Banshee Neue Folge 85

Nachricht von Peter Flamm

Ich bin in Köln. Hätt nicht gedacht, dass ich diese Straße noch mal wiedersehe. Über die Brücke rüber, in Deutz. Die Polizei ist schon da. Erst haben sie mir gesagt, ich soll wieder gehen, dann haben sie gegriffen, wer ich bin, und dann wollten sie wissen wissen wissen. Die haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie waren ja auch schon bei Balbutin. Ich durfte hoch in die Wohnung. Wohnung war leer, seltsamer Geruch darin. Kann das nicht schildern. Geruch von einem Wesen, das mal da war, jetzt ist es aber fort. Ich hab denen gesagt, unmöglich, dass der Burroblast die Treppen runtergekommen ist. Ich wüsst nicht einmal, wie der zur Tür rausgekommen sein soll. Aber er ist nicht da. Der Geruch, das ist auch nicht von dem. Der hat mehr nach fettem Schweiß gerochen, und nach seinem Inhalator. Das Schlangenwesen ist auch nicht mehr da. Danach haben die von der Polizei mich immer wieder gefragt. Da wär ein Tier in der Wohnung gewesen. Ein Tier. Sie haben aber nicht genau gesagt, was sie meinen. Ich hab mich nicht lang damit aufgehalten, mich dumm zu stellen. Ja, ich hätt eine Schlange gesehen, eine riesige Schlange. Die haben ununterbrochen telefoniert, und haben sich Notizen gemacht, und da waren auch Leute, die haben das Loch nach Fingerabdrücken abgesucht, und sonst nach Spuren, ich weiß nicht. Die Beamten, die mich befragt haben, waren in Zivil. Die haben sich nicht deutlich ausgedrückt, von welcher Behörde sie eigentlich sind. Können auch Schlapphüte gewesen sein. Die haben sich ganz genau angehört, was ich zu erzählen hatte, und ich hab alles erzählt, es geht doch darum, dass wir Ayse wiederkriegen, lebend, unversehrt. Ich hab denen beschrieben, in welchem Zustand der Burroblast ist. Erstickt an seinem eigenen Gewicht. Die haben Dokumente gesammelt und weggetragen. Die hatten entweder einen Durchsuchungsbefehl, oder sie haben gesagt, Gefahr in Verzug. Die haben mir nicht viel verraten, aber bei dem Aufwand, den die getrieben haben, ist alles klar. Die glauben, der Burroblast hat Ayse. Oder sein Bruder, der Galgenvater. Die haben mich rangenommen, haben mich wieder und wieder erzählen lassen, was passiert ist, als ich hier war, was der Burroblast gesagt hat. Ja, wir haben von „dem Mädchen“ geredet. Und dann war da wieder mein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Wagen direkt in der Straße geparkt hatte, Kennzeichen für jeden sichtbar. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke. Kann sein, dass ich es war, der die auf die Spur von Ayse gebracht hat. Ich habe noch mal erzählt, wie der Burroblast von den zwei Seiten geredet hat, jeder steht auf einer Seite, hat er gesagt, auf der einen oder auf der anderen, da gibt es kein Entkommen, ja oder nein, schwarz oder weiß, falsch oder richtig!

Was hat der gesagt, haben die gefragt, wir müssen den Wortlaut wissen, den genauen Wortlaut.

Und ich hab mich erinnert. „Wie viele von euch gibt es?“ hat der gefragt. „Was weißt du? Wo ist — wo ist das Mädchen? Das Mädchen? Ist sie eine von euch? Die Verheißene? Ist sie? Wo ist sie? Ist sie bei euch? Eine von euch? Weißt du, wo sie ist? Das Mädchen? Sags mir! Raus mit der Sprache! Weißt du was von dem Mädchen???“

Und dann? haben sie mich gefragt. Was haben Sie gesagt, was haben Sie geantwortet?

Und ich musste zugeben, ich hatte geantwortet, es gibt ein Mädchen. Das hängt über mir wie eine Gewitterwolke. Ich weiß ja, ich hätt das nicht sagen dürfen, aber ich wollt unbedingt rauskriegen, was der Burroblast will, und was der weiß, vor allem aber, was der will. „Es gibt ein Mädchen“, hab ich dem geantwortet, und dann weiß ich noch, ich hab gefragt: „Warum ist dir das so wichtig?“

Und dann hat der Burroblast unbedingt wissen wollen, was sieht sie, was tut sie, und ich hab dem keine Antwort gegeben, aber ich hatte ja längst zuviel gesagt, und ich weiß noch, dass ich mich unwissend gestellt hab und gefragt, wo soll sie sein, das Mädchen, und der Burroblast hat gesagt, das Mädchen ist dort, wo die Toten sind, die Toten, die man sehen kann, wie sie in ihren Gräbern sitzen.

