Banshee Neue Folge 111

Nachricht von Peter von Mundenheim

Natürlich konnt ich erst nicht schlafen, und dann doch. PF hat lang mit mir zusammengesessen, das half. Das Hotel hat einen behaglichen kleinen Aufenthaltsraum, fast wie ein Wohnzimmer, eine alte Frau hat hartnäckig vor dem Fernseher gehockt und hat nicht ein Mal von der Mattscheibe weggeblickt, sie hat einfach zugeguckt, wie hypnotisiert, wir dachten erst, die sei Gast wie wir, aber gegen Mitternacht kam die Hotelbesitzerin und sagte, komm, Mutter, Zeit zum Schlafen.

Ja.

Ich hab nochmal mit PF über diese leidige Geschichte mit den zweihundertfünfzig Kilometern gesprochen. Er bleibt dabei, er hat gesehen, wie ich an ihm vorbeigerauscht bin, was nicht sein kann, aber offenbar doch so ist, die Schlapphüte sagen es ja auch. Ich selber weiß nichts davon.

Ich weiß nur, dass an diesem Tag, schon am Vormittag, plötzlich die Besucher auftauchten im Garten. Nervös, flatternd. Ich sah sie, und dachte im ersten Augenblick, Ayse ist wieder da. Es kann nicht anders sein. Sie sind da, weil Ayse da ist. Ich rannte durch’s Haus, durch den Garten, ich dachte, da ist wieder sowas im Gange wie damals, als sie hier in den Gärten verschwunden war, und sie liegt hilflos in irgendeinem Winkel und kann sich nicht rühren oder weiß nicht mehr, wer sie ist, ich suchte alles ab, und dann drangen die auf mich ein, die Besucher, tanzten und flatterten und wirbelten um mich herum, drängten mich rüber zur Garage, und ich begriff, was die wollten.

Ich hab das alles PF erzählt, gestern Abend, während die arme Alte dabeisaß und in den Fernseher glotzte. Ich hatte das ja schon den Schlapphüten erzählt, wieder und wieder, und trotzdem, auf einmal war es wieder wie neu, als erlebe ich alles nochmal.

Die Besucher waren mir noch niemals so nahe gekommen. Sie halten ja sonst immer Abstand, hüpfen auf den Dächern herum, zwischen den Baumwipfeln hin und her, und sie waren immer auf Ayse fokussiert gewesen, jetzt kreiselten sie um mich herum, dass ich mich fühlte wie am Grund einer goldenen Tonne. Sie bildeten etwas wie einen Schlauch um mich herum, einen aufrecht stehenden, kreiselnden Schacht, an dessen Grund stand ich, und die runden Schachtwände bewegten sich, so dass ich mitgehen musste. Das geschah im Garten, ich wusste aber, in welcher Richtung die Gartentür zur Küche lag, und die stand offen, ich ging einfach durch die Wände hindurch, da war kein Hindernis, wie immer, und wie gesagt, ich wusste, ich sollte in die Garage, in’s Auto, so holte ich in aller Eile meinen Kram zusammen, Wagenschlüssel Handy all das, es war bei mir nicht anders als bei euch allen, alles geschah in höchster Eile, ich hatte keine Zeit zum Nachdenken, hab ich telefoniert oder versucht zu telefonieren? ich weiß nicht mehr, die Schlapphüte sagen, ja, und die müssen es wissen, die haben uns schließlich die ganze Zeit abgehört.

Und ich hatte keinen Zweifel, das ist wegen Ayse, dass die Besucher hier sind. Was immer die von mir wollen, es ist wegen Ayse, und ich tu jetzt, was die wollen. Anders war es ja auch bei euch nicht. Ich weiß noch, mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich hatte keine Angst. Da war nur der eine Gedanke, endlich, endlich bewegt sich was. Ich machte überall die Fenster zu, aber ich drehte das Licht an, das weiß ich noch, ich hatte irgendwie den wirren Gedanken, wenn ich weg bin, und Ayse kommt zurück, soll sie sehen, da ist noch jemand im Haus, und wo im Garten der versteckte Notschlüssel liegt, das weiß sie, meine Gedanken rannten im Kreis, atemlos.

