Banshee Neue Folge 110

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ich bin wieder oben, wieder oben an der Küste, es ging so schnell, ich hab es kaum begriffen, ich sitz hier in einem Hotelzimmer, ich bleib hier, bis sie Ayse wieder nach Hause lassen, heute Morgen hat das Telefon geklingelt, Regina, die hatten Ayse endlich aufgeweckt, und die hat gesagt, sie redet mit niemandem, wenn sie uns nicht sehen darf, Regina, mich, das war schon gestern, die Schlapphüte haben nachgegeben, Regina hat mich eine halbe Stunde später abgeholt, wir sind zu dem Weldbrüggener Flughafen gefahren, und eine kleine Maschine des Weldbrüggener Innenministeriums hat uns hoch zur Küste gebracht, richtig so ein kleines Ding mit Propellern, hab gar nicht gewusst, dass es sowas noch gibt, Regina hat erzählt, dass sie mit dem Teil schon in Berlin war und sonstwo, und ich, ich hab mal wieder geheult. Wir sind in Kiel gelandet, und dann mit einem Hubschrauber weitergebracht worden, ich glaub, der hat dem BND gehört, aber ich hab nicht gefragt, die haben uns auch nicht gefragt, die haben uns aufgenommen und abgeliefert, und wir landeten an einer Klinikanlage mitten im Gelände, windig, Sand, Dünen, militärische Anlage, Sicherheitszäune und automatische Kameras drumrum, da hatten sie Ayse zur Untersuchung hingebracht, ich sah die Aufschrift auf den Türen und den Wegweisern, „Psychiatrischer Dienst“, natürlich war das das Militär, Soldaten müssen manchmal nach Einsätzen auch behandelt werden, oder öfter, ich weiß nicht, und jetzt liegt also Ayse hier, und sie brachten uns in ein Zimmer mit viel mattem Grün, und da saß Ayse, auf einem Stuhl am Fenster, irgendwie in Krankenhauskleidung, Schlappen und Hosen und Hemd, alles zu weit und in unklaren Farben, ich konnt sie nicht wieder loslassen, oder hat sie mich nicht mehr losgelassen, ich weiß nicht, irgendwann war Regina bei uns, hat mir auf die Schulter geklopft, hat gelacht und Ayse gestreichelt, Ayse hat geweint, ja, hat sie, und Regina hat gesagt, wir haben nicht viel Zeit, die lassen uns nicht viel Zeit, und dann hat sich Ayse wieder an mir festgehalten, oder war ich das, ich weiß nicht, dann war eine Ärztin da, und die hat die Sache in’s Gleis gebracht, hat vernünftig und der Reihe nach geredet, wir haben alle ein gemeinsames Interesse, hat die gesagt, wir wollen die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen, die Patientin soll so schnell wie möglich nach Haus, und die Behandlung kann dann ambulant weitergehen. Wenn das nötig werden sollte.

Also kurz: die Polizei will alles wissen, und so schnell wie möglich. Muss aber nicht alles hier aus Ayse rausgefragt werden, das kann auch in Weldbrüggen passieren. Da lag eine Ahnung von Kompetenzgerangel in der Luft, Regina hat wieder ihr ganz undurchsichtiges Gesicht gemacht, hier in dieser Klinik hat der Militärische Abschirmdienst den Zugriff, wenn Ayse erst mal wieder in Weldbrüggen ist, haben die nichts mehr zu melden, dort ist der Weldbrüggener Staatsschutz zuständig, alleinzuständig, wie Regina sagt. Die Klinik will Ayse so lange dabehalten, bis klar ist, dass sie erst mal über den Berg ist. Mir geht’s gut, hat Ayse gesagt. Natürlich geht’s Ihnen gut, hat die Ärztin gesagt und den Kopf geschüttelt. Sie sind am Leben und heil aus der Sache rausgekommen, da ist erst mal nichts als Erleichterung, das ist, was Sie jetzt spüren. Sie sind noch da, und all Ihre Lieben sind noch da. Aber Sie sind ein Entführungsopfer. Sie waren einer Stresssituation ausgesetzt, die ist mit der von Kriegsopfern vergleichbar. Das steckt sich nicht so einfach weg.

Und ganz unvermittelt, gegen mich gewandt, sagte sie: Sie sehen auch aus, als könnten Sie mal ein bisschen Schlaf gebrauchen. Wie ist ihr persönliches Verhältnis zu Ayse?

Ich bin seine Haushälterin! rief Ayse. Ich muss unbedingt heim!

Ja, sagte die Ärztin.

Ich sah, dass Regina sich das Lachen verbeißen musste, und ich sagte kurzentschlossen: Ich geh hier erst wieder weg, wenn ich Ayse mitnehmen kann. Ich nehm mir ein Zimmer in der Stadt, und komme jeden Tag rüber. Wie sind hier die Besuchszeiten?

Die Ärztin war nicht übermäßig begeistert, da lagen wieder diese unklaren Diskussionen in der Luft. Ayse ist hier keine Gefangene, sie ist nicht festgenommen, waren wir alle ja nicht, als wir hier oben festsaßen, aber wir haben eben festgesessen, und jetzt sitzt Ayse erst mal hier fest, deswegen ist der MAD auch so dahinter her, dass die hier bleibt, die wollen den Zugriff, die wollen alles wissen, aber Ayse auf längere Zeit einfach einkassieren, das können die nicht, und ich sagte, um das ein für alle Mal zu klären: Das geschieht hier alles auf freiwilliger Basis. Ayse ist freiwillig hier, um sich behandeln zu lassen, und um bei den Ermittlungen zu helfen. Ayse ist kooperativ.

