Banshee Neue Folge 106

Nachricht von Diana Hindrance

Bei uns in der Wohnung waren die nicht. Da hat die ganze Zeit diese Gemeindepflegerin von der Jüdischen Gemeinde Wache geschoben, die hat ja auf die Kinder aufgepasst, und hat die zur Schule gebracht, das war das Beste, was ich je gemacht hab, dass ich da hingegangen bin, zur Gemeinde, nach all den Jahren. Irgendwie war mir, irgendwie, wenn ich da jetzt zurückguck, als hätt ich die ganze Zeit im Untergrund gelebt. So wie meine Alten, auf dem Dorf bei Weldbrüggen. Versteckt. Darf keiner wissen, dass wir Juden sind. Ich hab’s ja nicht mal dem Balbutin gesagt, und nicht den Kindern, dass ich Jüdin bin, und euch schon gar nicht. Ich bin so froh, dass das alles vorbei ist.

PvM, du hast das super richtig gemacht, was du da geschrieben und gesagt hast. Die Maus braucht Abstand. Das hätt doch keinen Sinn, dass wir jetzt alle über sie herfallen und sagen, erzähl uns das genau, erzähl uns alles, was passiert ist. Vielleicht will sie gar nicht alles erzählen. Das ist so bei Leuten, denen Schlimmes passiert ist. Die wollen nicht drüber reden. Kerle, die aus dem Krieg kommen, und die Frau kriegt kein Wort aus denen raus, was sie erlebt haben. In der Gemeinde haben sie mir gesagt, da wären Alte rumgelaufen, von denen hat man gewusst, die waren im KZ und haben das überlebt, aber die haben nicht davon geredet, die haben einfach nicht drüber geredet.

Ayse. Die hat da oben, die hat da oben an dieser Klippe gestanden, wie die gelächelt hat, ich hab das gesehen, die, die hat gewusst, was die mit ihr machen wollen, wahrscheinlich haben sie es ihr gesagt, die hat gewusst, dass sie sterben soll, die hatte mit dem Leben abgeschlossen. Und jetzt ist alles anders. Wir müssen uns drauf einrichten, wenn sie zurückkommt, wird sie nicht mehr dieselbe Ayse sein, die wir kennen.

Scheiße. Ich begreif nicht, wie das passieren konnte. PvM, geht’s gut?

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ich versuch grad, das Haus aufzuräumen, Zimmer für Zimmer. Ich mach mir da keine Illusionen, die waren hier drin, die haben in meinen Papieren rumgewühlt, in meinen Manuskripten, ich hab das Gefühl, als hätt das Haus überhaupt keine Wände mehr. Als stünd ich die ganze Zeit unter Beobachtung. Draußen fährt immer mal wieder ein Polizeiwagen vorbei. Unregelmäßig. Als ich im Garten war, sind Nachbarn gekommen, haben gefragt, wo Ayse sei. Wie es ihr geht. Ich hab gelogen. Natürlich hab ich gelogen. Es geht ihr gut, sag ich, sie ist entführt worden, um aus mir Geld rauszukriegen. Das hab ich mir nicht so ausgedacht, das hab ich mit den Schlapphüten so verabredet. Das ist die offizielle Geschichte. Auch wenn Ayse wiederkommt, werden wir damit leben müssen. Da wird immer geredet werden, das ist die, die entführt worden ist.

Nachricht von Diana Hindrance

Balbutin kommt an der Sache bald um. Der sagt immer bloß, wenn er damals nicht in Köln gewesen wär, wenn er mit dem Galgenvater nicht mitgegangen wär, in Berlin, dann hätt dieses Tier diese Schlange vielleicht gar nicht zu reden angefangen, das wär ja alles erst passiert, als er dieses Wesen beschworen hat, im Namen Christi, sich zu offenbaren, da hat das Ding doch überhaupt erst gesagt, ich bin der Azazel.

Nachricht von Peter von Mundenheim

Balbutin hat es gut gemeint, wir haben es alle gut gemeint, und wir haben uns alle irgendwie eingebildet, wir hätten die Sache mehr oder weniger im Griff. Balbutin hat Ayse das Leben gerettet, als er sie nach Hause getragen hat, damals, als sie es beinahe nicht mehr geschafft hätte, und Diana, du hast uns allen das Leben gerettet, also macht euch keine Vorwürfe, das sag ich auch zu dir, Peter, wenn du das liest, du warst ja auch in Köln, als du den Balbutin gesucht hast, du konntest nicht wissen, was sich da draus entwickelt, die Sache ist uns allen einfach über den Kopf gewachsen.

