Banshee Neue Folge 108

Nachricht von Amy Buchmüller

PvM, ich kann das gar nicht glauben, was du uns da geschrieben hast. Das ist – das war – ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das war ein Blick in eine Welt, von der will ich nichts wissen. Der muss doch verrückt gewesen sein. Ich muss immer an seine Augen denken, an diese rausgequollenen Augen, wie in denen das Licht ausgegangen ist. Der hat das so unbedingt glauben wollen, was er sich da ausgedacht hat. Das war vielleicht sein ganzer Halt im Leben, sein ganzer Inhalt. Der war doch sonst – einfach ein ganz gewöhnlicher Kerl mit einem Wanst. Und der wollt was Besonderes sein, der wollt der Weltretter sein. Ich versteh nur nicht, was haben ihm die armen Juden getan? Hat der überhaupt jemals in seinem Leben einen einzigen Juden kennengelernt? Persönlich? Was können die ihm getan haben? Und wenn ihm so nach Retten war, er hätt doch irgendwas tun können, bei der Tafel mithelfen, dass arme Rentner was zu essen kriegen, oder einen Hausaufgabenzirkel gründen, für Kinder, die nicht richtig Deutsch können, sonstwas, hätt er doch alles machen können, wenn’s ihm so um’s Helfen und Retten gegangen ist, statt dessen hat er gemeint, er muss die ganze Welt retten, die ganze Welt. Ich versteh das nicht. Der hätt doch so nicht umkommen müssen. Was für eine elende Art, so zu sterben. Und der war doch noch nicht alt, der hat zwar ausgesehen wie ein alter Mann, aber das war das Fett, das waren diese Massen von Fett, die der sich angefressen hat, warum hat der sich so vollgefressen, aus Kummer? Ich komm da drüber nicht weg. Und all die jungen Kerle, denen er sein Zeug eingeredet hat. Die haben an ihn geglaubt, und das Ende war, sie haben tot am Strand gelegen, das war so furchtbar, wie die auf einmal alle dagelegen haben, ihr habt das doch selber gesehen, eben hatten die noch gelebt, und dann war alles vorbei, und das letzte, was die gesehen haben, das war dieses Ungeheuer, diese Schlange, PvM, bist du sicher, dass das Tier uns nichts tun kann? Wir haben es gesehen, das Ding ist in der Welt! Von Anfang an ist das in der Welt. Und wir waren doch jetzt schon so weit, dass wir alle gesagt haben, ach was, der Teufel, gibt’s doch gar nicht, alles bloß Märchen, um die kleinen Kinder zu erschrecken, aber wir haben ja selber gesehen, das Teil ist da, ist mitten in der Welt, und macht Sachen wie da am Strand, und es gibt Menschen, die dem gehorchen, und die sind bereit, einem wehrlosen nackten Mädchen das Messer in den Leib zu stoßen, dazu waren die bereit, dazu hatten die sich verabredet, die wollten das machen, richtig machen, im Augenblick, als wir dazwischen kamen, gerade noch dazwischen gekommen sind wir, in letzter Sekunde, und alles zur Ehre von diesem Monster, wie soll man das denn verstehen, ich komm damit nicht zurecht, ich schaff das einfach nicht, und meine Mama kann mir auch nicht helfen, die weiß auch nicht, was sie sagen soll, und ich sitz den ganzen Tag da und bewach das Zwerglein, nämlich, wenn das Ding in der Welt ist, wenn dieses Tier wirklich mitten unter uns ist, und da sind Menschen, die machen, was das Tier ihnen sagt, wie kann ich dann das Zwerglein schützen? Ich denk an den Matsunaga, wo der jetzt ist, sollt der nicht hier sein, hier bei mir und seinem Kind, und uns schützen, sind dazu die Männer nicht da, dass sie uns schützen? Dass sie sich vor uns hinstellen und niemanden durchlassen, dass sie sich hinstellen und lieber sterben als zuzulassen, dass uns was passiert, selbst wenn der Teufel persönlich kommt? Ist das nicht deshalb, diese Sache zwischen den Männern und den Frauen?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Amy, krieg dich wieder ein, und vor allem, du darfst kein Mitleid haben mit diesem Burroblast, der hat gekriegt, was er gewollt hat, genau das hat er gekriegt. Scheiße, ich weiß doch selber, die Welt ist für uns alle nicht mehr, wie sie vorher war, und für dich ist es nochmal so schlimm, weil du ein Kind hast, aber das ist auch gut, denk doch dran, der Kleine ist auf dich angewiesen, der hat nur dich, du nimmst den in die Arme, und der weiß, Mami ist da, nichts kann mir passieren. Da dran musst du denken. Denk nicht dran, wer dich schützt. Denk dran, wen du schützen musst. Oh Mann, was für Töne ich da spuck. Ich wünschte, wir wären alle schon weiter. Ayse wär wieder bei PvM in Weldbrüggen, wo sie hingehört, und wir würden alle in dieser Küche sitzen und die Sache bereden, bis wir alles so richtig zu Ende geredet haben.

