Banshee Neue Folge 100

Nachricht von Peter Flamm

Irgendwas ändert sich. Zwei Beamte waren vorhin bei mir, die waren anders, irgendwie anders. Sehr effizient, zielgenau. Die haben inzwischen mehr als vierzig Anhänger von dem Burroblast hochgenommen, in Deutschland, Polen, Tschechien. Und diese Anhänger, als sie erst mal verstanden haben, dass ihr Chef tot ist, die haben geredet, viel. Es hat da eine Zeremonie gegeben, eine Initiation, für die Eingeweihten. Dort ist gesagt worden, was auch Balbutin erfahren hat, die Brüder der Neuen Erde, die sind auf die Neue Weltordnung aus. Okkult-Nazis. Genau das hatten auch wir rausgekriegt. Die wollen eine neue Weltordnung, und Voraussetzung ist die Vernichtung der Juden. Die wollten und wollen vollenden, was die Nazis nicht zu Ende gebracht haben: die Ermordung aller Juden, weltweit. „Die Jüdische Rasse muss vom Erdboden verschwinden, erst dann kann die Neue Ordnung geschaffen werden, das ist die Voraussetzung.“ In der letzten Woche vor der Entführung Ayses hatte der Burroblast an alle seine Anhänger kryptische Jubelrufe geschickt, ein Durchbruch sei erreicht, überwältigende Bestätigung sei geworden, sie hätten recht recht recht, der wahre Gott hätte sich ihnen offenbart, des Name sei Azazel. Das sei Gott, der wahre Gott, den die Juden als Satan verleumdet hätten. Aber der Azazel sei nicht der Satan, der sei der wahre Gott. Sie, die Brüder der Neuen Erde, sie seien auserwählt worden von dem Azazel, seinen Namen und die Kunde von seiner rechten Würde in alle Welt zu tragen, sie müssten sich aber erst noch bestätigen vor dem Azazel, sozusagen ausweisen vor dem, legitimieren. Und das könne nur geschehen, in dem sie ihm ein Opfer darbrächten, das höchste Opfer, ein Menschenopfer.

Nicht irgendein Menschenopfer. Das Mädchen müsste es sein, das Mädchen, nach dem der Azazel ausdrücklich gefragt hätte. Das Mädchen, das die Scharen um sich sammelt.

Das hat der Burroblast mir gegenüber auch gesagt, sagte ich. Genau das hat er gesagt, und ich habe an Ayse gedacht, sofort. Es war offensichtlich. Der Burroblast redete von dem Ort, da man die Toten sitzen sehen kann in ihren Gräbern, wie sie warten, warten auf die neue Zeit. Und an diesem Ort sei auch das Mädchen, das Mädchen, das die Scharen sammelt.

Das waren die Sätze, die diese Erscheinung im Büro des Burroblast in Gegenwart von Balbutin Hindrance gesprochen hat?

Ja, das waren diese Sätze.

Irgendwas ist anders geworden. Die nahmen das ernst, diese beiden Beamten. Ja. Ich hatte ganz deutlich das Gefühl, die nehmen mich ernst. Die glauben mir, dass wir alle irgendwie von der Seite her in die Sache reingeraten sind und nicht wissen, wie. Wir haben keine Ahnung, was es mit dem Verhältnis Ayses zu den Besuchern auf sich hat, nur dass da ein besonderes Verhältnis ist, das wissen wir.

Nach unseren bisherigen Erkenntnissen, sagten die beiden Beamten, haben die Brüder der Neuen Erde diese Überzeugung geteilt, dass um Ayse Konopski etwas Besonderes sei. Sie sind ihr auf die Spur gekommen, indem sie den beiden unklaren Besuchern bei dem Burroblast hinterher geforscht haben, Peter Flamm und Balbutin Hindrance. Dass Balbutin Hindrance irgendwie eine Schlüsselrollte spielt, ist ihnen richtig klar geworden, als Peter Flamm aufgetaucht ist und über den Balbutin Hindrance Erkundigungen eingezogen hat. Sie haben schnell die Spur nach Weldbrüggen gefunden, bis vor das Haus Peter von Mundenheims, dort haben sie sich auf’s Beobachten beschränkt. Sie haben gesehen, dass Ayse Konopski unter Personenschutz stand. Sie haben das als Bestätigung ihrer Überzeugung aufgefasst, die junge Frau ist von hoher Bedeutung. Sie haben gewartet, bis ihnen die Stunde zum Zugriff günstig schien, und in dieser Zeit haben sie alles vorbereitet. Ayse Konopski war das auserwählte Menschenopfer, das den Brüdern der Neuen Erde vor dem Azazel die Legitimation verleihen sollte, in seinem Namen auf der Erde den Weltkrieg gegen die Juden zu starten.

Ich kann nicht sagen, dass mir bei diesen Nachrichten das Herz in die Hose gefallen sei. Wir haben ja gewusst, dass wir selber es waren, die diese Irren auf Ayses Spur gebracht haben, wir haben das ja gewusst, Balbutin und ich. Wir haben uns einfach wie die Dilettanten aufgeführt, die wir ja auch sind. Wir wollten was rauskriegen, wir sind bloß Stümper. Wir haben es gut gemeint. Wenn man es gut meint in dieser Welt, kommen meistens Katastrophen dabei heraus.

An wen hätten wir uns wenden sollen? fragte ich die Geheimdienstler. Niemand hätte uns geglaubt.

