig, jetzt in diesem Augenblick, im gleichen Atemzug, und wir können nichts tun, selbst wenn uns die Sache persönlich angeht. Wir spüren noch nicht einmal, was passiert. Wie ist das möglich? Wenn Zeit und Raum doch kontinuierlich sind, alles eine einziger Zusammenhang, in dem alles mit allem dicht verflochten ist, und dennoch konnt ich nicht spüren, wo Ayse war, was mit ihr geschah?

Sie kneift mich und zerrt an mir herum, wenn ich so rede. Sie sagt, ich soll mich nicht so schuldig fühlen. Es beschäftigt mich trotzdem. Verliebte kennen das. Leidenschaftlich kreisen ihre Gedanken um eine Person, und sie denken, die muss das merken, die muss doch auch was empfinden, aber diese andere Person, in ihrem entfernten Zimmer, die merkt gar nichts, weiß vielleicht nicht einmal von dem, der da an sie denkt.

Aber das ist so. Ich hab ja auch nichts davon gespürt, was der Burroblast und seine Blase da gegen uns vorbereiteten. Nicht einen Augenblick hab ich an die gedacht. Und Ayse selber hat nichts gespürt. Da war keine Vorahnung, keine Unruhe. Wir waren beide froh gewesen, dass der Polizeiwagen nicht mehr die ganze Zeit vor dem Haus stand. Niemals spüren die Opfer, wie die Täter die Tat vorbereiten.

Ayse weint jedes Mal, wenn sie hört, wie wir zu diesem Felsen am Meer gefunden haben. Sie hat gelesen, was wir alle schon geschrieben haben, aber sie will es wieder und wieder hören, ich muss es ihr erzählen. Die Besucher haben uns geholt. Aufdringlich deutlich unmissverständlich. Wie aufgeregte Hunde ihre Herren zerren zum Ort eines Unglücks. So haben mich damals die Katzen geholt, als Ayse hilflos im Garten lag. Hätten die Besucher uns nicht gerufen, wir wären nicht rechtzeitig gekommen, zu dieser Klippe im grauen Meer, es war so schon knapp genug. Die Polizei hatte keinen Schimmer, wo Ayse war, wohin die um den Burroblast sie gebracht hatten. Sie hätte sonstwo sein können.

Ayse weint und lacht, wenn ich ihr das auseinandersetzte. Die haben eure Wagen verwanzt, ja? sagt sie. Und als ihr alle los seid, am selben Tag, in dieselbe Richtung, sind sie euch natürlich gefolgt?

Und ich: Die haben gedacht, wir hätten was mit deinem Verschwinden zu tun. Natürlich haben sie das gedacht. Wenn ich mir das so überlege, was hätten sie denn sonst denken sollen.

Wir wussten nicht, was wir taten, als wir es taten. Wir fuhren los, und wussten nicht, wohin. Wir sind den Besuchern gefolgt. Und wir wussten alle, jetzt haben wir keine Wahl mehr. Und wir sind angekommen. Irgendwie … irgendwie haben wir eben doch geändert, was schon nicht mehr zu ändern war, dem Anschein nach. Wir haben es gemacht. Wie haben hineingegriffen in die Zeit, und haben die Dinge geändert.

So war das, genau so. Die ganze Zeit, während alles passierte, hab ich nicht wirklich gewusst, was ich eigentlich tat. Ich glaub, die einzige von uns, die noch einen Rest von klarem Verstand beisammen hatte, das war Diana gewesen, als sie die Juden gerufen hat. Das wirkliche Wunder bei der Sache ist, dass die ihr geglaubt haben. Dass die sich in Bewegung gesetzt haben, als der Anruf kam, und dem Signal von ihrem Handy gefolgt sind. Die Schlapphüte vom MAD betrachten das noch immer als ihre persönliche Niederlage, dass sie von diesem Handy nichts mitbekommen haben.

Also, ich hab nichts gewusst, und als ich auf diesem Strand stand, am grauen Meer, und Ayse oben stehen sah an der Klippe, gekettet an diesen Felsen, da hab ich nur das eine gedacht, ich muss zu ihr hoch, ich muss mich vor sie stellen, um sie vor dem Meer zu schützen, diesem grauen brüllenden Meer, das immerfort mit seinem Gischt zu ihr hochlangte, wie sie da oben stand, weiß und wehrlos, ich hörte das Spritzen und Klatschen des Salzwassers auf ihrer Haut, ich muss da hoch, dachte ich, ich muss zu ihr, ich muss sie schützen.

