Banshee Neue Folge 109

Nachricht von Peter von Mundenheim

Muss das sein. Ich denk schon die ganze Zeit daran. Ich hab das alles den Schlapphüten wie oft erzählt. Es war nicht anders als bei euch. Ihr wisst doch schon alles.

Nachricht von Diana Hindrance

Du bist derjenige, der uns immer ermahnt, alter Mann. Wir sollen alles aufschreiben, für die Nachwelt. Also fang jetzt nicht an, dich zu drücken. Geh ran.

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ja, natürlich. Ihr habt recht. Ich erzähl euch alles. Ich war in einem schlechten Zustand, wie wir alle. Ich hatte Tag um Tag die Polizei und den Weldbrüggener Geheimdienst im Nacken, und da war ich noch besser dran als ihr, denn es waren immerhin die Weldbrüggener, Regina war irgendwo dazwischen, der BND darf auf dem Gebiet von Wahlburg-Sonderbüren nicht tätig werden. Trotzdem. Irgendwann hab ich aufgehört zu schlafen. Ich bin Tag und Nacht im Haus rauf und runter. Ich weiß, dass das Leuten in einer solchen Situation passiert, und dass man das nicht tun sollte, ich hab es trotzdem gemacht, ich bin rauf in’s Obergeschoss, ich bin die Treppe zum Speicher hochgestiegen, und dann bin ich wieder ganz runter, und in den Keller, und dann raus in den Garten, erst in den Vorgarten, zu der Grube für den neuen Teich, dann hinten raus. Überall diese Spuren von Ayse, überall hatte sie was gemacht, überall lag was. Gartengeräte, ihre Arbeitshandschuhe. Ich dachte, ich verlier den Verstand. Erst hab ich noch versucht, mich abzulenken. Das hatten mir auch die Beamten von der Kriminalpolizei geraten. Unbedingt Ablenkung suchen. Ablenkung, das hieß für mich erstmal: Schreibtisch. Ich hab ja genug zu tun. Ohne dass ich es wollte, haben sich Stromkreise geschlossen, in meinem Hirn, in meinen Nerven. Ich wollt mich konzentrieren, auf meine Arbeit, plötzlich erwisch ich mich dabei, dass ich sitze, zurückgelehnt, und in’s Leere starre, und natürlich hab ich an Ayse gedacht, ob sie noch lebt. Ich wollt da drüber nicht nachdenken, hab’s doch getan. Immerfort hab ich mir vorgestellt, da steht irgendwo in einem vergessenen Waldwinkel ein Wagen, versteckt im Gebüsch, und hinten im Kofferraum … es hat solche Fälle gegeben, irgendwann mal hat man davon gelesen, hat das gruselig gefunden, hat das weggesteckt. Entführungsopfer, die in einer versteckten Grube erstickt sind, und niemand hat sie klopfen und rufen hören. Ich wollt an solche Sachen nicht denken, ich hab versucht, die Gedanken wegzuschieben. Dann die Kriminalpolizei. Vielleicht machen die ihre Sache nicht ordentlich, hab ich gedacht, vielleicht nehmen die das alles nicht ernst genug, ich hab mir überlegt, ich muss einen Detektiv beauftragen, vielleicht findet der was raus. Idiotischer Gedanke. Ich hab mit Regina drüber geredet, die hat mir gesagt, da ist eine bundesweite Fahndung im Gange, der BND sucht nach dem Mädchen, mehr kann einfach nicht getan werden. Und dann hab ich angefangen, im Haus die Treppen auf und ab zu gehen, rauf und runter, bald bin ich in eine feste Schleife reingeraten, ich, ich hab mir ein System reingelaufen, wie ein Wahnkranker, dass ich bei jedem Rundgang jedes Zimmer einmal betrete, in jedes Zimmer mindestens einmal reinschaue, erst rauf, dann wieder runter, und durch den Garten, und überall hab ich geguckt, ob ich nicht vielleicht doch eine Spur find, einen Hinweis. Nach und nach kamen ja die Nachrichten. Der abgestellte Wagen, der hier in Weldbrüggen gewesen war, das Haar, das sie Ayse zuordnen konnten. Manchmal hab ich mich irgendwo hingesetzt, hab mit den Katzen gesprochen, manchmal bin ich sogar ein wenig eingenickt, aber ich hab selbst im Schlaf an Ayse gedacht, die Gedanken haben mir nicht für eine Sekunde Ruhe gelassen, und dann bin ich wieder aufgestanden und hab meine Runden gedreht im Haus, um der Mühle in meinem Kopf zu entkommen. Manchmal hab ich mich gezwungen, mich zu beschäftigen, hab geduscht, hab mich rasiert, hab da und dort ein bisschen sauber gemacht, sinnloses Zeugs, nur um abgelenkt zu sein, und dann hab ich gemerkt, dass in mir die Panik wächst. Richtige Angst, wie ich sie noch nie erlebt hab. Das war nicht gleich von Anfang an so, in den ersten Tagen hab ich noch geglaubt, alles kommt zu einem guten Ende, die Polizei findet die, und dann kam immer dringender der Gedanke, was, wenn nicht? Und ich hab einen finsteren Korridor runtergeguckt, und am Ende des Korridors stand geschrieben: Du bist schuld. Du hast Ayse hierher nach Weldbrüggen gebracht. Du hast nicht auf sie aufgepasst. Du hast geschlafen, oben in deinem Schlafzimmer, und unten waren sie im Haus und haben Ayse aus ihrem Bett geholt, und du hast nichts gemerkt. Oder die haben Ayse irgendwie rausgelockt. Oder die hat draußen gestanden und sich mit den Besuchern unterhalten, und dann … und du hast nichts gemerkt. Das war immer der Gedanke, ich hab nichts gemerkt, wie ist das möglich, dass ich nichts gemerkt hab.