Und zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, die glaubten mir. Die Israelis hatten diese Organisation von dem Burroblast Mulkenmund im Visier, sagten sie. Die haben die ernst genommen. Alte jüdische Erfahrung. Die Mörder besser beizeiten ernst nehmen. Die könnten ausführen, was sie ankündigen.

Die Israelis? fragte ich. Im Ernst? Der Mossad?

Die Geheimdienstler sagten nicht Ja nicht Nein, fuhren nur fort: Wir haben eine Warnung von denen bekommen, dass sich was vorbereitet. Es war aber ganz unklar, wo und wann. Als Ayse Konopski als entführt gemeldet wurde, hat uns der Staatsschutz von Wahlburg-Sonderbüren den Hinweis gegeben, dass da ein Zusammenhang mit der Gruppe um den Burroblast Mulkenmund bestehen könnte. Es hat uns ein paar Tage gekostet, alles auf die Reihe zu bringen, und in dieser Zeit blieb die Fahndung nach dem Entführungsopfer ergebnislos. Da wir nicht überblicken konnten, welche Rolle Sie alle in dieser Sache spielten, haben wir Sie observiert.

Observiert heißt, ihr habt unsere Telefone und unsere Fahrzeuge verwanzt?

Ja.

Und, es ist ja sowas von peinlich, das zu erzählen, aber ich hab plötzlich geheult wie ein Hund. Ein alter Mann sollte nicht einfach so losheulen, aber es passierte schneller, als ich verstehen konnte. Auf einmal saß ich vor diesen beiden Geheimdienstleuten und hab geheult wie ein Kind. Ich hab an Ayse gedacht, und wie es zum Schluss eine Sache von Minuten gewesen war, dass wir noch rechtzeitig kamen. Die wollten die, die wollten die im Angesicht ihres Azazel rituell zum Opfer bringen, wie sie das nannten, die wollten sie also viehisch abschlachten, mit dem Metzgermesser, um dem Azazel zu zeigen, sie sind die Würdigen. Ich hab an diese ekle Schlange gedacht, wie die sich gewunden hat und drauf gewartet, dass Blut fließt. Und alles sollte nur der Auftakt sein für weiteres Morden.

Sie waren gut zu mir, die Herren vom Geheimdienst. Sie klopften mir auf die Schultern, warteten geduldig, bis ich mich wieder beruhigt hatte, ich schnäuzte mich, ich entschuldigte mich, aber in Wahrheit kann ich mich nicht beruhigen. Ich habe die Schlange ja wirklich gesehen. Ihr habt die Schlange gesehen. Das war keine Einbildung. Das Ding war wirklich, so wie die Besucher wirklich sind. Keine Abbildung in einem mythologischen Lexikon.

Die Sichtungen, sagten die vom Geheimdienst. Die Sichtungen, die sind es, die uns wirklich Kopfschmerzen machen.

Die Besucher?

Ja. Diese Erscheinungen, die Sie „die Besucher“ nennen. Sie und Ihre Freunde sind nicht die einzigen. Das wird weltweit gemeldet. Die Israelis wissen auch davon.

Ist uns sowas von klar, sagte ich. Wir haben schließlich Augen im Kopf. Unter euren eigenen Leuten sind doch genug, die die sehen.

Wieder sagten sie nichts, blickten mich nur an, und da war wieder dieses Gefühl, die nehmen uns ernst, endlich.

Zum Abschluss sagten sie: Es sieht aus, als wären wir bald hier fertig, und dann dürfen Sie alle nach Hause. Ist uns klar, dass das hier eine schwere Zeit für Sie ist.

Als sie fort waren, setzte ich mich für eine Weile an’s Fenster und starrte runter auf die Straße. Ich dachte an PvM, und wie der mir mal gesagt hatte, eigentlich sind die meisten Dinge ziemlich einfach. Gerade die angeblich komplizierten Dinge sind die einfachsten. Vom Holocaust wird immer gesagt, man könne gar nicht verstehen, wie das eigentlich möglich war, was da eigentlich passiert sei, wie das eigentlich dazu hätte kommen können. Aber in Wahrheit ist die Sache doch so einfach. Die Nazis haben Satan ein Menschenopfer dargebracht. Ein ungeheures, sechs Millionen Menschen umfassendes Menschenopfer, und sie haben gedacht, dafür gibt Satan ihnen die Weltherrschaft. Das ist das ganze Geheimnis hinter dem Holocaust. Ein Menschenopfer, für Satan. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Sechs Millionen Menschen, hingemordet im Dienste Satans, und im Gegenzug dafür die Weltherrschaft.

So haben sich das auch diese Brüder um den Burroblast gedacht. Ein Menschenopfer für Azazel, damit der sieht, sie sind die Richtigen. Und dann der Aufbruch zum Endkampf.

Warum sollten wir glauben, nur weil die Nazis weg sind, ist Satan nicht mehr in der Welt? Es ist aber nicht Satan, vor dem wir Angst haben müssen. Wir müssen Angst haben vor den Menschen, die Satan zu Willen sind. Hat ja Diana schon gesagt. Satan schändet und mordet nicht in dieser Welt. Das tun die Menschen, die sich in seinen Dienst stellen.

Wir müssen Geduld haben. Wie es aussieht, sind wir hier bald draußen. Und dann, wenn wir wieder zu Hause sind, dann müssen wir alle unsere Leben neu sortieren, wird uns nichts anderes übrig bleiben.

(Nachricht eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 30.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)