Banshee Neue Folge 94

Nachricht von Amy Buchmüller

Die haben mich wieder rausgelassen, in den Garten, da ist ein ganz alter Garten hinter dem Haus, mit einem steinernen Vogelbecken, da darf ich spazieren gehen, ich krieg kaum jemanden zu sehen, im Kühlschrank ist zu essen genug, Gefrierschrank und so, ich kann mir Pizza oder Pasta heißmachen in der Mikrowelle, ich glaub, wir sind doch Gefangene, da waren wieder höfliche Herren da, die haben gefragt und haben gar nicht wieder aufgehört zu fragen, die haben alles gelesen, alles, wie ich euch das geschrieben hab, wie ich mit Mama und dem Zwerglein zur Stadtbücherei gegangen bin, und wie die da vor den Fenstern gehockt haben, das haben die alles wissen wollen, und Mama ist irgendwo, sie wär hier in der Stadt, aber wir haben erst noch Fragen, sagen die Herren, Sie müssen uns erst noch ein paar Fragen beantworten, und, ich glaub das nicht, aber die haben von Matsunaga geredet, Matsunaga Vater, mein ich, der ist in Japan verhört worden, nein, sagen die Herren, niemand wird hier verhört, aber wir haben Fragen, das verstehen Sie doch, wir brauchen Antworten.

Ich hab die bloß angeguckt. Ich hab selber keine Antworten, bloß Fragen. Was ist mit dem Matsunaga, hab ich gefragt, geht es dem gut, er schickt Geld, ich kann mich nicht beklagen, aber er schweigt, das hat er schon immer gemacht, war der schweigsame Typ, jetzt sagt er gar nichts mehr, schickt Geld für mich und das Zwerglein, das ist ja schön von ihm, dass er sich kümmert, aber könnt er nicht mal von sich hören lassen?

Darauf haben die auch nichts zu sagen gewusst, die sind nur immer wieder auf die Besucher zurückgekommen, und wie das gekommen ist, dass wir alle zusammen aus dem Haus gestürzt sind, jeder für sich, das wollen die unbedingt wissen, die glauben, da gäb es eben doch noch irgendwo Kanäle zwischen uns, wir hätten das irgendwie geschafft, an denen vorbei Verbindung aufrechtzuerhalten, und das können die sich gar nicht vorstellen, die fragen immer, wie habt ihr das gemacht, die fragen das nicht so direkt, aber die Fragen zielen immer darauf ab, wie habt ihr das gemacht, dass ihr alle gleichzeitig an der Küste angekommen seid, und wie habt ihr euch verständigt, wo ihr hin wolltet, ihr habt doch alle das gleiche Ziel gehabt, woher habt ihr gewusst, wo ihr hin musstet, woher habt ihr gewusst, wo Ayse Konopski ist, ihr habt das doch gewusst, wo sie ist, und dorthin seid ihr gefahren, alle gemeinsam, wie habt ihr das gemacht, wie habt ihr euch verständigt? wir haben uns nicht verständigt, wir sind einfach angekommen, wir sind diesem Strudeln und Drehen gefolgt, ich weiß doch auch nicht, und deshalb, das wird mir jetzt klar, haben die uns auch unsere Handys gelassen, wir sollen miteinander reden, vielleicht sagen wir was, dass die was rauskriegen gegen uns, darum geht es doch, Regina ist irgendwo, ich hab aus dem Fenster geguckt, und da ist eine schöne Villenstraße unter dem Fenster und man hört von Ferne das Meer rauschen, und irgendwo muss auch eine Straße sein, jedenfalls, ein paar Häuser weiter unten hab ich Reginas Schlachtschiff gesehen, unverkennbar, das muss ihr ein Fahrer nachgebracht haben, das Zwerglein ist bei meiner Tante, meine Mama ist hier irgendwo, ich will jetzt endlich heim zu dem Zwerglein, alles war noch so einfach, als es bloß uns gegeben hat und die Besucher, nur uns und die Besucher und Ayse, da konnten wir nach Herzenslust reden und uns aufregen, jetzt sind wir Gefangene, ich hab den Garten, aber ich darf nicht raus auf die Straße, da sind Leute am Eingang, die treiben einen ungeheuren Aufwand mit uns, denkt euch doch, wenn die jeden von uns so bewachen, wie viele Leute das braucht, und mal sagen sie, sie wären vom Bundesnachrichtendienst, dann wieder, sie wären vom Militärischen Abschirmdienst, ich weiß den Unterschied doch sowieso nicht, und es ist mir auch egal, und dann geht das mit den Fragen wieder los, die Besucher, ob die eine Bedrohung wären, nein, sag ich, wir können ja einfach durch die durchgehen, selbst wenn die uns etwas tun wollten, sie haben gar keine Kraft, sie können uns höchstens erschrecken, und überhaupt, wenn es um die Besucher geht, müsst ihr Ayse fragen, die kennt die besser als jeder andere, die ist ihre Königin, oder vielmehr, die haben sie zu ihrer Königin gemacht, aber das wisst ihr doch alles schon, wir haben uns doch endlos geschrieben all die Monate, und ihr habt doch alles gelesen, und Ayse ist doch schon in Weldbrüggen vom Geheimdienst verhört worden, und sie hat alles erzählt, sie hat Regina Austri alles erzählt, wir haben doch geredet bis zum Abwinken, mehr wissen wir nicht, bitte, wir wissen einfach nicht mehr.

Und die fragen weiter. Warum habt ihr euch nicht um Hilfe bemüht? Wie ist der Burroblast auf euch gekommen? Wie ist der Burroblast Mulkenmund mit seinen Brüdern der Neuen Erde, wie sind die auf Ayse Konopski gekommen?

Sie heißt nicht mehr Ayse Konopski, ist mir rausgerutscht. Sie nennt sich jetzt Ayse Ohnenamen. Ihr müsst sie selber fragen.

Ich will an das alles nicht mehr denken. Ich will nicht an den Burroblast denken. Wie der da lag am Strand, dieser riesige Berg aus Fett. Wie die da alle lagen am Strand, mit ihren Löchern in der Stirn, junge Kerle, jeder einzelne mit Glatze und Loch in der Stirn, wie haben die Juden das gemacht, so genau getroffen im Laufen und Feuern, ich seh das immerfort vor mir, wie die gelaufen sind, unbeirrt, in einer Reihe, wie die da zwischen den Felsen hervorgekommen sind und geschossen haben, ohne Warnung, ohne Fragen, Arm vor der Brust, rechte Hand mit der Knarre drauf gelegt, und kalt und genau nur das eine Ziel, diese Glatzenstirnen, da ein Loch reinzumachen, und am Allerwenigsten mag ich an Ayse denken, Ayse, wie die da oben stand, wie die da schwebte, hoch an der Klippe, die ausgebreiteten Arme an die Felsen gekettet, wie die da stand, nackt, und die Gischt ist bis zu ihr hochgespritzt, und sie hat auf uns runtergeguckt, ich hab das gesehen, die hat gewusst, dass sie jetzt sterben sollte, die hat das gewusst, ich will da nicht mehr dran denken.

(Nachricht eingegangen am 23.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 24.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)