Banshee Neue Folge 107

Nachricht von Peter von Mundenheim

Wie alle Verrückten, wollte auch der Burroblast der Wahrheit auf den Grund kommen. DER Wahrheit. Hinter allen Dingen, so dachte er, ist die eine unverrückte Wahrheit verborgen. Finstere Mächte sind unterwegs, die Wahrheit zu verdunkeln.

Wie alle Verrückten dachte er, es gibt nur eine Wahrheit, nur eine einzige, und die sei verborgen, und er sei der Mann, sie rauszukriegen.

Die finsteren Mächte, das waren für den Burroblast nun mal die Juden. Ein für alle Mal. Die Lügen der Juden haben die ganze Welt vergiftet, lehrte er, nun gilt es, die ursprüngliche Reinheit wiederherzustellen. Die Juden haben sich verschworen, der Welt den falschen Gott als den wahren Gott aufzudrehen. In Wirklichkeit ist der wahre Gott der Azazel, also der, den die Juden Satan nennen.

Hört sich kompliziert an, ist aber einfach. Alles, was die Juden sagen, ist Lüge, wusste der Burroblast, also muss man ganz genau lesen, was die geschrieben haben, denn sie versuchen ja, mit ihren Lügen die Wahrheit zu vertuschen.

Deshalb wurde dem Burroblast die Bibel das Buch der Bücher. Das Alte Testament, sprach der Burroblast, ist das Buch der Lügen. Hier haben die Juden all ihre Lügen ausgebreitet. Also muss man die Texte des Alten Testaments ganz genau lesen, denn hinter den Lügen leuchtet die Wahrheit durch. Einfach. Wenn die Juden „schwarz“ sagen, muss man annehmen: „weiß“, und umgekehrt. Der hat eine ganze Theologie daraus gemacht, hat tagelang über einzelnen Stellen gesessen und gegrübelt, und hat versucht, hinter den „eigentlichen“ Sinn des Textes zu kommen. Alles ein Geweb aus Lügen, hat er gesagt, aber die Juden verraten sich, wie alle Lügner. Indem sie die Wahrheit abstreiten und die Lüge als Wahrheit ausgeben, weisen sie auf die Wahrheit hin, die sie mit ihrer Lüge doch eigentlich vertuschen wollten.

Das war das Prinzip des Burroblast, sozusagen sein exegetisches Prinzip. Alles Lüge. Weil aber alles Lüge ist, kommt man auf die Wahrheit, wenn man nur die Lügen genau abklopft.

Stellt euch das ungefähr so vor: Es regnet. Überall Wolken, der ganze Himmel von Wolken bedeckt. Und trotzdem kann man etwas sehen, es ist nicht besonders hell, aber doch hell genug, um sehen zu können: da muss irgendwo Licht sein. Das Licht muss hinter und über dem Regenhimmel sein, denn der Regenhimmel versucht, das Licht zu verbergen. Gerade dadurch verrät sich der Regenhimmel. Der Regenhimmel sagt: alles dunkel, und verrät gerade damit, dass es irgendwo eine Quelle des Lichts geben muss – denn es ist ja nicht dunkel, nicht ganz. Wer sich nicht täuschen lässt, der sieht hinter den Schleier.

Das war des Burroblast großer Gedanke: die Juden waren es. Die Juden haben über alle Wirklichkeit den Schleier der Lüge gebreitet, mit allem, was sie sagen und tun. Aber gerade damit, dass sie eine Lüge an die andere reihen, bezeugen sie: hinter all den Lügen gibt es Wahrheiten.

Also sprach der Burroblast zu sich und seinen Anhängern: wenn wir der Wahrheit nahe kommen wollen, müssen wir die Lügen der Juden studieren. Wir müssen hinter die Lügen sehen, hinter den Lügen der Juden steckt die Wahrheit.

Für den waren die Juden das schlechthin Böse. Eigentlich keine Menschen mehr. Fleischgewordene Bosheit. Dass die Juden das Erbübel der Welt seien, und hinter allem Bösen stecken, das war seine persönliche Offenbarung, die hatte er von den Nazis übernommen. Und von einer langen christlichen Tradition, die es einfach nicht verstehen wollte, dass die Juden nicht Christen werden wollten.

So wurde der Burroblast zum Theologen. Der hat Tag und Nacht in der Bibel gelesen, nämlich im Alten Testament, um rauszukriegen, was „dahintersteckt“. Der ging so ran an die Texte, dass er sich sagte, alles Lügen, aber oberschlaue Lügen, die sich selber verraten, so dumm sind die. Wenn die Juden also sagen, Gott hat sich dem Moses offenbart, so müssen wir wissen, wer immer sich da offenbart hat, das war nicht Gott. Wenn Menschen als die Schlechten dargestellt werden im Alten Testament, als die Bösen, so waren die in Wirklichkeit die Guten. Alles Verleumdung und Verdrehung, was im Alten Testament steht, aber so, dass man hinter den Lügen die Wahrheit erkennen kann.

