Banshee Neue Folge 104

Nachricht von Amy Buchmüller

Oh Mann, ich bin unterwegs wir sind unterwegs ich hab meine Mami wieder, ohmannohmannohmannn, ich hab die gar nicht mehr loslassen können, ich wollt alles erzählen, und die haben bloß gedrängt, Flugplan, die haben uns in einen Hubschrauber gesetzt, und dann in eine ich weiß nicht was für eine Maschine das war ein kleiner Flughafen, und jetzt sitzen wir in einem Auto, meine Gegend, die sagen, ich krieg meinen Wagen nachgefahren, was ist bloß los, das ging auf einmal so plötzlich

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Ich bin schon zu Hause, die haben mich in der Nacht aus dem Bett geholt, Abmarsch, ich hab schon gedacht, jetzt werd ich nach Sibirien gebracht, oder was immer die mit lästigen Personen hier machen, aber die haben mich zu einem Flughafen gefahren, scheiße, ich weiß nicht mal, wo das war, die haben mich hingefahren und mir ein Ticket in die Hand gedrückt, und dann bin ich umsorgt worden, und nachher nach der Landung abgeholt worden und nach Hause gefahren, und hier sitz ich jetzt erst mal und mein Wagen steht bei Amy, Amy, komm in die Puschen, meld dich, ich komm zu dir rüber gefahren, nehm ich halt die Bahn, dann können wir reden, und nach Hause fahr ich dann in meinem eigenen Wagen

Nachricht von Peter Flamm

Ich sitz hier in einem Wagen, weiß nicht, was das ist, viele Armaturen, zwei Stunden hat neben mir ein Schlapphut gesessen und hat immer noch dies zu fragen gehabt und jenes, und ich hab denen gesagt, die können mich doch einfach an einem Bahnhof absetzen, ich find dann schon allein nach Hause, aber das wollten die nicht, die wollen uns offenbar vor unserer Haustür abliefern, dass uns nicht unterwegs was passiert, von Haustür zu Haustür sozusagen, und ich wollt wissen, was war das eigentlich, waren wir verhaftet? Sie waren überhaupt nicht hier, hab ich zur Antwort bekommen, wir kennen Sie nicht, und Sie erinnern sich am besten an gar nichts, und dann haben die mir noch eine Telefonnummer gegeben, falls wir eine Geschichte brauchen, weil der Chef bei der Arbeit eine Erklärung will oder so, dann sollen wir uns melden, und mir ist, also, ernsthaft, mir ist ein Schweigegelöbnis abgenommen worden, hab ich richtig unterschreiben müssen, Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland sind berührt, möchte wohl wissen, wie das damit zusammenpasst, dass die uns unsere Handys gelassen haben, wir haben doch sowieso über alles geredet, und mittlerweile wissen so viele Leute von der Sache, da kann doch niemand den Deckel drauf halten, egal, ich seh schon meine Kirchturmspitzen am Horizont, ich hab gefragt, warum lasst ihr uns denn nicht mit unseren eigenen Wagen nach Hause fahren, und die haben gesagt, ihr seid alle zu aufgedreht, das Risiko ist zu groß, dass ihr zu schnell fahrt oder unaufmerksam oder sonst was und einen Unfall baut, wir wollen euch sicher zu Hause haben, wir liefern euch vor eurer Haustür ab. Ich glaub aber, die müssen erst noch unsere Karren sauber kriegen, die haben die doch auseinandergenommen bis auf die letzte Schraube, gleich bin ich wieder zu Hause, was war das, was war das mit dem Berg Horeb, was hat PvM denen gesagt

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ich meld mich gleich, ich erzähl euch alles, ich sitz neben Regina, die fährt selber, wir sind unterwegs nach Weldbrüggen, ich meld mich

Nachricht von Diana Hindrance

Grad zu Hause angekommen, ich kann nicht viel schreiben, die Kinder sind böse mit uns, wird das jetzt immer so, fragen die, ihr seid auf einmal weg, und ich red und mach Versprechungen und weiß noch nicht mal, ob ich sie halten kann, wo ist unser Auto, fragen die, ich glaub, das ist denen wichtiger als Mama und Papa, das Auto ist fort, das musst dringend überholt werden, hab ich gesagt, ist ja nicht mal gelogen, Amy, wenn Sandra zu dir kommt, lass die nicht in der Nacht alleine nach Hause fahren, bring die irgendwie unter bei dir, dass sie erst mal Schlaf bekommt, ich hab das erst nicht glauben wollen, aber die Schlapphüte haben recht, wir sind total überdreht, ich lass ständig Sachen fallen und geh in die Küche und weiß nicht mehr was ich dort wollte wir brauchen alle erst mal unseren Schlaf

Nachricht von Peter von Mundenheim

So, da bin ich wieder, für mich ist die Sache nicht zu Ende, bevor nicht Ayse wieder zu Hause ist, ich wollt dort oben bleiben, dass ich zu ihr kann, wenn sie nach mir fragt, aber die haben gesagt, das braucht seine Zeit, aber sie darf nach Hause, und Regina sagt, nein, egal, auf jeden Fall, Regina hat noch ein paar Pfeile im Köcher, da gibt es noch juristische Feinheiten, zwischen dem Land Wahlburg-Sonderbüren und der Bundesrepublik, ich schreib das jetzt hier nicht, was Regina alles gesagt hat, und sie sagt ja auch mir nicht alles, ich hab die ganze Zeit Angst, die werden versuchen, Ayse wieder festzusetzen, wegen ihrer Vorgeschichte, aber Regina sagt klar und deutlich, das wird nicht passieren.