Kooperativ, das ist mein Ding, sagte Ayse auf ihre putzige Art.

Sie war blass, und hatte abgenommen, und sah aus wie ein Kind in ihren zu großen Krankenhauskleidern, und mir war, als hätte ich sie seit Jahrhunderten nicht gesehen, als sei sie auf einem fremden Planeten gewesen, und jetzt ist sie wieder da, ich kann das einfach noch gar nicht glauben, dass sie wieder da ist, sie ist wieder da, sie ist am Leben, sie ist da.

Also, sagte ich, alles freiwillig, alles im Geiste gegenseitiger Kooperation. Wenn Ayse jetzt sagte, ich steh auf und geh hier zur Tür raus, könnte sie das.

Selbstverständlich, sagte die Ärztin.

Selbstverständlich, sagte Regina.

Die Ärztin sah Regina an und fragte: Was ist das eigentlich für ein Ding mit der Weldbrüggener Verfassung, ständig bekomm ich zu hören, wir müssten da drauf Rücksicht nehmen?

Lange Geschichte, sagte Regina. Kurzfassung: Ich hab in dieser Sache was zu sagen, und im Konfliktfall könnt ich unsere Auffassung geltend machen, auch gegen den MAD. Das – könnte dann – zu einer Auseinandersetzung führen, die auch außerhalb dieser Räume gehört würde. Wollen wir alle nicht. Deshalb arbeiten wir in dieser Sache auf Einvernehmlichkeit hin. Mit „wir“ meine ich uns alle, alle Beteiligten. Was immer geschieht, es sollte einvernehmlich geschehen.

Ich verstehe, sagte die Ärztin, und sie sah aus, als sei ihr ein Licht aufgegangen. Dann machen wir das so. Ich hinterlass an der Pforte Nachricht, dass Sie (Blick auf mich) Besuchserlaubnis haben, sagen wir, fünfzehn Uhr, jeden Tag ja, nach der Mittagsruhe? Zwei Stunden? Die Patientin braucht Mittagsruhe, unbedingt, und dann kriegt sie Besuch von Ihnen, das passt, nachher hat sie dann noch Gespräche mit uns, damit wir sehen, wie es vorangeht, und dann sollte sie früh zu Bett gehen und viel schlafen.

Und der ganze Vormittag, soviel war klar, war für die Schlapphüte reserviert, für die Schlapphüte und ihre Fragen.

Ayse saß neben mir und hielt sich an meinem Arm fest und hatte ihren Kopf an meiner Schulter, ich weiß gar nicht, wie das gekommen war, wir hatten erst anders gesessen, aber als Regina und die Ärztin es mit der Weldbrüggener Verfassung hatten, war die Gelegenheit günstig gewesen, und wir saßen endlich wieder nebeneinander, und Ayse fragte mich nach den Katzen und nach dem Teich und nach dem Haus, und ich fragte sie, ich will wissen, was dir passiert ist, haben sie dich misshandelt?

Ich war die meiste Zeit gefesselt, sagte Ayse, und ein paar Mal haben sie mich auch geschlagen, aber nicht arg, und an mir rumgetatscht haben sie auch, waren ja junge Kerle, und Bemerkungen haben sie gemacht, und einmal hab ich gedacht, jetzt werd ich vergewaltigt, aber der Galgenvater ist dazwischen gegangen und hat gesagt, der Azazel will ein reines Opfer.

Du hast gewusst, was die mit dir machen wollten.

Sie haben es mir gesagt, das war gleich das erste, was sie mir gesagt haben.

Ich küsste ihre Haare und nahm sie in die Arme, und sie hielt sich an mir fest, ich sagte, wenn du wieder zu Hause bist, ist immer noch Sommer, und wir gehen wieder raus in die Stadt, in dieses Café in der Nähe der Kathedrale, und dort essen wir dein Eis, was war das, Vanille Zitrone —

Pistazien, sagte Ayse und lachte.

Pistazien, sagte ich.

Ich hab gesehen, sagte Ayse, ich hab das gesehen, wie du, wie du dich vor mich gestellt hast. Und sie fing wieder an zu weinen, und auf einmal hab auch ich geheult, ja, und die Ärztin hat nur geguckt und nichts gesagt, und irgendwann hat Regina mich rausgeführt, und Ayse hat noch gefragt, du kommst bestimmt, ganz bestimmt, und ich: Fünfzehn Uhr. Auf die Minute. Und dabei lief mir der Rotz aus der Nase.

Dabei blieb es. Der Nachmittag ging schnell rum, ich erzähl euch das nur summarisch, ich will in’s Bett, ich hab zum ersten Mal seit Jahrhunderten das Gefühl, heute Nacht kann ich schlafen, ich hab ein kleines Hotelzimmer in der Stadt, gar nicht weit weg von dem Haus, in dem ich untergebracht war, als sie uns alle hier festgehalten hatten, und Regina ist schon wieder nach Weldbrüggen zurückgeflogen, aber am Abend ist PF gekommen, der ist den ganzen weiten Weg hier hoch gefahren, der ist noch am Vormittag losgefahren, nachdem ich ihn angerufen hatte, jetzt ist er hier, und ich will jetzt bloß noch schlafen, und Ayse ist in Sicherheit, da in dieser militärischen Anlage, und morgen fahr ich hin und besuch sie, da geht sogar ein Bus raus.

Die Katzen werden mir das nie verzeihen, dass ich schon wieder weg bin, aber ich hab der Nachbarin den Schlüssel gegeben, dass die wenigstens kommt und die füttert.

 (Nachricht vom 08.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 09.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)