Nachricht von Peter Flamm

Ja, ich les mit. Ich guck zum Fenster raus und seh meine Gegend, und denk immer bloß, nichts ist, wie es mal war. Als wir angefangen haben, diese Besucher zu sehen, da war das doch irgendwie noch, also, da draußen, das ist die normale und richtige Welt, und die Besucher, die sind irgendwie eine Störung, die sind irgendwie Eindringlinge, und wir haben versucht, diese Störung – irgendwie – zu integrieren, ja? Ungefähr, wie wenn man einen Fremdkörper im Leib hat, einen Glassplitter vielleicht. Der Körper versucht, das fremde Ding abzukapseln, und irgendwie durch die Haut nach draußen zu drücken. So sind wir mit den Besuchern umgegangen. Und auf einmal sieht es so aus, als wären die Besucher und dieses furchtbare Tier und die Teufelsanbeter und all das andere – als wären die die Wirklichkeit, und unser Alltag nur eine winzige Insel im Meer, und da draußen toben Stürme, von denen wissen wir nichts.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Alle wieder zusammen, ja? Amy hat mich schlafen lassen, okay, jetzt wisst ihr also alle, ich schnarch. Na bitte, mein schmutziges kleines Geheimnis, jetzt ist es raus. Und als ich gut ausgeschlafen war, hab ich mich in meinen Wagen gesetzt und bin heim gefahren. Hoffe, ihr habt eure Wagen auch bald wieder, denn das hab ich gemerkt, ohne Auto, das ist echt Scheiße. Natürlich waren sie auch in meiner Wohnung drin gewesen, PvM, das hast du gut gesagt, das ist auch mein Gefühl, als hätt die Wohnung keine Wände mehr. Ich will mal grad was loswerden, zum Thema, wer ist schuld und so. Von uns ist überhaupt niemand schuld. Schuld ist diese Burroblast-Blase. Niemand sonst. Die haben angefangen, den Teufel anzubeten, die haben sich hochgeschwurbelt in diese Phantasien, wie sie alle Juden kaltmachen, und dann haben sie die Weltherrschaft, die sind Nazis geworden, aus freiem Entschluss, und dann haben sie Ayse entführt, mit der Absicht, sie zu ermorden. Muss man sich mal vorstellen. Er-mor-den!!!! Ihrem Azazel zum Opfer bringen! Die waren das! Und wir hatten doch alle keine Ahnung, dass sowas möglich ist. In der Schule haben sie uns von den Nazis und den Vernichtungslagern erzählt, und das war alles weit weg, Geschichte, das war mal, das darf nie wieder „passieren“, das haben die uns echt so gesagt, „passieren“, als wär das ein Wirbelsturm gewesen, oder ein Kometeneinschlag, zu dem niemand was kann, keiner hat uns gesagt, Typen, die sowas machen, die sind immer noch unterwegs, das sind vielleicht gar keine besonderen Typen, das sind ganz normale Menschen, ganz normale Menschen machen solche Sachen, Vorbedingung ist bloß, sie müssen vor irgendeinem Satan niederknien und anbeten. Und dann fangen sie an zu denken und zu reden, wie machen wir das, dass Satan mit uns zufrieden ist? Und dann machen sie, was Satan gefällt. Oder wovon sie denken, dass es Satan gefällt. Wir konnten das nicht wissen, dass wir es mit solchen Gestalten zu tun kriegen. Also ehrlich, ich hab mir nicht mal vorstellen können, dass es solche Gestalten überhaupt gibt. Die kleine Ayse war uns da immer einen Schritt voraus. Die hat ihre Familie erlebt, die hat ihren Konopski erlebt, und nach allem, was sie so nach und nach rausgelassen hat, waren die echt bösartig. Ich will nicht sagen, dass die bewusst sich vor dem Teufel gebeugt haben, aber bösartig waren die. Gnadenlos. Lieblos, das ist der Punkt. Vollkommen lieblos. Arme Ayse, das hat sie nicht verdient, niemand verdient sowas. PvM, du hast das absolut richtig gemacht, will ich mal sagen. Wenn die Maus aufwacht in ihrem Krankenhausbett und sagt, ich brauch jetzt erst mal Abstand zu all dem, dann müssen wir halt damit leben. Nicht bloß damit leben, mein ich, wir müssen dann auch dahinter stehen. Scheiße, ist das alles ein Trümmerhaufen. Ja, wir haben uns eingebildet, wir kriegen das alles irgendwie auf die Reihe, wir haben das alles im Griff, aber, also, das war wohl nix.

PvM, erzählst du uns jetzt endlich, was es mit dem Berg Horeb auf sich hat?

(Nachrichten vom 04.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 05.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)