Nachricht von Diana Hindrance

PvM, das darf nicht passieren. Das DARF nicht passieren. Ich hab auch allerhand unterschrieben, dass ich schweigen werde, und Balbutin auch, aber wenn das passiert, wenn die Ayse in die Klapse transportieren, ist es mit meinem Schweigen vorbei, dann fang ich an zu erzählen

Nachricht von Amy Buchmüller

Ich auch. PvM, du musst was tun. Das läuft so nicht. Bequemes Ende, ja? Alles bloß ein Psychiatriefall! Wir sind keine Fälle für die Psychiatrie, Ayse auch nicht. Wir lassen die nicht allein.

Nachricht von Peter von Mundenheim

Nein, wir lassen sie nicht allein. Ich sage euch ja, Regina klemmt sich dahinter. Ihr müsst ein bisschen Vertrauen haben. Wir können Ayse nicht mit Gewalt aus dem Krankenhaus loseisen. Wir wissen nicht, was sie erlebt hat. Sie muss zu Kräften kommen, so oder so. Dann muss sie erzählen, was passiert ist. Wir helfen da nicht, wenn wir uns dazwischendrängen. Ich möcht sie so gern nach Hause holen. Aber wie soll das gehen? Sollen wir hier so tun, als wär nichts, als wär nichts passiert? Sollen wir drauf warten, bis sie von selber anfängt zu reden? Sie muss das erzählen, sie muss das loswerden, überlegt euch das doch mal, wenn euch sowas passiert wär, ihr werdet entführt und verschleppt und sollt abgestochen werden, als Menschenopfer, in einem heidnischen Ritual am Meeresufer, und ihr kommt nur knapp mit dem Leben davon, wem wolltet ihr das erzählen, euren Freunden und eurer Familie doch wohl erst mal nicht, ihr würdet lieber mit Fremden reden wollen, die die Sache professionell angehen, und wenn das Polizisten und Psychiater sind, nicht zu ändern, ich halte nicht viel von Polizisten und Psychiatern, aber jedenfalls haben die mehr Erfahrung als wir, wie man an so eine Sache rangeht, und wir würden bloß stören, wenn wir uns dazwischen drängen, ihr wisst, wie Ayse ist, die redet, die sagt alles, die wird auch mit uns reden und uns alles erzählen, aber wir müssen ihr die Zeit lassen, und inzwischen gibt uns das auch die Zeit, unsere eigenen Wunden zu lecken, ich hör doch nicht auf, jeden Tag jede Stunde dran zu denken, warum ich nicht besser auf sie aufgepasst hab, wie das überhaupt möglich war, dass die unter meinem Hintern aus dem Haus geholt worden ist, in tiefer Nacht, und ich hab nichts davon gemerkt, ich hätt das doch merken müssen! Aber wir haben es wiedergutgemacht, vor allem Diana, Diana, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Wenn du nicht diese Berliner Juden beigebracht hättest, alles wäre anders ausgegangen. Wir sind am Leben. Was soll ich denn noch sagen. Wir sind am Leben, wir können weitermachen, und wir haben Ayse gefunden, wir haben sie gefunden, die Polizei hat das nicht geschafft, die Dienste haben das nicht geschafft, wir haben sie gefunden, in letzter Minute, ich seh immerfort diese graue Meer vor mir, dieses graue Meer, wie das aussah, als die Schlange auf einmal fort war, ja, ich weiß, da lagen dann zwölf Tote am Strand, und nehmt das, wie ihr wollt, es tut mir um keinen einzigen von denen leid, nicht um einen einzigen, die haben ihren Weg gewählt, und haben das Ende bekommen, das sie gewollt haben. Also. Es wird Zeit vergehen, und Ayse wird wieder nach Hause kommen. Und dann wird sie uns alles erzählen, ich weiß, dass sie das tun wird. Und wenn es soweit ist, dann werden wir uns alle bei mir treffen, versprochen, und wir werden zusammensitzen und über alles reden, wir werden alle zusammenkommen.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Ja, bitte, das machen wir, oh ja, das wird gut, das müssen wir unbedingt machen, alles wird gut, wir sitzen zusammen in deiner Küche, und wir reden, wir reden, wir erzählen uns alles

Nachricht von Diana Hindrance

Ja. Ja. Das müssen wir machen. Dahin müssen wir gucken. Vorausgucken. PvM, sag uns jetzt doch, was ist das mit diesem Berg Horeb. Ist es das was ich denke? Balbutin wälzt ständig in seiner Bibel und sucht den Zusammenhang, sag uns das doch. Und hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Wir haben doch alle gedacht, alles ist gut. Ayse hatte doch Polizeischutz. Niemand konnte sowas voraussehen. Dass die mit solcher Energie rangehen! So entschlossen! PvM, jetzt schreib was.

Nachricht von Peter von Mundenheim

Die waren so entschlossen wie die Nazis, als die alle Brücken zur Zivilisation abgebrochen haben. Die waren fest überzeugt, wenn sie das machen, wenn sie diesen irren Gedanken ausführen mit dem Menschenopfer, dann führt ihr Azazel sie in den Endkampf, und sie gewinnen den, und sind die Herren der Welt. So wie die Nazis gedacht haben, wenn sie alle Juden umbringen, die sie nur kriegen können, dann schenkt ihnen Satan zum Lohn die Weltherrschaft. Sorry, kann nichts mehr schreiben. Ich tipp hier in’s Handy, Reginas Wagen fährt wie auf einer Wolke, aber es ist trotzdem schwierig, und ich bin alt, ich glaub, so alt hab ich mich überhaupt noch nie gefühlt. Ich schreib euch alles morgen. Morgen.

(Nachrichten vom 02.08.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 03.08.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)