Banshee Neue Folge 95

Nachricht von Peter Flamm

Wär schön, wir könnten telefonieren. Mein Handy zeigt an, kein Netz. Ich krieg aber eure Mails. Wir sind keine Gefangenen, sagen die. Ich kann auch rausgehen, ohne weiteres. War heute Morgen wieder in der Stadt. Der Strand ist noch immer gesperrt, ich hab Militärhubschrauber gesehen. Diesmal bin ich sicher, dass ich überwacht worden bin. Beschattet, sagt man wohl. Ich war in einem Geschäft, hab geredet. Die Leute ärgern sich, sagen, diese Militärübung ist schlecht für den Tourismus. Draußen vor dem Schaufenster hat einer gestanden, der hat sich nicht einmal weggedreht, als ich gegangen bin. Ich sollte wohl sehen, dass sie mich beobachten.

Ich wohn in einem kleinen Häuschen in einer Seitenstraße, hab nur ein paar Schritte, um zum Fußgängerviertel zu kommen. Ich glaub nicht, dass es Sinn hätte, wegzulaufen. Es ist passiert, was wir immer befürchtet haben. Sie haben uns erwischt. Ich hoffe auf Regina. Die stellt sich nicht gegen uns. Aber wir sind nicht in Weldbrüggen. Weiß nicht, wieviel Einfluss die hier hat. Der Militärische Abschirmdienst, das ist eine Bundesbehörde.

Amy hat recht. Die glauben uns nicht. Wir sind Gefangene. Wenn ich mir die Sache überlege, ich würde mir auch nicht glauben. Wer soll sowas glauben? Wir sind praktisch zur gleichen Zeit losgefahren, ein bisschen versetzt, alle mit dem gleichen Ziel. Wir sind alle hoch zur Küste gefahren, mit vier Wagen, von vier verschiedenen Städten aus, und gleichzeitig waren diese Juden unterwegs, fünf Juden, bewaffnete Personenschützer mit israelischem Pässen. Die sind in zwei Wagen gekommen, und die waren zum Schluss nur Minuten hinter uns. Und alle miteinander sind wir zur selben Zeit am selben Punkt eingetroffen, auf diesem Wanderparkplatz in den Dünen, im Morgengrauen, hundert Meter von der Stelle entfernt, wo gerade Burroblast und die anderen damit beschäftigt waren, Ayse — Ayse abzuschlachten. Wer soll uns das glauben?

Ich bin zurückgegangen zu meiner Unterkunft. Ich weiß nicht mal, wo mein Wagen ist. Ich hätt kein Geld, um mir eine Bahnkarte zu kaufen. Könnt natürlich versuchen, irgendwo auf einen Güterzug aufzuspringen, wie Balbutin damals das gemacht hat. Hätt ich den Mut dazu? Aber wo sollt ich hin? Ich hab meine Wohnung, sonst nichts.

Sie waren wieder bei mir. Ihre Fragen werden immer dringender. Wie wir das gemacht haben, wie wir uns verständigt haben. Wir haben uns nicht verständigt, wir haben das versucht, wir sind losgefahren, jeder für sich, wir haben doch nicht einmal gewusst, wohin wir fahren.

Wieso sind Sie losgefahren? Das hab ich doch schon erzählt. Erzählen Sie es nochmal.

Also hab ich es nochmal erzählt. Da waren die Gesichter an meinen Fenstern, plötzlich, wo ich auch hingegangen bin, an allen Fenstern. Ihre Gesichter. Wilde Gesichter, mit riesigen, weit aufgerissenen Augen. Die Haare der Frauen wie züngelnde Schlangen, manchmal wie schwarzes Feuer, und sie haben alle ausgesehen wie Diana. Die waren an den Fenstern, haben zu mir hineingestarrt in die Wohnung. Ich bin raus, um von draußen zu sehen, was los ist. Kaum war ich vor der Haustür, ist das losgegangen. Die haben angefangen, sich um mich herum zu drehen im Kreis, mit ihren Spinnengliedern, mit ihrem langen Tasten, und die Frauen mit ihren fliegenden Röcken, und immer schneller und schneller, auf einmal war ich wie im Zentrum eines Strudels, ich war wie mitten in einer rotierenden Konservenbüchse, glänzendes Blech, so hat das ausgesehen, und so hab ich mich auch gefühlt, wie eine Maus in einer Konservendose, und dann hat dieser rotierende Strudel aus Blech angefangen sich zu bewegen, fort vom Haus. Ich hab irgendwie noch den Mut irgendwie noch die Kraft aufgebracht, Widerstand zu leisten, ich bin zurück in’s Haus, hab mein Handy geholt, meine Schlüssel, meine Tasche mit den Papieren, und in’s Haus hinein sind sie mir nicht gefolgt, aber ich hab gesehen, wie ich alles abgeschlossen hab, dass sie wieder an den Fenstern sich drängten, und dann bin ich raus, hab meine Tür abgesperrt, und da waren sie wieder um mich rum, noch dringender als vorher, und haben mich zu meinem Wagen abgedrängt, sie haben sich bewegt, und ich hab immer zugesehen, in der Mitte von dem Strudel zu bleiben, so haben die mich weggeführt, und ich hab nichts mehr sehen können, erst als ich an meiner Wagentür stand, wusst ich wieder, wo ich war, und ich hatte nur den einen Gedanken, das geht um Ayse, worum soll das sonst gehen, seit Ayse verschwunden war, hatt ich die nicht mehr gesehen, jetzt waren sie da, und sie tobten um mich herum in heller Aufregung, also bin ich in meinen Wagen eingestiegen, und dann ging das los.