Wie ich das den Schlapphüten erzählt hab, oder den Polizisten oder was die waren, ist mir klar geworden, ich hab eine Spur nach Weldbrüggen gelegt, so breit wie eine Autobahn.

Ich hab doch dieses fette Schwein nicht ernst genommen! Ich war auf der Suche nach Balbutin, ich wollte unbedingt Balbutin finden, ich hab das nicht richtig verstanden, dass die hinter Ayse her sind, doch, das hab ich schon verstanden, aber ihr hättet den Burroblast sehen müssen, der kann sich doch nicht selber die Hosen anziehen, ich hab nicht begriffen, dass der eine Gefahr darstellt, ich glaub, ich hab alles falsch gemacht.

Nachricht von Peter von Mundenheim

Es war der Burroblast. Die haben Ayse. Die Polizisten sind immer noch im Haus, und ganz in der Frühe ist heute die Spurensicherung angerückt. Die haben mich gefragt, wer war außer Ayse und mir noch im Haus, ich hab gesagt, wir haben keinen Besuch gehabt, die haben gefragt, woher ich das wissen will, war ich nicht fort, am Tag, als das Gewitter kam? Ich: Ja, aber Ayse hätt mir das erzählt, wenn Fremde im Haus gewesen wären, die ist meine Haushälterin, die nimmt das genau.

Ich hab nicht gesehen, ob die mir geglaubt haben oder nicht, das war dann aber auch egal, die haben Spuren im Haus gefunden, Fingerabdrücke, an der Haustür, an der Tür von Ayses Zimmer, und dann ging alles ganz schnell, ich begreife nicht, wie die das so schnell rausgefunden haben, aber da waren Abdrücke, also, die konnten die zuordnen, das war der Galgenvater.

Der Galgenvater Mulkenmund, der Bruder vom Burroblast, und noch andere, die waren im Haus, in der Nacht muss das gewesen sein, während ich oben geschlafen habe, ich versteh nicht, wie das möglich sein kann, die waren im Haus, und ich hab nichts gemerkt nichts getan, die haben sich Ayse gegriffen, und ich hab geschlafen und nichts gehört, das muss in diesen zwei Stunden gewesen sein, zwischen zwei und vier Uhr morgens, als die Streife diesen Wagen mit dem polnischen Kennzeichen in der Straße erst gesehen hat, und dann nicht mehr, die haben den ja fotografiert, jetzt ist auch der Wagen zur Fahndung ausgeschrieben, da ist kein Zweifel mehr, die haben, was sie wollten, die haben sich „das Mädchen“ geholt.

Regina ist überall gleichzeitig, die sagt mir, es wird getan, was nur geht, ich soll Vertrauen haben. Ich verstehe nicht richtig, was passiert, ich sehe nur, dass die Polizisten immer wieder Regina Bericht erstatten, als wär sie ihre Vorgesetzte, sie nimmt diese Prärogative in Anspruch, nach der Landesverfassung, der Fons hat das Sagen in Religionsangelegenheiten, das ist immer noch die Konstruktion, das ist eine Religionsangelegenheit, und zuletzt hab ich jetzt gehört, die Fahndung nach Ayse läuft jetzt europaweit, sie muss noch auf dem Kontinent sein, irgendwo, ich begreif nicht, wie das alles passieren konnte, ich war zu sorglos, ich hätte sie nicht allein lassen dürfen, es ist doch nicht möglich, dass so etwas passiert. Entführung, einfach so. Geplanter, vorbedachter Menschenraub.

Regina schüttelt den Kopf. Du musst dir keine Vorwürfe machen, sagt sie. Wir sind es, die Vorwürfe verdienen. Wir hatten sie doch unter Bewachung, da war doch Personenschutz angeordnet. Die müssen alles genau beobachtet haben, die ganze Zeit schon. Die müssen das mitgekriegt haben, dass der Personenschutz gelockert worden ist, da haben sie zugegriffen. Die wollten sie unbedingt haben. Sie glauben an das Ende der Zeiten. Ayse hat irgendwas mit dem Ende der Zeiten zu tun.

(Nachrichten eingegangen am 14.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 15.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)