Nachricht von Diana Hindrance

Ich spür auch nicht viel Mitleid in mir, für den Burroblast. Balbutin hat keine Angst vor dem Teufel. Balbutin sagt, der Teufel muss uns gehorchen, das wär unsere Entscheidung. Entweder wir gehorchen dem Teufel, oder der Teufel uns. Unsere Entscheidung, unsere Verantwortung. Der Burroblast und seine ganze Blase, die haben sich entschlossen, dem Teufel zu gehorchen. Und jetzt sind sie zur Hölle gefahren. Passt doch. Wenn ich mit jemandem Mitleid hab, dann mit Ayse. Denkt doch mal da dran. Die haben sie sich gegriffen, aus dem Bett geholt. Und Amy, wenn du an die Augen von dem Burroblast denkst, dann denk auch dran, Ayse hat die sehen müssen, eine ganze Woche lang, da wett ich drauf, und das feiste Schwein hat ihr in aller Gemütlichkeit auseinandergesetzt, was sie mit ihr machen werden, und warum. Wahrscheinlich war das Tier die ganze Zeit bei denen, das hat sich doch immer in der Nähe von dem Burroblast aufgehalten, und wenn ja, dann hat Ayse das auch gesehen, vielleicht haben die sogar versucht, sie zu überreden, dass sie, also, dass sie mit dem Tier spricht, so wie der Balbutin das getan hat. Ich versuch gar nicht erst, mir das auszudenken, also wir wissen doch noch gar nichts, und wenn uns jemand leidtun sollte, dann die arme Kopftuchmaus, die hat doch niemandem was Böses getan in dieser Scheißwelt, und dann sowas. Opfer! Die haben die behandelt als ein Stück Fleisch! Wer weiß, was sie ihr sonst noch angetan haben. Nein, ich weiß nicht. Das muss doch einen Grund haben, dass die in der Klinik sie so lange schlafen lassen. Das ist wirklich eine Scheißwelt. Dass hier die Hölle los ist, das überrascht mich gar nicht. Sandra hat recht, man muss an die denken, um die man sich kümmern muss. Ich hab keine Angst vor dem Teufel. Dem kratz ich die Augen aus. Aber Kerle wie der Burroblast, die sind zum Fürchten. Ist doch immer so. Die großen Massenmörder, die sind gar nicht groß. Vor denen muss man sich nicht fürchten. Die könnten lange sagen, jetzt bringt mir alle Juden um, oder sonst wen, und was? Wenn dann niemand käm und keiner das machte, wer sind dann die großen Mörder? Bloß stinkige fette Zwerge, wie der Burroblast. Es sind nicht die Großen, vor denen wir uns fürchten müssen, es sind ihre Gehilfen. Es sind die Millionen Zwerge, die einfach gehorchen. Der eine Fettsack ruft, tötet alle Juden, und die Millionen Zwerge machen sich an’s Werk. Und hinterher sagen sie, das war ja unser Führer, der uns das befohlen hat, wir können da gar nichts dafür, der hat uns das befohlen, da mussten wir das ja machen! Mussten sie??? Mussten????? Wer muss denn? Jeder kann sich hinstellen und sagen, kein Weg, das mach ich nicht. Und dann kann der fette Führer befehlen, bis er schwarz wird, nützt ihm gar nichts, denn wenn alle bloß sagen, nein, such dir jemand anderen, ich mach das nicht, dann müsst der das selber machen, eigenhändig, na, ihr habt ja gesehen, wie weit der Burroblast mit seinen eigenen Kräften gekommen ist. Deshalb, was wollt ich sagen, deshalb müssen wir vor dem Teufel keine Angst haben. Aber vor all den Zwergen, die zu dem Teufel sagen, du bist unser wahrer Gott, vor denen müssen wir uns fürchten. Hat PvM hier schon mal geschrieben, war doch PvM, oder war es PF? Egal, stimmt jedenfalls. Und Amy, auch die Glatzen, die dir jetzt so leidtun, die da tot am Stand gelegen haben, die hätten ja nein sagen können, die hätten bei dem Scheiß nicht mitmachen müssen. Mein Gott, die haben Ayse doch gesehen! Die haben doch sehen müssen, die ist noch ein Kind, ein unschuldiges Kind, und dann tun die sich zusammen, um die abzustechen wie ein Tier? Wie soll man mit sowas Mitleid haben? Und keiner von denen hat gesagt, da mach ich nicht mit, was mach ich hier eigentlich, wie bin ich hier reingeraten? Keiner hat sein Handy genommen und die Polizei angerufen! Alle sind sie dem Burroblast gefolgt, bloß weil der gesagt hat, das hat uns der Azazel so befohlen, und der Azazel, der ist der wahre Gott! Ich fass das nicht, wenn ich da dran denke. Manchmal denk ich, ich platze, ich muss das jetzt alles unbedingt jemandem erzählen, dann denk ich an diesen Wisch, den ich unterschrieben hab, dass ich den Mund halte, und dann denk ich an meine Familie und was aus denen wird, wenn ich mich nicht dran halte, und es verbrennt mich von innen.