Ich ging raus, schloss die Haustür hinter mir zu, und da waren sie wieder um mich rum, beängstigend eng, ich bekam kaum Luft, sie waren mir nicht in’s Haus hinterher gekommen, aber sie hatten zu den Fenstern reingestarrt, und jetzt drängten sie mich zur Garage, und ich warf meine Tasche auf den Beifahrersitz und stieg ein und fuhr los.

Was war das vor mir, das wollt ihr jetzt wissen. Einfach. Ein Diskus, aufrecht stehend. Nein. Nicht stehend. Rollend. Dünne Scheibe, dünn wie eine CD, und silbrig glitzernd, ja, wie eine CD. Aber ungeheuer hoch. Zwei Stockwerke hoch. Flimmernde Scheibe, scharf auf der Kante stehend, rollte aufrecht vor mir her. Ich begriff, dass ich folgen sollte, das war keine Frage, da war keine Überlegung. Diese Scheibe vor mir. Ich sah sie rollen, und die Kante blitzte, die war scharf wie die Schneide einer Rasierklinge. So rollte dieses Ding vor mir her. Das war kein Ding, das war, irgendwie, Energie. Ich wusste, wenn ich aussteig und fass das an, ich fall tot um, vom Blitz getroffen oder so. Ich meinte sogar, ich hörte etwas wie ein Knistern und Sausen, wie von elektrischer Energie, und dann war da immer wieder ein Geruch – wie nach Ozon. Hab ich mir vielleicht nur eingebildet. Nein. Hab ich mir nicht eingebildet. Jetzt, wo ich es hinschreib, hab ich wieder diesen Geruch in der Nase. Ozon. Und – in die Seite von dem Diskus waren Zeichen eingraviert, das weiß ich. Obwohl der Diskus rasend schnell rotierte, sausend, konnt ich das erkennen, da waren Zeichen eingeschrieben in die Silberhaut. Aber ich konnt den Kopf recken wie ich wollte, ich konnte die Zeichen nicht lesen. Ich hab in meinem Krankenhausbett sogar versucht, sie aus dem Gedächtnis nachzumalen, ich weiß nicht, ob mein Gekrickel irgendwas bedeutet.

Ihr wisst, was ich gemacht hab. Ich fuhr dem Diskus hinterher, so wie PF diesem silbernen Faden gefolgt ist, in seinem goldenen Ofenrohr, da war keine Frage, das haben die Schlapphüte immerfort wissen wollen, woher haben Sie gewusst, dass Sie diesem Diskus folgen sollten? Ich wusste es einfach.

Ich hab nicht auf den Verkehr geachtet. Ich hab einfach immerfort diese Kante dieses Schneide des Diskus im Blick behalten, und der ist aufrecht vor mir her gerollt, in sausender und jagender Rotation, und ich hab mein Steuerrad festgehalten und mein Fuß stand auf dem Gaspedal, so bin ich gefahren, und ich hab immerfort bloß gedacht, Ayse. Ayse. Ich muss noch rechtzeitig kommen. Ayse.

Einmal, und ich glaub, noch ein zweites Mal, musst ich halten und tanken, und dann war auf einmal wieder Verbindung zu euch im Handy, da ging eine Nachricht nach der anderen ein, alles Textnachrichten, und ich fummelte beim Fahren mit meinem Handy rum und las und verstand, ihr wart unterwegs, alle, alle von den Besuchern aus dem Haus gelockt oder aus dem Haus gedrängt, und es wurde Nacht, ich verlor alles Gefühl für die Zeit, ich hab nichts mehr gesehen als diese silberne sausende Scheibe vor mir, jetzt fällts mir ein, die sauste rasend schnell, wie die Scheibe einer Kreissäge, als wollte sie die Nacht zerschneiden, sauberer, klarer Schnitt, und die Nacht öffnete sich klaffend, wie sich die Haut öffnet eines operierten Patienten, und da hinein fuhr ich, in diesen Schnitt hinein, ein paarmal hielt ich an, um eine Botschaft in’s Handy zu tippen, ich weiß noch, ich dachte dann jedes Mal, das muss ich jetzt unbedingt sagen, aber wenn ich es wiederlese, sehe ich, es war nur belangloses Zeug, oder doch nicht, ich weiß nicht, ich weiß nur, ich dufte nicht lange anhalten, denn jedes Mal, wenn ich anhielt, bekam ich keine Luft mehr, es war wie daheim, als ich die Treppen hinauf rennen musste und hinunter, ohne Unterlass, denn wenn ich mich irgendwo hinsetzte, presste mir die Angst den Atem weg, genauso war das auch jetzt, ich musste fahren, ich durfte nicht anhalten.