Regina sagte, du musst Schlaftabletten nehmen, unmöglich, sagte ich, was, wenn sie dann anrufen, sie haben Ayse gefunden, und ich wach wieder nicht auf, schon wieder nicht, krieg das nicht mit, schlaf, als ginge mich alles nichts an?

Sie war irgendwo, Ayse, versteht ihr, während ich so durch’s Haus rannte und langsam verrückt wurde, war Ayse irgendwo, in den gleichen Minuten, und es geschahen Sachen mit ihr, und sie hoffte vielleicht, ich würde ihr helfen, das Land kam mir auf einmal vor wie ein verschachteltes System von Zimmern, Wand an Wand, und in dem einen Zimmer war ich, irgendwo in einem anderen Zimmer war Ayse, gleichzeitig, jetzt, in diesem Augenblick, und ich konnte nichts tun, irgendwann war ich so übermüdet, dass ich anfing zu träumen mit offenen Augen, ich hörte redende Stimmen, die die Lage diskutierten, ich gab jeden Vorwand auf, mich irgendwie zu beschäftigen, ich rannte nur noch methodisch das Haus auf und ab, Treppen rauf und runter, so war das. Ein lähmendes Gefühl der Ohnmacht kroch rum, auf allen Böden, wie ein schmieriger Algenteppich, ich watete da durch, das war rutschig und schleimig unter meinen Sohlen, ich kann nichts tun, dachte ich, wieso kann ich nichts tun, denk doch nach, alter Mann, dann fällt dir vielleicht ein, was du tun kannst, und ich suchte rum in allen Winkeln meines Gedächtnisses nach Fetzen, die weiterhelfen könnten, und dann war ich so weit, dass ich dachte, du musst grübeln, du darfst nicht aufhören zu grübeln, da ist irgendwo ein übersehenes Wort, ein übersehener Gedanke, die findest du nur, wenn du grübelst und stöberst und suchst, das ist jetzt deine Verantwortung. Verseht ihr, mir taten die Beine weh vom Rumlaufen und Treppensteigen, mir brannten die Waden, ich konnt nicht aufhören, ich konnt einfach nicht.

Ich war im Begriff, den Verstand zu verlieren, so war das.

(Nachricht vom 07.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 08.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)