Banshee Neue Folge 101

Nachricht von Peter Flamm

Hab die ganze Nacht nicht geschlafen. Am Fenster gesessen, auf die Straße runtergestarrt. Kleines Sträßchen, gegenüber eine Einfahrt zwischen Häuserwänden, in der Mitte Gehplatten. Breit genug, dass da ein Auto durchfahren kann, hinten ist wahrscheinlich eine Garage. Aber wenn da überhaupt mal jemand fährt, dann so selten, dass Gras überall gewachsen ist, nur nicht auf den Gehplatten. Das Gras ist leuchtend grün, und da und dort steht eine Mohnblüte. Also helles Grau, von den Platten, Grün, von dem Gras, und leuchtendes Rot, von dem Mohn. Das hab ich mir angeguckt und an den

an diesen scheiß Azazel gedacht, die ganze Nacht.

Das Vieh hat keine Macht in dieser Welt, keine. Aber da sind wir Menschen, in unserer Verkommenheit. Sind immer wieder welche von uns bereit, vor dem die Knie zu beugen, und auf die irren Versprechungen zu lauschen.

Das war es. Auf den Knien. Die Glatzen der Burroblast der Galgenvater, die hatten alle auf den Knien gelegen, als wir angekeucht kamen, durch die Dünen. Am Strand lagen die auf den Knien und haben zu dem Azazel hochgestarrt, zu diesem Ungeheuer, diesem Tier, das sich da über dem Meer wand, das da den ganzen Raum zwischen Meer und Himmel ausgefüllt hat, mit seinen schwarzen Schlingen und Windungen, diese fette ölige schwarze Schlange, mit diesem aufgerissenen Muränenmaul, und wie das gequollen ist, wie sich das gewellt hat! Wie Gekröse, wie lebende Därme, glitschig ineinandergleitend, und das Maul aufgerissen, fauchend, schreiend vor Hunger, und das Tier muss sich offenbart haben im Augenblick, bevor wir um die Ecke bogen, und das Meer war so grau, so sturmgrau, und darüber diese gewaltige Schlange, und sie hat den Horizont verdeckt, und die grauen Wellen haben hochgespritzt zu Ayse, die da oben ausgebreitet hing, mit ausgebreiteten Armen, an die Klippe gefesselt.

Als wir kamen, da haben die alle auf den Knien gelegen, hochgestarrt zu dem Tier, das musste sich im Augenblick vorher offenbart haben, und die hatten gar keine Augen für uns, die haben uns nicht einmal bemerkt, ich hab gehört, wie PvM etwas wie einen unterdrückten Schrei ausgestoßen hat, und dann ist er die Klippe hoch, die Klippe hochgeklettert, hoch zu Ayse, und Ayse stand da einfach, nackt an die Klippe gefesselt, sie hat sich gar nicht gerührt, sie war wie ein weißer leuchtender Klecks in diesem Meer aus Grau und Schwarz, und dann war PvM vor ihr, der hat auf einem Sims unter ihr gestanden, zwei Schritt unter ihr und hat sich vor sie gestellt, und ich weiß nicht, was mit mir war, mit mir und Sandra und Amy, wir waren zusammen, ich hab alles auf einmal wahrgenommen, aber ich hab mich nicht gerührt, ich war in einer Art Starre, das war der Azazel, ich glaub, ich hab verstanden, was der kann, und das ist auch das einzige, was der kann, der zieht die Aufmerksamkeit auf sich, wenn er erscheint, das ist, was der kann, da ist nichts als hilfloses Gurgeln und Glotzen und Starren, das war doch auch so in dem Büro von dem Burroblast, als Balbutin dort war, das Vieh ist erschienen, und niemand hat noch was anderes gesehen, so war das auch hier, da war dieser Gebetsteppich, lag da im nassen Sand, und auf dem Teppich dieses Schlachtermesser, und drum rum die Glatzen und Burroblast und Galgenvater, und Burroblast war eine ungeheure Masse aus Fett und Speck, das hat gewogt gewabert, und für Augenblicke war alles eingefroren, nichts war da als das Tier, den ganzen Raum ausfüllend zwischen Meer und Erde, und die Menschen da am Strand, hochstarrend zu dem Tier, und das Tier hält das Starren vielleicht für Anbetung, ich weiß nicht, und dann erst, dann erst sind die Glatzen aufmerksam geworden, dass sie Besuch hatten, Besuch, wir.