So sah das der Burroblast. Man könnte sagen, der war ein armer Irrer. Aber der war getrieben von einer geradezu unmenschlichen Energie. Der hat an nichts anderes mehr gedacht. Der hat in sich selber den Weltenretter gesehen. Er wär der, der berufen ist, die Welt zu retten, vor den Lügen der Juden.

Im Alten Testament steht die Geschichte von Abraham. Abraham ist der Stammvater der Juden. Für Burroblast also ungeheuer wichtig. Nach seiner Logik galt: alles, was die Juden über den Abraham erzählen, ist Lüge, das Gegenteil ist wahr. Im Alten Testament steht, dass Gott den Abraham auf die Probe gestellt hat. Geh hinaus in die Wildnis, sagte Gott zu Abraham, und opfere mir dort deinen Sohn Isaak, deinen jungen und einzigen Sohn, den du liebst, das will ich. Und der Abraham war so gehorsam gegen Gott, dass er hinging und tat, wie ihm befohlen, er baute einen Altar in der Wildnis, auf einem Berg, von dem Gott nur sagte, den werde ich dir nennen. Der Name des Berges steht da nicht. Signal für den Burroblast: da ist was versteckt. Abraham bindet seinen geliebten Isaak, und nimmt das Messer in die Hand, das Kind abzustechen, so gehorsam ist er. Da aber kam ein Engel Gottes und rief Abraham zu: Tu das nicht, Gott wollte nur deinen Gehorsam sehen. Und Abraham ließ ab und opferte statt seines Sohnes einen wilden Widder.

Die Lügen der Juden, dachte der Burroblast. In Wahrheit muss die Opferung stattfinden, da muss eine Opferung sein, an diesem ungenannten Berg, warum ist der ungenannt, das muss besonders wichtig sein. Und das Opfer muss nicht ein Opfer sein für den Gott der Juden, denn das ist ja der falsche Gott, sondern das Opfer muss sein für den richtigen Gott, nämlich den, den die Juden den Satan nennen: den Azazel. Und das Opfer muss unbedingt stattfinden, sonst würden die Juden nicht lügen, Gott wollte das Opfer dann doch nicht. Wenn die Juden das sagen, Gott wollte das Opfer dann doch nicht, muss man zwingend annehmen, das Opfer muss sein, unbedingt. So dachte der Burroblast, so dachte es in dem Burroblast.

Als dann Balbutin kam und die Schlange beschwor, ihren Namen zu sagen, gingen dem Burroblast alle Lichter auf. Azazel, der wahre Gott. Sprach in seinem Zimmer, in seinem Raum. Er geriet in Ekstase, der Burroblast, und der Galgenvater kam jetzt erst so richtig zum Glauben an seinen Bruder. Und der Azazel verlangte, das waren die Worte, wie man sie hörte in diesem Büro des Burroblast in Köln: „Geht, sucht den Ort, da die Toten aufrecht sitzen in ihren Gräbern, und warten auf das Ende der Zeit, geht und sucht das Mädchen, das sammelt die Scharen. Sucht das Mädchen! Bringt das Mädchen zu mir, zu Azazel, schickt heraus zu mir das Mädchen, das ist euer Auftrag.“

Wir brauchen das Mädchen, dachte der Burroblast, dachte auch der Galgenvater, und sie dachten es erst recht, als Balbutin sich bei Nacht und Nebel aus dem Staub machte.

Als dann Peter auftauchte in Deutz, spähten die sofort nach seiner Autonummer, das war nicht schwer, Peter hatte in der Straße vor Burroblasts Haus geparkt, und weil das eine Gegend ist, in der Fremde sofort auffallen, war er fotografiert worden, mit verschiedenen Handys, ihr versteht, das ist ein Winkel, da ist die türkische Mafia zugange, die wollen alles wissen, da wimmelt es von Muslimen, die Antisemiten sind und sich deshalb mit dem Burroblast gut verstanden, hat die Polizei schnell rausgekriegt, die hatten also Peters Nummernschild fotografiert, so kam der Burroblast im Handumdrehen auf die Verlagsadresse, und über den Verlag kamen sie auf meinen Namen und auf Ayse und auf Weldbrüggen, das war nicht schwierig.

Und in dem Burroblast arbeitete es. Wozu will der Azazel das Mädchen? Ihr müsst euch das vorstellen, der war in einem Zustand unkontrollierbarer Erregung. Der Azazel hatte sich offenbart, Satan hatte sich offenbart, ihm, dem Burroblast, als der wahre Gott. Und er, der Burroblast, hatte das immer gewusst, hatte also recht behalten, er war überwältigt von sich selber. Die vereitelte Opferung Isaaks steht am Anfang der jüdischen Geschichte. Also muss die Opferung jetzt durchgeführt werden, jetzt wirklich, Opfer für den richtigen Gott, mit dem richtigen Opfer, am richtigen Ort, damit endlich die richtige Geschichte beginnt, die Geschichte der Menschheit, befreit von den Juden. Welches das richtige Opfer sei, das hatte der Azazel ja selber gesagt: Sucht mir das Mädchen. Welches aber war der richtige Ort?

