Banshee Neue Folge 89

Nachricht von Peter von Mundenheim

Jonas war drei Tage im Bauch von dem Walfisch, bevor der ihn wieder ausgespuckt hat, Ayse ist nun schon fünf Tage weg, die Polizei hat sich in meinem Haus fest einquartiert. Sie waren bei Ayses Familie, die wissen von nichts, wir haben keine Tochter, wir kennen keine Ayse. Und den Konopski haben sie erwischt, in Polen. Kleinkrimineller in Krakau, hat das Ding mit Ayse inzwischen auch mit einer anderen gutgläubigen Frau gedreht, jetzt ist er wegen Bigamie dran. In Polen ist man katholisch, da kann man über sowas gar nicht lachen. Die Kriminalpolizei in Krakau ist nicht eben sanft mit ihm umgesprungen, und Regina meint, der hat mit Ayses Entführung nichts zu tun, sonst hätt der das ausgespuckt, bei den Methoden, die die dort haben.

Ja, ich hab alles noch mal gelesen. Hin und her und wieder zurück. Aber das nützt uns ja alles nichts. Was wir brauchen, ist ein Anhaltspunkt, wo ist Ayse. Wo können die sie hingebracht haben. Manchmal bin ich in heller Panik, dann wieder denk ich, das kann nicht sein, wir kriegen die wieder, lebendig.

Die vom Geheimdienst sitzen immer wieder in meinem Wohnzimmer, befragen mich nach den Besuchern, nehmen alles auf, was ich sage, und dann kommen sie wieder und haben noch mehr Fragen. Einmal ist ihnen rausgerutscht, „die Außerirdischen“, als sie von den Besuchern geredet haben, und dann gleich nochmal. Das sind keine Außerirdischen hab ich gesagt, und sie: Was dann? Hab ich auch keine Antwort gewusst. Natürlich haben die alles gelesen, was wir uns geschrieben haben, und die haben von mir ganz genau wissen wollen, was es mit dem Buch Henoch auf sich hat, und wie ich da drauf gekommen bin. Hab ich von dir reden müssen, Diana, sorry, aber das haben die ja alles schon gewusst. Ich hab Stein und Bein geschworen, ich kenn die, beide, ich kenn Diana, und ich kenn Balbutin, die wissen nicht mehr als wir. Und dann haben sie wieder damit angefangen, aber der Balbutin Hindrance, da sind Widersprüche in dem, was der sagt. Ich: Die Widersprüche sind erst reingekommen, als ihr den unter Druck gesetzt habt. Der ist immer so. Wenn der aufgeregt ist, kann der nicht mehr richtig artikulieren, weder auf Deutsch noch auf Englisch, und nachher weiß er gar nicht mehr, was Sache ist. Und die: Ja, aber da war doch schon mal so eine Unklarheit. Erst hat er gesagt, er wär über das Internet auf den Burroblast Mulkenmund gekommen. Dann hat er erzählt, der Galgenvater Mulkenmund hätt ihn in Berlin angesprochen, mehr oder weniger zufällig. Was stimmt da nun? Ich: Weiß ich auch nicht, das muss ein Missverständnis gewesen sein. Was für einen Unterschied macht das überhaupt? Sie: Wir müssen das klären. Ich: Das einzige, was ich geklärt haben will, das ist, wo ist Ayse. Und ich weiß, wenn der Balbutin auch nur die leiseste Ahnung hätt, wo die sein könnte, wo die sie hinbringen, der würde uns das sagen.

Und dann wurde es richtig peinlich, sorry, Diana, auf einmal fingen die damit an, was für ein Verhältnis hat Balbutin Hindrance zu Ayse Konopski? Er hat zugegeben, er hat sie über zwei Tage und Nächte heimlich beobachtet. Sie hat in der Nacht nackt auf einer Wiese gelegen und masturbiert, und er hat sie dabei beobachtet. Was wissen Sie davon?

Ich: Das war ihm noch peinlicher als es mir jetzt ist, wenn Sie das mit diesen Worten aussprechen. Er hatte Angst um Ayse. Er wollte auf sie aufpassen.

Sie: Wenn er Angst um sie hatte, er hatte doch ein Telefon. Warum hat er dann nicht die Polizei gerufen? Ist das normal, dass eine junge Frau mitten in der Nacht  wild draußen im Gelände rumläuft, nackt, und sich selbst befriedigt?

Ich: Normal ist an der ganzen Sache überhaupt nichts. Ich hab nicht den Eindruck, dass Sie begreifen, worum es da gegangen ist.

Sie: Erklären Sie es uns.