Das geschah alles so langsam, so quälend langsam. Es muss sich alles in Sekunden abgespielt haben, aber ich seh das langsam vor mir, schleichend. Erst haben die uns gesehen, da war aber PvM schon oben bei Ayse und hat versucht, sich schützend vor sie zu stellen. Die haben uns gesehen, ich versuch das auf die Reihe zu bringen, die haben uns gesehen, und dann erst haben sie begriffen, und dann erst sind die in Bewegung gekommen. Die lagen ja alle auf den Knien, gegen das Meer hin, und wir kamen von der Seite, die mussten erst mal auf die Beine kommen, sie sind hochgesprungen, aber ich hab das nicht als Springen in Erinnerung, eher als so eine Art Tanz, wie von einem Federball, ganz langsam, die sind auf die Beine gekommen, nur der Burroblast nicht, Berg aus Fett, und dann haben die Glatzen nach ihren Waffen gegriffen, die hatten Waffen, das hab ich gesehen, jeder einzelne von denen, Revolver, oder was das war, und dann kamen den gleichen Weg runter, den wir gekommen waren, die fünf Juden, in einer Reihe nebeneinander, ich kann immer noch nicht begreifen, dass ich das wirklich gesehen hab, fünf Juden in ihrer orthodoxen Kleidung, schwarz, Gehrock, Hut, Schläfenlocken, so kamen die, militärisch, ihre Waffen im Anschlag, und dann wurde geschossen.

Dichter Hagel, Knallen. Die Glatzen hatten keine Chance, die hatten alle ihre Knarren in der Hand, aber keiner von den kam dazu zu schießen, die Juden waren zu schnell, zu geübt, ich kann immer noch nicht glauben, dass ich das wirklich gesehen hab, die Juden waren angezogen, wie man sich Juden in ihrer Schul vorstellt, bereit, die Thora zu studieren, so haben die ausgesehen, aber die hatten militärische Waffen im Anschlag, und die haben geschossen, ohne eine Sekunde zu zögern.

Und dann, der Reihe nach, lagen da zwölf Leichen am Strand, die Glatzen, der Galgenvater, und der Burroblast ist zuletzt gestorben, den haben die nicht erschossen, der ist an sich selber gestorben, und der hat diesen Schrei ausgestoßen, diesen furchtbaren gellenden Schrei, als er starb, und dann hab ich gesehen, alles auf einmal, dass Diana und Balbutin hinter den Juden waren, und oben auf der Klippe, auf seinem Sims vor Ayse stehend, ging PvM langsam in die Knie, und das nächste, was ich weiß, das war, also, ich bin die Klippe hoch, um PvM aufzufangen, und Sandra war dicht hinter mir, und Amy, die ist rüber zu dem Burroblast gelaufen, die wollt ihm noch helfen, da war nichts mehr zu machen, und dann klang dieses Donnern in den Lüften, das waren die Hubschrauber, und die Juden sind ganz gelassen in die Knie gegangen und haben ihre Waffen vor sich ausgelegt und haben die Arme hinter dem Kopf verschränkt, zum Zeichen, dass für sie der Kampf vorbei war, die waren militärisch ausgebildet, und dann erst hab ich gesehen, der graue Himmel über dem Meer war leer, der Azazel war fort.

Ich schreib das alles nochmal auf, ich glaub, ich hab das den Schlapphüten schon hundert Mal vorgebetet, aber warum ich das noch einmal aufschreib, das ist, weil, Regina war bei mir, heute Morgen.

Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich gefühlt hab, als die schöne Frau auftauchte. Sie hat gesagt, alles wird gut.

Oh ja, bitte. Alles soll gut werden. Der Azazel ist in der Welt.

Wir haben zusammengesessen, und ich hab ihr alles erzählt, so wie ich es eben aufgeschrieben hab. Sie hat alles schon gewusst, von den Schlapphüten, aber sie hat mir zugehört, und ich hab gesagt, das wissen wir jetzt also, das haben wir mit eigenen Augen gesehen, Satan ist in der Welt. Und da ist ein Reden hinter der Welt, das hört nicht auf. Das ist, was Ayse gehört hat, unter der Kathedrale, dies unaufhörliche Reden und Bereden, hinter den Kulissen der Welt. Wir stehen alle auf der Bühne, aber wir wissen nicht, was hinter den Kulissen vor sich geht. Wir wissen nicht, wer die Zuschauer sind, und schon gar nicht wissen wir, wer an dem Stück schreibt, immerfort an dem Stück weiterschreibt, wir treten auf, aber wenn wir auf der Bühne stehen, wissen wir nicht, woher wir gekommen sind, und dann treten wir wieder ab, wir wissen nicht, wohin wir gehen.

Der Azazel ist dumm. Das ist alte Überlieferung. Überall, wo von dem Teufel geredet wird, heißt es, der ist dumm, strohdumm. Trotzdem hat der was gewusst, was gehört, der hat was mitgekriegt, von all dem Reden, und der hat verstanden, da soll ein Mädchen kommen, das die Scharen sammelt.

Ayse.

Und die Scharen, das können nur die Gefallenen Engel sein, die laufen ja hinter Ayse her wie hypnotisiert. Und Ayse sammelt die Gefallenen Engel, bestimmt nicht, um sie dem Azazel zuzuführen. Ganz im Gegenteil, die hängen sich doch an sie, weil sie denken, Ayse ist irgendwie nahe bei GOtt, und wenn sie nahe bei Ayse sind, dann kommen sie GOtt näher, das steht auch im Buch Henoch, das hat doch PvM uns erzählt, da steht drin, dass die Gefallenen Engel GOtt nicht mehr sehen, aber es sich verzweifelt wünschen, GOtt wieder sehen zu dürfen. Das ist es, warum sie Ayse hinterherlaufen wie ein liebeskranker Teen seinem Schwarm. Sie hoffen, wenn sie nahe bei Ayse sind, sind sie näher bei GOtt. Sie fühlen das vielleicht sogar. Deshalb starren sie Ayse so versunken an, wie ein Säugling seine Mutter anschaut, beim Stillen. Ayse, schneeweiß, milchweiß, wie eine überquellende Mutterbrust.

Und Ayse ist nicht zufällig gekommen, nicht einfach so. Da war ein Reden von ihr in der Welt, seit die Welt steht. Das Mädchen wird kommen. Und der Azazel hat das mitbekommen, und deshalb hat er von seinen Leuten verlangt, findet das Mädchen, das Mädchen, das die Scharen sammelt. Ayse zieht die Scharen an der Gefallenen Engel, ob sie will oder nicht, weil die näher zu GOtt wollen. So war die Forderung von dem Azazel, tötet mir dies Mädchen, damit die Verworfenen Engel sehen und verstehen, ich bin der Wahre Gott. Ich bin nicht Satan der Abtrünnige. Das sind alles nur die Lügen der Juden. Ich bin der Wahre Gott, der Gott dieser Welt. Zeigt mir eure Treue und euren Glauben, indem ihr mir dies Mädchen zum Opfer bringt, und dann werde ich euch führen zu Kampf und Sieg, denn die Verworfenen Engel werden erkennen, dass ich der Wahre Gott bin, und sie werden sich mir anschließen, und der Sieg wird unser sein.

Das haben sie geglaubt, der Burroblast und seine Leute.