Nachricht von Peter Flamm

Mal ganz im Ernst, wenn wir jetzt rausgehen und sagen, hört alle mal her, die ganze Menschheit, hört alle her, alles zurück, alles auf Anfang, drückt alle mal den Reset-Knopf, alles ist anders, alles, was immer erzählt worden ist, das ist wirklich wahr, den Teufel, den gibt es wirklich, der ist wohlauf und lebt, mitten unter uns, und all das aufgeklärte Gerede, den Teufel gibt’s doch gar nicht, all dieses Gerede, das war von Anfang an nur Humbug, wir sagen euch das, denn wir wissen es jetzt, wir haben den Teufel gesehen, den gibt es wirklich, der ist unterwegs, und es sind Menschen unterwegs, die dem gehorchen – wenn wir mit dieser Botschaft rausgingen, wenn wir uns mit dieser Botschaft an die Straßenecken stellen, was glaubt ihr, wird aus uns?

Nachricht von Peter von Mundenheim

Gar nichts wird aus uns. Wir könnten uns die Kehle aus dem Leib schreien und erzählen, was wir gesehen haben, die Leute würden einfach weitergehen und lachen. Niemand würde sich um uns kümmern. Könnt sein, dass da mal ein Leserbrief in der Lokalzeitung stünd, habt ihr gesehen, da sind immer welche zugange, die stellen sich hin auf den Marktplatz und rufen, Satan ist unter uns, vielleicht haben die recht, und dann kämen andere Leserbriefe, in denen stünde, arme Irre wie die hat es schon immer gegeben, die sterben nicht aus, und wir würden irgendwann nach Hause gehen und sagen, hat keinen Sinn, niemand will das wissen.

Mir wird langsam klar, warum die Geheimdienstleute uns so an der langen Leine gelassen haben, warum wir sogar unsere Handys behalten durften. Wir könnten erzählen, was wir wollten, die ganze Wahrheit, wir könnten alles, was wir erlebt und geschrieben haben, offen und für jedermann lesbar in’s Internet einstellen – und jeder, der beim Surfen zufällig drüberkommt, würde sagen, phantasievolle Geschichte, gut ausgedacht, was soll’s, noch eine YA Novel halt, gibt es Tausende, stehen in der Stadtbücherei.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Ja, da sind wir wieder. PvM. PvM hat sich das alles ausgedacht, wir sind alle bloß ausgedacht, sogar PvM selber hat sich selber ausgedacht, denn so, wie er sich da erzählt, ist er gar nicht, alles bloß ausgedacht, ja?

Nachricht von Amy Buchmüller

Nicht schon wieder. Ich weiß, was ich gesehen hab, wir wissen alle, was wir gesehen haben. PvM, du bist der einzige, der noch nicht erzählt hat, wie das war, als du losgefahren bist. Los jetzt. Wir haben alle die Hosen runtergelassen, jetzt bist du dran.  

(Nachrichten vom 06.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 07.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)