Die Juden sind so oberschlau, die sind dumm, sagte zu sich der Burroblast, die verraten sich, die denken auch nicht an alles. Und also las er nicht nur pausenlos in der Bibel, sondern auch in anderen jüdischen Schriften, soweit sie eben in deutscher Übersetzung vorliegen, Hebräisch konnte er nicht, der Burroblast, nun ja, er wusste überhaupt nicht viel.

Er suchte nach weiteren Spuren des Abraham, und da gibt es eine alte Schrift, die nicht in die Bibel aufgenommen ist, die „Apokalypse des Abraham“. Apokalypse, das heißt, Weltende, Weltuntergang. Was für die Juden die Apokalypse ist, dachte es im Burroblast, das ist also in Wahrheit die Neuschöpfung der Welt. Gericht über das Alte, Schöpfung des Neuen. Und in der „Apokalypse des Abraham“ erzählt der Abraham selber, wie er von einem Engel Gottes selbst hinaus in die Wüste geführt wurde, um dort Gott ein Opfer darzubringen. Ein Opfer. Von Isaak ist da nicht die Rede. Aha, dachte der Burroblast, Lüge! Also geht es in Wahrheit um das Opfer, das höchste Opfer, das Menschenopfer. Und dann steht da, in der „Apokalypse des Abraham“, wir, also der Abraham und der Engel, kamen zum Gottesberg. Steht da so. Gottesberg. Und dann wird der Name des Berges genannt: Horeb.

Alles fügte sich dem Burroblast zusammen. Da ist den Juden die Wahrheit rausgerutscht, im Alten Testament haben sie den Namen des Berges verschwiegen,  aber hier, in diesem vergessenen Text, der „Apokalypse des Abraham“, da haben sie den Namen stehen lassen, weil der Text eben nicht mit in die Bibel aufgenommen worden ist. Der Horeb!

Natürlich hat er gegoogelt, der Burroblast, der Berg Horeb wird in Israel lokalisiert. Das muss aber doch auch eine Lüge sein, dachte der Burroblast. Azazel hat sich als wahrer Gott hier bei uns offenbart, in Deutschland, nicht Israel ist das Gelobte Land, Deutschland ist das Gelobte Land, Deutschland ist das Land, das die Lügen der Juden bekämpft hat wie kein anderes Land! Wir, wir Deutschen, sind das Volk Gottes, des wahren Gottes, des Azazel, den die Juden als den Satan verleumden, also muss der Horeb in Deutschland sein, der Berg Horeb, das muss ein Ort sein in Deutschland!

Ihr begreift, wie er endgültig überschnappte, wenn ich euch erzähle, was die Schlapphüte schnell rausfanden, als wir erst einmal die Spur gefunden hatten. Einer von den Anhängern des Burroblast, der an einem seiner Seminare teilnahm, denn der Burroblast veranstaltete ja regelmäßig Glaubensversammlungen für seine Anhänger, Zusammenkünfte, die er „Seminare“ nannte, einer von den Anhägern also, der dann schnell Besuch von den Schlapphüten bekam, der erzählte ganz nebenbei, dass er aus einer Stadt am Meer komme, wo es einen „Berg Horeb“ gebe. Einen sturmumtosten Felsen im Meer, eine Klippe am Strand. Und dem Burroblast läuteten alle Glocken. Alles stimmte! Schon wieder! Sowohl in der Geschichte von Abraham und Isaak im Alten Testament als auch in der „Apokalypse des Abraham“ ist die Rede davon, dass der Berg der Opferung in der Wüste zu finden sei. In der Wüste! Lügen der Juden! Das Gegenteil ist richtig! Und was ist das Gegenteil von Wüste? Das wilde Meer.

Für den Burroblast war alles klar. Er schickte den Galgenvater aus, den Ort auszukundschaften, und dann bereiteten sie alles für die Entführung Ayses vor, bis in’s Detail. Wir wissen nicht, wieweit die Glatzen, die an der Entführung beteiligt waren, die Hirngespinste Burroblasts wirklich glaubten. Aber er muss ihnen alles erzählt haben. Denkt euch also ihre Fassungslosigkeit, ihre Überwältigung, als sie da im Morgengrauen standen am Meer, Ayse nackt und gefesselt oben auf der Klippe, wie Isaak im Alten Testament, das Schlachtermesser bereitliegend, und als es dann tatsächlich geschah, als sich die ungeheure Schlange zeigte über dem Meer, das Tier, den Himmel verdunkelnd, es geschah alles wirklich, und sie standen fassungslos, die Verschwörer, einige sanken sogar in die Knie, ihr habt es alle gesehen, diese Fassungslosigkeit, dieses ungläubige Glotzen, als tatsächlich geschah, was ihnen der Burroblast angekündigt hatte – das gab uns diese Sekunden, diese kostbaren Sekunden, bis die Juden kamen und dem Spuk ein Ende machten, und das Ende war dieser Todesschrei des Burroblast.

 Das ist, was ich weiß über den Berg Horeb, da am wilden Meer.

(Nachricht vom 05.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 06.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)