Da sind immer noch unklare Sachen, sagte Regina, und die vom Geheimdienst bohren und bohren. Es ist immer noch ganz unklar, wieso hier, wieso diese Klippe am Meer. Es gibt keinen Anhaltspunkt, wie der Burroblast auf diesen Ort gekommen ist. Denkt da drüber nach, vielleicht fällt euch irgendwas ein. Die lassen euch nicht laufen, bevor das nicht geklärt ist.

Die Besucher haben verstanden, was abgeht. Sie haben die Entführung Ayses verstanden, und sie haben verstanden, was der Burroblast vorhatte. Wo hat sich dieses Verstehen abgespielt? In jeder einzelner von diesen Gestalten, von diesen Erscheinungen? Eher irgendwo dahinter. Vielleicht haben sie so etwas wie ein kollektives Bewusstsein, wie ein Bienenschwarm. In diesem Bewusstsein hat sich nach und nach und mühsam Klarheit eingestellt, was da passiert. Und also haben sie uns hergelockt hergezogen, jeden einzelnen von uns, weil wir ja die sind, die um Ayse herum sind. Die haben das selbst von Sandra und Amy gewusst, obwohl sie die beiden und Ayse doch nie zusammen gesehen haben, soweit wir wissen. Aber Sandra und Amy haben ständig von Ayse geredet und an sie gedacht, das muss den Unterschied gemacht haben.

PvM hängt noch immer in seinem Krankenzimmer ab und wird befragt, auf den konzentrieren sie sich besonders, er hat als einziger von uns sein Handy noch nicht wiederbekommen. Es geht ihm gut, sagt Regina. Sie war mehrmals bei ihm, seine Laune ist nicht die beste, sagt sie, nicht ungewöhnlich, sag ich.

Ayse schläft noch immer. Oder sie ist schon wach, aber die Ärzte sitzen vor ihrer Tür und lassen die vom Geheimdienst nicht rein.

Ayse und PvM. Da sind mehr Fragen offen, als wir beantworten können. Die beiden wissen selber, was sie zu sagen haben.

Amy und ihre Mutter werden immer noch getrennt gehalten, ohne Begründung.

Ich hab ein bisschen gegoogelt. Nicht gerade komfortabel mit dem Handy, aber besser als nichts. Das offizielle Motto vom Mossad lautet: „Wo nicht weiser Rat ist, da geht das Volk unter; wo aber viele Ratgeber sind, findet sich Hilfe.“ Das ist ein Zitat aus dem Alten Testament, Sprichwörter 11, 14. Hier in der Wohnung ist eine kleine Bibliothek, nur ein Brett voll Bücher, zusammengewürfeltes Zeug, aber ich bin so froh drum, dass ich überhaupt ein paar Bücher zur Hand hab. Da steht auch ein Exemplar der Einheitsübersetzung, die gibt einen etwas anderen Text: „Fehlt es an Führung, kommt ein Volk zu Fall, Rettung ist dort, wo viele Ratgeber sind.“

Wir waren solche Idioten, dass wir geglaubt haben, wir könnten das alles geheim halten.

Ratgeber. Wir bräuchten so dringend selber Ratgeber. Und jetzt kommen die und verlangen von uns, dass wir ihnen das alles erklären. Wir sollen die Ratgeber sein.

Aber Regina sagt auch, die lassen uns wieder laufen. Die haben nicht vor, uns für alle Ewigkeit festzuhalten. Sie sagt, sie bleibt hier, bis wir alle wieder sicher zu Hause sind. Sie meint natürlich vor allem Ayse und PvM, die will sie wieder zurückhaben, in Weldbrüggen. Und wenn die wieder in Weldbrüggen sind, ist auch für uns alles ausgestanden.

Regina war zwei Mal in Berlin, in den letzten Tagen, ist hin und her geflogen. Die meint das ernst, die kümmert sich um uns.

Und Azazel ist immer noch in der Welt. Satan ist in der Welt. Die Welt da draußen, das ist nicht mehr die Welt, wie ich sie kenne.

 (Nachricht eingestellt von Peter Flamm am 31.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)