Deshalb bin ich da hochgeklettert, das müsst ihr verstehen. Ich hab den Burroblast und die Glatzen überhaupt nicht gesehen. Ich hab das Messer nicht gesehen, das da auf dieser Decke am Strand bereit lag, dieses Opfermesser. Ich wollte nur hoch hoch zu Ayse und mich vor sie stellen, und ich hab nicht einmal darüber nachgedacht, wieso sie da oben stand, nackt und hilflos, wie sie da hoch gekommen war, wer sie da festgekettet hatte, ich hab nur an den Augenblick gedacht, den Augenblick, und nicht einmal das, ich hab einfach gemacht.

Der Fels war nass, und ununterbrochen klatschten Brecher gegen die Basis, spritzten hoch, droschen gegen den Stein, und sprudelnd rann das Wasser wieder zu Grund, da kletterte ich hoch, ich spürte die nassen Schläge auf meinem Rücken, da waren aber Schründe und Risse im Fels, an denen ich mich festhalten konnte, fast so etwas wie natürliche Stufen, ich weiß noch, der Stein war nicht wirklich kalt, obwohl er so nass war, oder ich hab das nicht gespürt, ich weiß nicht, ich griff nach oben und spürte die Kanten und Vorsprünge und hielt mich fest und zog mich hoch, und tastete gleichzeitig mit den Schuhspitzen nach Halt, ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, ich bin noch nie in meinem Leben geklettert, ich kam hoch, ich guckte nicht nach unten, nur nach oben, zu Ayse hoch, und Ayse stand auf einer Höhe im Fels, vielleicht wie das zweite Stockwerk eines Hause? ungefähr so, und ich rief etwas, hinauf zu Ayse, ich weiß nicht mehr was, ich bin da, irgendwas in der Art, und dann war ich neben ihr, direkt neben ihr, und ich tastete nach ihren Fesseln, legte dabei die Wange gegen ihren nackten Arm, ich spürte das blitzende Metall der Ketten unter meinen Fingerspitzen, das war das erste, was ich dachte, ich muss die Ketten lösen, aber da waren Stahlschlösser, nass und tropfend von dem Gischt, und Ayses Arme waren weiß und ganz zurückgebogen, so stand sie, gegen den Fels gefesselt, und sie sah mich nicht an, obwohl ich sie doch berührte, sie sah hinaus auf die See, und ich dachte nur, wenn ich sie nicht loskriege, muss ich sie anders schützen, und ihre nackten Füße standen auf einem natürlichen Sims, ich erinnere mich genau, der Sims war so schmal, dass gerade ihre Fersen Platz hatten, und wenn sie abgerutscht wäre, dann hätten nur die Ketten an ihren Armen sie gehalten, und wenig unter ihren Füßen war noch ein anderer Sims, breiter, und auf den bin ich geklettert, hab erst ein Bein von der Seite her vorgeschoben, dann das andere, dabei hab ich mich umgedreht, und mir war, ich schwebe frei in der Luft, so drängte ich mich vor Ayse, ich schlug die Arme nach hinten, um mich irgendwie festzuhalten, und schob mich vor das Mädchen, mit dem Rücken zu ihr, und da klatschte erneut ein Brecher hoch, und für einen Augenblick war ich blind von dem dem Salzwasser, und ich stand vor Ayse und war entschlossen, entschlossen, ich weiß nicht zu was, und dann sah ich, sah ich alles.

Unten der Burroblast, am Strand, den erkannte ich sofort, obwohl ich ihn doch nie gesehen hatte, und die Glatzen, in wirrer Gruppe, und da war die Decke mit dem Messer, aber der Burroblast und die Glatzen schauten nicht zu mir hoch, vielleicht hatten sie mich gar nicht bemerkt, sie starrten auf’s Meer, einige waren in die Knie gesunken, und das Meer rauschte und schäumte gegen den Strand, und die Glatzen starrten genau dorthin, wohin auch Ayse sah, festgebannt, und da erwischte mich der nächste Schlag von Schaum und Gischt, und ich zwinkerte, geblendet von dem Salzwasser, ich spürte plötzlich Ayses Wärme in meinem Rücken, ich stand ja unmittelbar vor ihr, eine Stufe sozusagen unter ihr, und ich lehnte mich gegen sie, musste mich zurücklehnen, um nicht vornüber hinunterzufallen, ich lehnte mich ganz fest und dicht gegen sie, um sie vor den Bissen des Meeres zu schützen, ich spürte, selbst in diesem Augenblick, wie weich und rund und warm sie war, und ich dachte, ich geh nicht weg, ich schütze dich, und endlich konnte ich etwas sehen, und ich sah hinaus auf das Meer, und da war das Tier, die Schlange, verdeckte den Horizont, füllte den ganzen Raum aus zwischen dem Meer und dem grauen Himmel, das Tier, die Schlange.

Ich sah das.

Ich sah das Tier.

(Nachricht vom 11.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 12.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)