Sie sind in Ihren Wagen eingestiegen?

Sagte ich gerade.

Losgefahren?

Ja.

Aber ohne Richtung? Sie wussten nicht, wohin?

Sie sind nicht mit rein in den Wagen. Das hab ich auch noch nie erlebt, dass sie in ein Fahrzeug eingestiegen wären. Ich hab sie noch nie im Haus gesehen, und noch nie in einem Fahrzeug. Sie waren um meinen Wagen herum, immer dieser strudelnde Tanz. Und dann hat sich der Strudel vor meinem Auto hingelegt, dass er wurde wie eine Röhre. Versteht ihr, wie ein Ofenrohr. Erst, als ich zum Auto gegangen bin, war der Strudel aufrecht um mich herum gewesen, als stünd ich im stillen Auge eines Wirbelsturms. Dann, als ich im Wagen saß, hat er sich gebeugt, und dann hat der flach vor mir auf der Straße gelegen, immer in dem gleichen rasenden Rotieren. Ich hab nichts mehr gesehen, nur dieses endlos lange dunkle Ofenrohr vor mir, und ich hab meine Scheinwerfer eingeschaltet, und ich hab hineingeschaut in das Rohr, das nahm kein Ende, und ich hab verstanden, ich hab einfach verstanden, ich sollt da rein fahren, und dann hab ich diesen silbernen Faden gesehen.

Ein silberner Faden?

Dünner silberner Faden, nicht dicker als ein Spinnwebfaden, aber glänzend, so glänzend, dass mir die Augen zu tränen begannen, wenn ich hingesehen hab. Und der Faden hat sich in das Ofenrohr hinein erstreckt, und ich hab das begriffen, ich hab das einfach begriffen, ich sollt in das Ofenrohr reinfahren und dem Faden folgen, immer dem Faden. Ich hab den Motor angelassen und gleichzeitig versucht, mit meinem Handy PvM zu erreichen, und ich hatt keinen Empfang. Ich hab’s auch noch mit den anderen versucht, mit Diana, mit Amy, mit Sandra, ohne Erfolg. Und dann bin ich losgefahren.

Sie sind einfach losgefahren, ja? Blind?

Ich war nicht blind, ich hab ja was gesehen, ich hab dieses goldene Ofenrohr um mich herum gesehen, in das ich reinfahren sollt, und diesen glänzenden Faden, dem ich folgen sollt.

Sie sagen, Sie sollten fahren, Sie sollten folgen. Hat Ihnen das jemand befohlen? Haben Sie Stimmen gehört?

Kann ich leider nicht mit dienen. Ist mir klar, das wär einfacher für euch, wenn ich jetzt anfing damit, ich hätt Stimmen gehört. Aber ich hab keine Stimmen gehört. Da war dieser Wirbel um mich herum, der hat mich zu meinem Wagen gedrängt, und dann war da dieses goldene Ofenrohr vor mir, mit dem silbernen Faden in der Mitte, ich hab das alles gesehen, und es war sonnenklar, das war eine Aufforderung, und um das zu wissen, braucht ich keine Stimmen zu hören, und also bin ich losgefahren, erst ganz langsam, dann immer schneller.

Nochmal. Sie sind blind losgefahren, in den Verkehr hinein.

Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob Verkehr war um mich herum. Ich hab nur dieses goldene Rohr gesehen, und den glänzenden Faden, dem ich gefolgt bin. Manchmal hat sich der Faden in Schlingen vor mir aufgeworfen, dann hab ich einfach angehalten, und zuerst bin ich langsam gefahren, nachher wurd ich immer schneller.

Sind Sie auch mal abgebogen?

Häufig.

Woher haben Sie gewusst, wie haben Sie gesehen, dass Sie abbiegen müssen?

Mann, Leute, das Rohr hat sich gebogen! Der Faden hat sich gebogen! Ich hab diese Verzierung auf der Kühlerhaube, und ich hab bloß immer zugesehen, dass die Verzierung einigermaßen mit dem Faden in Deckung geblieben ist, und dann kam es dazu, dass das Rohr sich endlos lang vor mir erstreckte, da wurde mir klar, ich bin auf einer Autobahn, oder auf einer Landstraße, und ich hab Gas gegeben.

Sie sind also blind gefahren, und Sie haben nicht gesehen, wo Sie waren, und Sie haben den Verkehr nicht sehen können, und Sie haben Gas gegeben?

Genauso hab ich’s gemacht.

Haben Sie keine Angst gehabt?

Mir schlottern immer noch die Knie.

Haben Sie mal angehalten?

Öfter. Und dann bin ich ausgestiegen, und um mich herum war alles dunkel. Rabenschwarz. Ich hab grad am Licht von meinen Scheinwerfern erkennen können, dass ich am Rand einer Bundesstraße stand. Und dann hab ich natürlich versucht zu telefonieren. Nichts, kein Empfang. Und dann hab ich die erste Nachricht reingekriegt, von Sandra.

Sandra Zwischenwirt?

Gibt’s hier noch eine andere Sandra? Jedenfalls, dann hab ich der Reihe nach Kontakt zu den anderen gekriegt. Die waren alle unterwegs, alle. Und keiner hat gewusst, wohin es ging. Es war nur klar aus den Nachrichten, wir wussten alle, es geht um Ayse. Wir haben das einfach gewusst. Es konnt keinen anderen Grund geben. Wir waren von Anfang an die, die um Ayse herum waren, und die Besucher, die haben sich für nichts und niemanden so interessiert wie für Ayse, also, es war klar, es ging um Ayse, es konnte nur um Ayse gehen.

(Nachricht über Ereignisse vom 24.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 25.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)