Banshee Neue Folge 98

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Diana, tut mir so leid, dass du das hast sehen müssen, ich weiß nicht, wir anderen, für uns, nein, ich weiß auch nicht, was ich sagen soll, du hast nie wirklich, ich meine, du hast uns nie wirklich geglaubt, irgendwie hast du immer noch gedacht, wir bilden uns das alles bloß ein, und wir haben ja selber so lange dran festgehalten, vielleicht reden wir einfach zu viel drüber, und bestätigen alles, immer wieder, gegenseitig, ich weiß ja selber, wie oft ich mir gut zugeredet hab, und ehrlich, wir haben es doch versucht, wir haben uns monatelang fern gehalten voneinander, haben uns nicht einmal gegenseitig angerufen, das war richtig so ne Art Abstinenz war das, als wären wir alle Junkies und versuchen verzweifelt clean zu werden, und der erste Schritt der wär eben, rauszukommen aus unserem Milieu, ja, das ist es, genau so haben wir uns aufgeführt, wir müssen clean werden, wir müssen von den anderen wegkommen, die stecken uns bloß immer wieder neu an

Aber eigentlich war das die Suggestion. Die Autosuggestion. Wir haben uns das eingeredet wieder und wieder, jeder für sich, in der Hoffnung, das wird plötzlich wahr. Also, ich kann ja nur für mich selber reden. Aber dass das nicht wahr ist, das hab ich in dem Augenblick gewusst, als Ayse wieder angefangen hat zu schreiben. Ja. Und ich hab’s ja gewusst. Ich hab die ja jeden Tag gesehen, in der Stadt, oder unten auf diesem elenden Stück Rasen zwischen den Hochhäusern. Musst nur auf den Balkon raus und runter gucken, da saßen sie, und haben zu mir rauf geguckt, und ich war so froh, dass sie wenigstens nicht hoch auf den Balkon kamen, bis zu dem Tag, als

bis zu dem Tag, als wir alle losgefahren sind und alle gleichzeitig auf diesem Wanderparkplatz angekommen sind, in den Dünen, im Morgengrauen, ich hab noch noch nie noch niemals so einen grauen Morgen gesehen, ich schwör das, ich spür das immer noch auf mir hängen, dieses Grau, als würd ich das niemals wieder los, niemals wieder in meinem ganzen Leben, ich hab Stunden, da denk ich mir, ich bin da gestorben, da auf diesem Parkplatz, vor fünf Tagen bin ich da gestorben, in dem Augenblick, als ich aus dem Auto gestiegen bin und dieses Grau gesehen habe, lieber Gott, hilf mir doch, so ein Grau, so ein Grau sollte ein Mensch nicht sehen müssen, das ist nicht in Ordnung, dass ich das gesehen habe, und das tut mir so leid, Diana, dass du das auch hast sehen müssen, und Ayse hat das sehen müssen, wie sie da stand, gekettet hoch da oben an den Felsen, und die hat gedacht, das wären ihre letzten Momente, die hat ja denken müssen, das ist das letzte, was sie sieht von dieser Welt, Ayse, arme Ayse, das tut mir alles so leid

Und jetzt sitz ich hier und denk mir manchmal, wenn ich hier sitz auf diesem Bett, ich meine, ich hab auch ein Wohnzimmer, aber meistens setz ich mich hier auf das Bett, einfach auf die Bettkante, und dann denk ich mir, wir sind alle gestorben an diesem Morgen, alle gestorben an diesem grauen Strand, und das hier ist die Ewigkeit, vielleicht müssen wir für alle Zeit hier so sitzen, vielleicht sind diese Zimmer und Häuser und Straßen und Gärten und das alles was wir hier sehen, vielleicht ist das alles überhaupt alles, was wir jemals noch sehen werden, vielleicht ist das die Ewigkeit, wir sind im Jenseits, das ist jetzt unser Aufenthalt

Und ich hab doch so darauf gewartet so darauf gewartet, dass ich Juliette finde, Juliette meine Liebe mein Leben, wenn ich tot bin, hab ich gedacht, werd ich diesen Garten finden und dort wird Juliette auf mich warten, und jeden Tag hab ich mich ermahnt, ich muss ordentlich Französisch lernen, dass ich mit Juliette auch reden kann, und dann hab ich mir gedacht, aber wir werden nicht viel reden in diesem Garten, Juliette und ich, das ist kein Ort, an dem man noch Worte braucht, um sich zu sagen, was man sagen will, Juliette

Nachricht von Amy Buchmüller

Peter wir müssen was tun, hast du das gelesen, was Sandra geschrieben hat, Sandra, du musst dich zusammenreißen, wir sind noch in der Wirklichkeit, das ist die Wirklichkeit, und wir müssen das jetzt durchstehen, die lassen uns wieder nach Hause, und dann treffen wir uns alle, ja, wir treffen uns bei PvM, in Weldbrüggen, wir alle, versprochen, und dort werden wir zusammensitzen und über alles reden über alles, und alles wird sich klären, du musst dich jetzt nur ein bisschen zusammenreißen und denen die Stirn bieten, die haben halt ihre Fragen, und  früher oder später werden die sehen, dass sie auch nichts machen können, weil wir eben einfach die Wahrheit sagen, die Wahrheit, Scheiße, Peter, du bist es doch, der uns alle überhaupt erst zusammengebracht hat, tu doch was tu doch was

Nachricht von Peter Flamm

Hab mit den Schlapphüten geredet, die lassen mich ja raus, die lassen mich raus an der langen Leine, ich darf raus in die Stadt, hab die immer im Genick, die wissen ganz genau, dass ich mit niemandem rede, was sollt ich auch sagen, sollt ich vielleicht anfangen zu erzählen, alles zu erzählen, wem? in irgendeinem Geschäft?