Ich hatte den weitesten Weg von euch allen, aus Weldbrüggen, und ihr wart alle vor mir, obwohl ihr ja alle später abgefahren seid als ich, und trotzdem war ich irgendwann vor PF, das ist amtlich, und PF bleibt dabei, er hat das gesehen, wie ich an ihm vorbeigezogen bin, was nicht sein kann, sein Wagen ist viel schneller als meiner, und dennoch war es so, ich war auf einmal vor ihm, und dann ging da dieser graue Morgen auf, dieser graue Morgen über dem Meer, und wir kamen alle so gut wie gleichzeitig an auf diesem Wanderparkplatz in den Dünen, ich hab das gehört, ich hab das Knirschen der Reifen gehört auf dem Sand, ich hab mich nicht einmal richtig umgeguckt, ich hab gewusst, dass ihr das wart, aber ich hab nur den Weg hinunter geguckt, den Weg zwischen den Felsen und den Dünen durch hinunter zum Strand, und ich hab gewusst, da unten am Meer ist Ayse, und ich bin gerannt, ich bin einfach gerannt.

Heute Nachmittag war ich bei Ayse, PF hat mich hingefahren, wir waren zu früh, aber der Pförtner hat mich reingelassen, und da waren diese Sicherheitszäune und Kameras, und die Gebäude sind ganz kahl, und es war trotzdem Sommer und hell, und Ayse hat schon auf mich gewartet, und wir haben geredet, sie wollte über das Haus reden, über die Katzen, über Weldbrüggen, über alles, und ich hab gesagt, wir müssen das hinter uns kriegen, du musst mir erzählen, was passiert ist, und sie hat gesagt, ich hab mein Handy wieder, ich hab alles gelesen, was ihr geschrieben habt, ich versteh das nicht, ich, ich hatt schon mit meinem Leben abgeschlossen, ich hab gewusst, das war’s jetzt also, hier werd ich sterben, hierher hat das alles geführt, hier endet das alles, und ich hab nicht einmal Angst gehabt, ich hab nur gedacht, wenn das sein muss, dann muss es eben sein, und dann hab ich an dich gedacht, Alter, und ich hab gedacht, das ist doch nicht recht, dass ich den einfach so allein lass, jetzt, wo er sich immer so um mich gekümmert hat, und dann war da die Schlange, auf einmal war da die Schlange, ich hab das nicht geglaubt, das Tier, das böse Tier, hat den ganzen Raum ausgefüllt zwischen Meer und Himmel, und ich konnt nichts anderes mehr sehen als das Tier, und, und auf einmal warst du vor mir, mit dem Rücken zu mir, hast dich vor mich hingestellt, auf diesem Felsen, und ich dachte irgendwie, ich träum das, das ist mein letzter oder mein erster Traum, ich hab nicht begriffen, wo du hergekommen bist, und auf einmal wart ihr alle da, alle, ihr wart auf einmal überall, ich begreife nicht, dass ich atme, ich begreife nicht, dass ich noch am Leben bin, es war doch schon alles vorbei.

Ich sagte, ich will alles wissen, du musst mir alles erzählen.

Also hat sie angefangen zu erzählen, stockend, und ich musst immer wieder nachfragen, aber dann  ging es besser, wir sind da zwischen diesen staubigen Militärgebäuden auf und ab gelaufen, in der Sonne, und Ayse hat versprochen, wenn sie wieder daheim ist, wenn das alles vorbei ist, dann wird sie euch alles aufschreiben, sie wird euch alles erzählen, wie sie das schon mal gemacht hat, und sie wird das tun, ich hab mit Regina telefoniert, und die hat gesagt, sobald Ayse hier rauskommt, sobald Ayse hier rausdarf, in wenigen Tagen, holt sie uns ab, mit dieser kleinen Maschine vom Innenministerium, und dann sind wir in zwei Stunden zu Hause, zwei Stunden nur, das ist doch gar nichts.

(Nachricht vom 09.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 10.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)