Banshee Neue Folge 112

Nachricht von Peter von Mundenheim

Wir haben uns runtergetraut, PF und ich, wir haben es wirklich gemacht, wir sind zum Strand runtergegangen, wo alles passiert ist. Am hellen Vormittag, es waren schon ein paar Spaziergänger unterwegs, und am Wandererparkplatz flatterten noch Reste von den Sperrbändern, sonst sah man aber nichts mehr von Polizei und Militär, es war alles still. Die See war ganz blau, und der Himmel ein starkes Gewölbe, glasierte Tonschüssel, die sang und summte unter den Trommelschlägen der Sonne, das war Gottes Welt, nicht die Welt Azazels.

Ich musste mich erst mal setzen, zwischen den Felsen, und der Sand war fast weiß, und mehlig, und ich sagte zu PF, hier sind wir also runtergekommen.

Ich konnte mich aber nicht daran erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich gerannt war, ich hatte meinen Wagen abgestellt oben auf dem Parkplatz, und dann war ich gerannt. Einfach dem Weg nach, und der Sand war grau gewesen, wie der Morgenhimmel, die Felsen graue Zacken, alles gehüllt in Frühe und Unwilligkeit, als weigere sich der Tag, aufzustehen aus seinem Krankenbett. In mir war Angst, und das Gefühl einer unbedingten Notwendigkeit. Jetzt, jetzt, dachte ich, nicht nachdenken, tun. Keine Sekunde nachdenken, nur tun, sonst ist alles zu spät. Und da kam diese Stelle, da wurde der Weg ganz eng, und ich hörte hinter mir knirschende Schritte, das war PF, der war unmittelbar hinter mir eingetroffen und aus seinem Wagen gesprungen und mir einfach nachgerannt, aber das hat er mir erst später erzählt, ich nahm mir nicht einmal die Zeit, mich umzugucken, ich wollte nur diesen Weg runter, zwischen den Felsen durch, und dann traten die Felsen dicht zusammen, und wenn dies das Bett ein Gebirgsbaches gewesen wär, dann wäre das Wasser jetzt gestürzt und gejagt und gesprungen, und ich hielt mich an den Felszacken fest zur Seite, um die Ecke zu nehmen … da lag der Strand vor mir, und ich sah Ayse.

Das war das erste, was ich sah, ich weiß das. Ich sah Ayse, und nichts sonst. Da war ein Felszacken zur Rechten, des Fuß stand im Meer, das Meer war grau wie matter Stahl, und schäumte und spritzte und knurrte, und drosch gegen den Felsen, und der Felsen zackte hoch in den Himmel, und da oben stand Ayse. Ich sah sie ich musste sie sehen, denn sie war weiß wie Milch, der einzige Tropfen Weiß in diesem Meer aus Grau, schimmerndes Weiß, blendendes Weiß, sie stand da oben auf dem Felsen, stand mit dem Rücken zum Felsen, stand mit ausgebreiteten Armen, sie stand auf einem Sims, zurückgelehnt gegen den Felsen, sie sah, ich weiß nicht, sie sah hinaus auf’s Meer.

Sie war vollkommen nackt, und da war etwas wie ein Schimmer von Rosenfarb in ihrer Weiße, und ihre Arme waren weit gebreitet und zurückgeschlagen gegen den Felsen, und ich sah die blitzenden Stahlketten um ihre Handgelenke, und die Kette war zurück um den Felsen gewunden, und sie stand auf diesem Felsvorsprung, der war gerade so breit, dass ihre Füße darauf Platz hatten, vielleicht auch nur ihre Fersen, ich weiß nicht, stand, mit zurückgebundenen Armen, und im Augenblick, da ich zu ihr hochschaute, und sie sah mich nicht, das weiß ich, sie sah hinaus auf die See, in diesem Augenblick also schlug eine Welle an den Felszacken und brach sich und spritzte klatschend hoch, und ich sah, wie der Schaum spritzte über den weißen Körper dort oben, über Brust und Bauch und Beine, und ich sah, das war schon mehrmals geschehen, und es würde wieder geschehen, wieder und wieder, vielleicht in alle Ewigkeit, sie würde in alle Ewigkeit so stehen hier am Gestade des Meeres, hoch auf der Klippe, gekettet an den Felsen, der für alle Ewigkeit ihrer sein würde, nackt und gefesselt würde sie da oben stehen, bis die Welt unterginge, und Welle um Welle würde sich brechen auf ihrer weißen Haut, und das Salzwasser würde nicht vermöge sein, die milchene Weiße zu brechen ihres Mädchenkörpers, aber sie würde sich auch nicht befreien können, niemals, nicht aus eigener Kraft, so würde sie da oben stehen über dem zürnenden Meer, und das Meer würde sie nicht wegwaschen können von dem grauen Felsen, aber sie würde dem Felsen und den Ketten und den Fesseln auch nicht entkommen können, sie würde dulden müssen, leiden müssen dort oben bis zum Ende der Tage, stehen nackt und gefesselt und wehrlos ausgeliefert den Bissen des Meeres, und ich wusste, sie würde nicht untergehen, dieser Kampf, dieser Kampf zwischen dem wütenden grauen Meer und der milchenen Weiße ihres Körpers, der würde für alle Ewigkeit unentschieden bleiben, nein, nicht für alle Ewigkeit, Gott würde kommen, eines Tages, und sagen, genug.

Und seht ihr, das war, was ich sagte in diesem Augenblick, und deshalb bin ich dort hinauf geklettert. Ich habe nicht gesehen, was ihr anderen alle gesehen habt, nicht in diesem ersten Moment. Ich habe nur Ayse gesehen, Ayse und das graue Meer, das nackte milchweiße Mädchen, gekettet mit ausgebreiteten mit zurückgebundenen Armen an den Felsen, und die jagenden Schleudern der Meeres, wie sie ihre Salzflut gossen über den wehrlosen Körper, der dennoch nicht nachgab, in Ewigkeit nicht aufgeben würde, das hab ich gesehen, sonst nichts, und ich sagte: Genug.

Ich weiß das, weil ich noch weiß, dass ich dachte: Wenn Gott nicht sagt, genug, so muss ich das eben sagen.

Deshalb bin ich dort hinauf geklettert. Nicht um Ayse vor den Mördern zu schützen, die sah ich gar nicht, von denen wusste ich gar nichts, und ich sah auch nicht die Schlange, den altbösen Feind, der da eben, in diesem selben Moment, sich anschickte, über dem Meer zu erscheinen, ich sah das gar nicht. Wie ich sagte, ich sah Ayse, nichts sonst.

Und ich hatte nur diesen einen Gedanken, ich kletter da hoch, ich bin ein alter Mann, und wenn es das letzte ist, was ich tue, ich kletter da hoch und stell mich vor das Mädchen, stell mich vor sie, dass das Meer mit seinen Klauen und Zähnen sie nicht mehr erreichen kann.

(Nachricht vom 10.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 11.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)