Der Strand ist wieder geöffnet, in der Stadt sind sie alle sehr zufrieden, keine Behinderung mehr des Tourismus, und ich hab mich aufgeführt wie ein Idiot, als die im Geschäft gesagt haben, „Tourismus“, da hab ich an die Besucher gedacht, und hab mir das plötzlich ausgemalt, die sind Touristen in unserer Welt, einfach bloß Touristen, und gucken sich alles ganz genau an, irgendwie bin ich aus dem Geschäft rausgekommen und hab mich in eine Toreinfahrt gerettet, und dort hab ich sowas von gelacht, ich hab mich gekrümmt, ich hab gar nicht mehr aufhören können, bis mir der Bauch wehgetan hat, Tourismus, also sowas

Egal, ich hab mit den Schlapphüten geredet, hab denen gesagt, wie uns das zusetzt, dass wir hier als Gefangene gehalten werden, und Diana und Amy haben Kinder zu Hause, kleine Kinder, wir kommen damit nicht zurecht, und die haben mir versichert, sie behalten das im Auge, aber wir müssten das ja nur sagen, wenn wir eine ärztliche Untersuchung wollten, dann käm jemand

Ich hab denen klar gesagt, wir brauchen keine Weißkittel, wir sind erwachsene Menschen, und wie alles erwachsenen Menschen kommen wir mit Freiheitsberaubung nur schwer zurecht

Die sind schmallippig geworden, als ich das Wort „Freiheitsberaubung“ verwendet hab, die haben gesagt, wir verhalten uns streng gesetzmäßig, so, hab ich gesagt, gibt es da also einen richterlichen Beschluss, dass ihr uns hier festhaltet, gegen unseren Willen?

Wir brauchen keinen richterlichen Beschluss, haben die gesagt, und ich hab das „noch nicht“ gehört, das da zwischen den Worten schwebte, natürlich, Militärischer Abschirmdienst, die haben Rechte, für den Notfall für den Angriffsfall, die ziehen sich auf die rationale Erklärung zurück, Invasion, im Ernst, außerirdische Invasion, das sei der militärische Notfall, da liege der Verdacht auf eine militärische Infiltration vor, und wir haben was damit zu tun, jetzt hängen auch noch die Juden mit drin, die haben israelische Pässe, das macht die Sache auch nicht einfacher, möchte wissen, ob die israelische Botschaft schon Wind von der Sache bekommen hat, natürlich haben die, da ist diese orthodoxe Gemeinde in Berlin, die ihre Personenschützer vermisst, und die Gemeinde hat ihren Sitz in New York, da sind längst Telefonverbindungen heiß gelaufen, da gibt es einen Geheimdienstausschuss im Bundestag, der hat vielleicht schon eine Anfrage von den Israelis gekriegt, was hier eigentlich läuft, ich weiß nur nicht, wie lange die das Recht haben, uns festzuhalten, ohne dass ein Richter ins Spiel kommt, jedenfalls nicht für ewig

Nachricht von Diana Hindrance

Ein Richter ein Richter was soll uns das helfen ich will nach Hause ich will zu meinen Kindern

Nachricht von Peter Flamm

Sobald ein Richter ins Spiel kommt haben wir gute Karten wir müssen nur drohen dass wir alles erzählen alles wahrheitsgemäß alles was in Weldbrüggen passiert ist und sonstwo die können nicht uns alle spurlos in der Klapse verschwinden lassen da sind zu viele Leute drumrum inzwischen die was wissen da ist Regina das ist vor allem Regina Austri

Nachricht von Diana Hindrance

Das glaubst du das glaubst du im Ernst Regina ist unsere letzte Hilfe ja

Nachricht von Peter Flamm

Vergesst nicht, da ist das Innenministerium in Weldbrüggen, ich kenn die mittlerweile, PvM hat genug erzählt, egal was ist, egal wie das völkerrechtlich aussieht, die betrachten sich als Ausland, und mindestens PvM ist Staatsbürger dort, und die werden die Schrauben anziehen, die werden sagen, was ist mit dem, wir wollen den wiederhaben, ja, ich glaub, Regina spielt ihr eigenes Spiel, ich weiß, dass die immer noch hier ist, und da ist diese irre Klausel in der Weldbrüggener Verfassung, dass sie in Religionsangelegenheiten die Prärogative hat, davon hat doch PvM wieder und wieder geredet, die ist selbst gegenüber dem Geheimdienst weisungsbefugt, als Chefin des Fons, sobald es um Religion geht, und Wahlburg-Sonderbüren hat seinen eigenen Geheimdienst, das ist im Staatsvertrag so festgelegt worden, als die der neugegründeten Bundesrepublik beigetreten sind, da stehen die Unterschriften der Westmächte drunter, das ist geltendes Gesetz, nicht nur national, das ist international bindend, hat angeblich noch nie Probleme gemacht, das werden wir ja sehen, ich glaub, das ist deshalb, warum die vom MAD sich so an der Theorie von der außerirdischen Invasion festbeißen, darum geht das, ist das hier eine Frage der Religion oder des Militärs?

Nachricht von Amy Buchmüller

Ich fass das nicht ich fass das einfach nicht in was sind wir hier eigentlich reingeraten.

(Nachrichten vom 27.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 28.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)