Ich hab das versucht, ernsthaft. Ich hab alles wiedergegeben, was Ayse uns erzählt hat, das wussten die natürlich schon, und ich hab das Bild von der spanischen Nonne hervorgeholt und denen gezeigt, kannten die natürlich auch schon, wir haben ja alles geschrieben, aber das einzige, was bei denen übrig geblieben ist von all dem, das ist diese Pornoversion, mit dem nackten Mädchen, und dem Spanner im Gebüsch. Das war der Kern, darauf sind die immer wieder zurückgekommen. Das war das, was ihnen eingeleuchtet hat.

Ich hab mich zusammengerissen, ich bin nicht ausfällig geworden. Regina hat neben mir gesessen. Der Kern ist, hab ich gesagt, Ayse ist entführt worden, die ist jetzt seit fünf Tagen fort, und wir haben keinen Anhaltspunkt, wo sie sein könnte.

Da war kein Zeichen von einem Kampf in ihrem Zimmer. Die müssen über sie gekommen sein, ohne dass sie sich noch hätte wehren können. Hätt ich ja auch gehört, so tief schlaf ich nicht.

Sie könnte freiwillig mitgegangen sein, sagten die vom Geheimdienst. Es könnten ihr Versprechungen gemacht worden sein.

Was für Versprechungen?

Dass man was wüsste über die Außerirdischen, zum Beispiel. Das war ihr doch das Wichtigste, vielleicht ist sie so aus dem Haus gelockt worden, und wenn sie erst mal drin war in diesem Transporter, hatte man leichtes Spiel.

Ich: Ausgeschlossen. Die hätte mich geweckt. Nach all den Erfahrungen, die sie gemacht hat, mit ihrer Familie, mit dem Konopski, in der Klinik, Ayse ist misstrauisch gegenüber Fremden, die geht doch nicht einfach aus dem Haus, mitten in der Nacht, wenn da irgendwelche Leute auftauchen und behaupten, sie wüssten was.

Im Augenblick, da ich das sagte, hörte ich selber, wie unglaubwürdig das klang. Ayse hat selber erzählt, wie sie im Bikini im Garten rumgehüpft ist, und dass sie das aufregend fand, beachtet zu werden. Von wegen Misstrauen.

Ich weiß selber nicht, warum ich überhaupt darüber nachdenke. Ayse ist ein Mädchen, sie ist impulsiv, sie tut mal so mal so, wie es ihr gerade einfällt. Selbst wenn sie freiwillig aus dem Haus gegangen ist, weil die sie ausgetrickst haben, mit irgendwelchen Sprüchen, es bleibt dabei, sie ist entführt worden, sonst hätte sie sich längst bei uns gemeldet. Das ist die eine Sache, die weiß ich sicher. Egal wie kopflos und impulsiv sie manchmal ist, sie wie weiß genau, das frisst uns auf, dass sie weg ist, ohne Nachricht. Das würde sie uns nicht antun, und also wird sie daran gehindert, sich bei uns zu melden.

Könnte auch sein, sagten die vom Geheimdienst, sie hat es wieder getan, was sie schon mehrfach getan hat, sie hat sich nackt vor das Haus gestellt, um sich von den Außerirdischen betrachten zu lassen, und sie ist dabei wieder in diesen Trancezustand geraten, von dem Sie berichtet haben. Dann hätte sie es vielleicht nicht einmal richtig bemerkt, dass sie weggeführt worden wäre.

Hätte plausibel geklungen, hätten die Schlapphüte das so gesagt. Aber sie haben es nicht so gesagt. Sie haben den Ausdruck „sich zur Schau stellen“ benutzt. Ich bin wortlos aufgestanden und erst mal in’s Bad gegangen, um mir kaltes Wasser übers Gesicht zu gießen. In den letzten Tagen, zwischendurch, hab ich immer mal wieder gemeint, die sind wirklich interessiert. Aber von allem, was wir erzählen, kriegen die immer nur das eine mit: Sex. Das ist immer wieder der Punkt, auf den die zurückkommen. Nacktheit Sex Selbstbefriedigung Entblößung Zurschaustellung. Die wissen nichts. Die haben von nichts eine Ahnung.

Wir haben unsere Erfahrungen, sagen die.

Natürlich habt ihr eure Erfahrungen. So wie ein Farbenblinder seine Erfahrungen hat. Alles ist schwarzweiß. Sieht er doch jeden Tag, mit seinen eigenen Augen. Da muss es doch wohl stimmen. Ich weiß, was ich gesehen hab, sagt er.

Während ich da am Waschbecken stand, hörte ich Reginas Stimme aus meinem Wohnzimmer, kalt, bestimmt, und ziemlich laut.

Die Stimmung da drin war gar nicht gut, als ich zurückkam. Aber meine ja auch nicht.

(Nachricht eingegangen am 18.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 19.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)