Danach

„Bei Vautrin“, ächzte Grand Mère und hielt Aslans Schulter umklammert, „bei Vautrin …“

Sie tadelte ihren Sohn nicht, er hatte diese Häuslerin geschlagen, es war schlimm, einen Menschen zu misshandeln, aber was hätte er sonst tun sollen? Wie sich ihrer erwehren?

Aslan brüllte und knallte mit der Peitsche, der Weg stieg aufwärts, das war die Anhöhe, von der aus man das ganze Haus überblicken konnte, die Ochsen stemmten sich mächtiger gegen das Joch, sie bewältigten die Steigung leicht, sie waren ja gut ausgeruht, auch war das Jahr schon fortgeschritten, merklich hatten die Wagen an Last verloren.

„Geh mal nach hinten“, sagte Aslan zu Grand Mère, „und frag, ob uns jemand folgt.“

„Ja“, antwortete Grand Mère, noch immer erschüttert, „das mach ich.“ Sie kletterte durch die Plane in den Wagen hinein, Magdalena schlief, der kurze Weg vom Krankenzimmer hinunter zu den Wagen hatte sie erschöpft, und sie hatte nichts mitbekommen von der Frau Elisabeth und ihren Schreien. Grand Mère tastete sich nach hinten durch, mit ausgebreiteten Armen, um im Geschaukel das Gleichgewicht zu halten, der Boden schwankte wie der eines Schiffes, es gab auch Leute, die seekrank wurden, auf dem Ochsenkarren …

Grand Mère zog die Plane auseinander und streckte den Kopf hinaus, da stampften in einer Dampfwolke Rogers Ochsen, steil aufwärts.

„Roger!“ rief Grand Mère. „Folgt uns jemand? Wo ist Inge?“

„Sie ist gerade nach hinten, nachzuschauen!“ rief Roger zurück, und der Platz neben ihm war leer. „Was war eigentlich los, bei euch da vorne?“

Grand Mère sah, dass er blass war, und da sie das bemerkte, fühlte sie die Kälte auch in ihrem eigenen Gesicht. „Sie hat versucht aufzusteigen … uns festzuhalten …“ antwortete sie.

„Hat Aslan sie geschlagen?“ fragte Roger, indem er sich vorbeugte und seine Worte deutlich mit den Lippen formte, damit Grand Mère sie trotz des Gerumpels der Wagenräder und des Stampfens der Ochsen verstehen könne.

„Ja!“ rief Grand Mère zurück. „Mit der Peitsche. Er wär sie sonst nicht losgeworden.“

Roger atmete tief durch und antwortete nichts, und die Plane öffnete sich hinter ihm, und Inge kam hervor, gebückt, Roger stieß sie an und wies auf Grand Mère.

„Was ist los?“ fragte Grand Mère.

„Alles ruhig“, antwortete Inge, „es kommt niemand … bis jetzt nicht … Was war los, da vorne bei euch?“

„Sie wollte die Wagen anhalten“, antwortete Roger an Grand Mères Stelle, „und Aslan hat sie geschlagen, damit sie von ihm abließ.“

„Oh, was für ein Unglück“, jammerte Inge, „ich hab’s gewusst, schon den ganzen Morgen hab ich’s geahnt … was hat sie denn überhaupt gewollt?“

„Sie schrie was von einer Offenbarung“, antwortete Grand Mère, „und dass alle anbeten müssten, deshalb hat sie uns festhalten wollen.“

„Machen wir, dass wir weiterkommen“, sagte Inge und blickte sich unruhig um. „Die Art von Offenbarungen, die die hier haben …“

Grand Mère nickte, sie hatte die letzten Worte nicht verstanden, aber sie wusste auch so, was Inge meinte. „Ich sag Aslan Bescheid“, rief sie. „Und lasst die Jungen immerfort hinten rausgucken, dass wir wissen, wenn sich was tut!“

„Das geht in Ordnung!“ rief Roger und winkte mit der Peitsche. „Und sag Aslan, er kann das Tempo anziehen, die Tiere sind ausgeruht.“

„Ist gut!“ rief Grand Mère. „Vautrin sei mit euch!“ Und sie wandte sich zurück in’s Innere.

Aslan wartete bereits; nicht, dass er ungeduldig geworden wäre, das lag nicht in seiner Art; aber er wartete.

„Und?“ fragte er kurz, als Grand Mère wieder auftauchte.

„Niemand zu sehen“, antwortete sie. Sie rutschte neben ihn auf die Sitzbank, wo sonst Magdalena saß, und schob ihren Arm unter den seinen. „Du hast es richtig gemacht, mein Sohn“, sagte sie, „Pflicht ist es des Kaufherrn, seine Wagen zu schützen und seine Familie. Du hast gehandelt, wie es die Umstände befahlen … Hinten ist alles in Ordnung, die beiden Kleinen halten Ausschau, wir erfahren es, wenn uns jemand folgt, offen ist das Gelände, weithin zu überblicken … Roger hat nichts dagegen, wenn du die Tiere noch antreibst, die seinen sind gut ausgeruht, sagt er.“

Aslan nickte. „Was ist mit Magdalena?“ fragte er.

„Deine Frau schläft“, antwortete Grand Mère. „Ich geh gleich wieder zu ihr, lass mich nur ein bisschen hier sitzen und ausruhen …“

Und war die Anhöhe erreicht, der Weg senkte sich wieder, gerade und gut gebahnt, drüben lag der Kastanienhain, nein, wir wollen nicht mehr hinüberblicken, vorwärts wollen wir, und Aslan ließ sausend die Peitsche schwingen und rief den Ochsen zu, und die schweren Tiere fielen ausholend in Trab, pumpten die mächtigen Lungen voll Luft, und Grand Mère saß neben ihrem Sohn, ihren Arm um den seinen geschlungen.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 07.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)