Banshee Neue Folge 86

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ich versuch mich hinzusetzen, immer wieder, und die Sache zu durchdenken. Denken nützt nichts. Irgendwo muss da ein Schlupfwinkel sein, dass ich rauskomm aus dem Denken, und hinüber in die Wirklichkeit, wo ich was tun kann. Wir müssen was tun, wir müssen unbedingt was tun.

Heute Morgen oder heut Nacht, gegen drei, war einer von den Schlapphüten bei mir. Staatsschutz Wahlburg-Sonderbüren. Eine Minute nach dem lief Regina ein. Kurzfassung. Der Burroblast und all die anderen, der Galgenvater und ihre Brüder der Neuen Erde, die haben die Brücken hinter sich abgebrochen. Die haben gar nicht erst versucht, ihre Spuren zu verwischen, deshalb auch überall die Fingerabdrücke hier im Haus. War denen ganz egal. Der Transporter ist gefunden worden, der mit dem polnischen Kennzeichen. War aber inzwischen das Kennzeichen ausgetauscht. Gefälscht. Alles gut vorbereitet. In der Gegend von Hannover war das, in einem Wäldchen. Die haben ihre Wohnungen verlassen. Die Muslima in Galgenvaters Wohnung war noch da. Die sagt immer nur „Ich nichts wissen ich nichts wissen“. Alle Konten leergeräumt, in Bargeld aufgelöst. Die meinen das ernst. Die Schlapphüte waren noch mal bei Balbutin, und haben den bekniet. Und ich hab selber in der Nacht noch mal nachgelesen, was der Balbutin geschrieben hat. Sühneopfer. Sündenbock. Die Geschichte aus Levitikus 16. Der Schlapphut wollte das genau wissen. Die sagen, der Burroblast und die Brüder von der Neuen Erde, die sagen die glauben, Azazel ist der wahre Gott. Die Juden haben den bloß angeschwärzt. Die Konstruktion ist, das geht seit Anbeginn der Zeiten. Seit Anbeginn der Zeiten haben die Juden der Welt eingeredet, Azazel ist Satan. In Wahrheit ist Azazel Gott, sagen sie, und der jüdische Gott ist der Böse. Das haben die Juden der Welt angetan. Daher die Verbindung mit der Gedenkstätte. Die uralte jüdische Verschwörung gegen Gott, die ist immer noch zugange. Ayse hat diese Verbindung zu Gott, also dem falschen Gott, so glaubt der Burroblast, jetzt soll sie dem Azazel zum Opfer gebracht werden, als Wiedergutmachung, das ist die Gefahr, sagte der Schlapphut, die glauben das wirklich, das sind wirkliche Gläubige, die denken, wenn sie ihrem Azazel dieses Opfer darbringen, dann bricht der Endkampf los, und zum Schluss werden sie belohnt, als die Getreuen.

Das kann alles so nicht sein, hab ich dem Schlapphut gesagt. Wenn es denen nur darum geht, Ayse umzubringen, warum haben sie es dann nicht gleich hier gemacht, an Ort und Stelle? Die haben von dem Ort geredet, wo man die Toten sehen kann, sitzend in ihren Gräbern, aber die haben nicht gewusst, dass Weldbrüggen gemeint ist, die haben von „dem Mädchen“ geredet, aber die haben nichts von Ayse gewusst.

Woher haben die von „dem Mädchen“ gewusst, und von den Toten? hat der Schlapphut zurückgefragt.

Ich: Das hat ihnen der Azazel so gesagt, Balbutin hat das doch gehört.

Er: Hat das sonst noch jemand gehört?

Ich: Nein, nur Balbutin. Die konnten ihren Azazel doch nicht einmal sehen. Schon gar nicht hören. Diese riesige Schlange. Die war in Burroblasts Büro, PF hat die auch gesehen.

Er: Ja. Und Balbutin Hindrance hat die Schlange reden gehört von „dem Mädchen“ und von den Toten, und hat das dem Burroblast weitergesagt.

Erst da begriff ich endlich, worauf der hinauswollte. Balbutin hat nichts und aber nichts mit denen zu tun, sagte ich, PF genauso wenig, wir haben alle nichts mit denen zu tun. Glaubt ihr im Ernst, wir stecken mit denen unter einer Decke? Wozu? Um Ayse an’s Messer zu liefern? Niemand will das, das ist doch eine kranke Idee, ihr glaubt das doch nicht wirklich.

Wir glauben gar nichts, hat der gesagt, wir wollen Ayse Konopski finden, lebend, und dann wollen wir rauskriegen, was hinter dieser Sache steckt, uns läuft die Zeit davon, die drüben im Reich sind auf uns aufmerksam geworden.

Wer drüben im Reich?

Der Bundesnachrichtendienst.

Ich hatte das Gefühl, mir wird der Boden unter den Füßen weggezogen.

Der BND? Was haben die damit zu tun?

Eure Besucher, sagte der Schlapphut knapp. Die Sichtungen werden mittlerweile von so vielen Personen bestätigt, ja, wir nehmen das ernst.

Personen aus eurer eigenen Behörde? fragte ich.

Der Schlapphut gab keine Antwort, und Regina rutschte unruhig hin und her auf dem Sofa. Sie saß neben mir, als wär sie meine Anwältin, neben mit auf der Couch bei meinem Klavier, ist doch egal, wo wir saßen.

Und was hat der BND damit zu tun? fragte ich. Die haben doch mit der Auslandsaufklärung zu tun.

Der Schlapphut sah mich wieder bloß an, und Regina sagte sanft, die halten es immerhin für möglich, da ist eine Invasion in Gange.

Eine Invasion? fragte ich.

Wir hatten das doch schon mal, sagte Regina. Begreif doch, die müssen das aufklären. Niemand weiß, wer die Besucher sind. Könnten, okay, könnten Außerirdische sein.

Ich lachte ihnen laut in’s Gesicht, allen beiden, Regina und dem Schlapphut. Außerirdische? fragte ich. Habt ihr sie noch alle?

Geben Sie mir eine plausible Erklärung für die Sichtungen, sagte der Schlapphut kühl.

Ich sank in mich zusammen, in meinem Leben hab ich mich noch nie so elend gefühlt. Ich hab keine, sagte ich. Und mir ist klar, Sie können die nicht sehen. Regina, sag’s ihm. Was immer die sind, die sind keine Außerirdischen.

Sie sind aber auch nicht von dieser Welt, sagte Regina, ausweichend. Wir müssen Ayse finden, wir müssen sie unbedingt finden, die haben nichts Gutes mit ihr vor, der Burroblast und die. Denk doch noch mal nach, ob dir irgendwas einfällt, irgendein Detail, die glauben im Ernst, das Ende der Welt ist nahe, die haben alle Brücken hinter sich abgebrochen, und es kann sein, die wollen ihrem Azazel ein Opfer darbringen, das höchste Opfer, um die Sache zu beschleunigen.

Das höchste Opfer. Ein Menschenopfer.

Ayse. Das hat sie doch nicht verdient. Sie ist schon genügend durch die Mangel gedreht worden, in ihrem Leben, das hat sie doch nicht verdient, dass sie so endet.

Regina nahm mich beim Arm. Wir wissen nichts. Das ist alles nur Verdacht. Die wollen irgendwohin mit dem Mädchen, du hast recht, was immer sie mit ihr vor haben, das muss an einem bestimmten Ort stattfinden, sonst hätten sie es gleich hier gemacht – was immer sie mit ihr machen wollen.

(Nachricht eingegangen am 15.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 16.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)