Banshee Neue Folge 84

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ich hätte nie im Leben geglaubt, dass ich das noch einmal schreiben muss, aber es ist so. Ihr wisst es ja alle inzwischen. Ayse ist wieder fort. Ich schreib euch jetzt auf, wie das alles passiert ist. Ihr habt es mitgekriegt, wir haben ja alle schon telefoniert, und die Polizei war bei euch. Bei euch allen. Egal. Ich schreib das jetzt auf.

Ich hab’s erst nicht gemerkt. Bin am Morgen aufgestanden, rausgegangen, hab nach dem Teich gesehen. Das Gewitter war so gewaltig gewesen, der ist halb voll gelaufen. Aber das hatten wir ja schon am späten Abend festgestellt. Am Morgen hab ich mich gewundert, dass Ayse noch schläft, aber ich hab mir gedacht, die ist müde, von gestern noch, die hat sich so angestrengt. Meine Schuld, ich hätt schneller reagieren müssen. Ich hab in der Küche Tee gekocht, und dann erst ist mir, im Flur, aufgefallen, dass die Tür zu ihrem Zimmer angelehnt stand. Ich hab geklopft, ich hab gerufen, und dann hab ich schon gewusst, etwas stimmt nicht. Ich hab’s nicht geglaubt, ich hab’s nicht wissen wollen, mein erster Gedanke war, sie ist wieder fort, sie hat es wieder gemacht, ich hab noch mal rausgeguckt, vor die Tür, und die Besucher waren weg, da war alles klar, Ayse war nicht im Haus. Bin in ihr Zimmer rein, das Bett war benutzt, keine Ayse.

Ich hab Regina angerufen, wir haben geredet, und ich hab gesagt, das macht die nicht, das tut die uns nicht an, sie hat fest versprochen, dass die das nicht noch mal macht, die ist nicht freiwillig weg.

Regina hat die Polizei angerufen, sie hat gesagt, da ist kein anderer Weg mehr, und die waren binnen einer halben Stunde hier. Die haben das ernst genommen. Erst haben sie mich bekniet, ob es Streit gegeben hat, zwischen Ayse und mir, irgendwelche Konflikte. Nein, da war nichts. Ich hab alles erzählt, wie das am Tag vorher gelaufen war, wie ich Ayse im Garten aufgegriffen hab, wie sie da mitten im Gewittersturm rumgehüpft ist und an ihrem Teich gearbeitet hat, und ich hab sie in’s Haus gezogen, ich hab denen gezeigt, was sie in der Nacht noch geschrieben hat, blieb mir ja nichts anderes übrig, die haben endlos Fragen gestellt, nach den Besuchern, zu meiner Erleichterung lief Regina ein, und Regina hat knapp und scharf gesagt, sie glaubt, Ayse ist entführt worden. Deshalb hatte sie ja Personenschutz.

Was war noch am Abend? Wir haben uns abgetrocknet, wir sind in trockene Klamotten gestiegen, und dann haben wir gegessen, der Gewittersturm kam immer wieder, in der Nachbarschaft haben wir Sirenen gehört, die Feuerwehr ist wohl an die dreißig Mal ausgerückt, Keller auspumpen, umgestürzte Bäume von der Straße holen, einmal ist kurz der Strom ausgefallen, kam dann aber wieder, es war das schlimmste Unwetter, das Weldbrüggen seit Jahren erlebt hat. Ja, und wir haben geredet, Ayse und ich, über den Garten, über das Haus, dies und das, nein, bitte, wir haben uns nicht gestritten.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Ayse Konopski?

Sie ist meine Haushälterin, sie wohnt hier, sie kümmert sich um alles, sie ist mehr als eine Haushälterin, wir sind Freunde. Niemals würde die einfach abhauen, ohne mir Bescheid zu sagen.

Ich war mit den Nerven am Ende, ich hab auf einmal gedacht, ich steh das nicht durch, nicht noch einmal, und dann kam ein Anruf aus der Polizeidirektion, die Streife, die nachts durchgefahren ist, die hat ein verdächtiges Fahrzeug gesehen in der Straße. Gegen zwei Uhr morgens. Da war das Unwetter schon vorbei, da hab ich schon im Bett gelegen, und Ayse doch wohl auch, ich weiß es nicht, ich steh ihr doch nicht im Nacken. Kleintransporter mit polnischem Kennzeichen. Die haben den Wagen fotografiert, das Kennzeichen fotografiert. Es kamen noch mehr Polizisten, und dann haben die die Nachbarschaft abgeklingelt. Hat jemand Besuch aus Polen? Niemand. Um vier Uhr morgens war die Streife wieder in der Straße gewesen, da war der polnische Wagen weg.   

Jetzt waren die in Alarmstimmung.

Hat sie das schon mal gemacht, war sie schon mal weg? Ja, musste ich zugeben. Sie ist aber wiedergekommen. Hat sie Verbindungen nach Polen? Ja. Ihr Mann ist Pole. Nein, die leben getrennt. Kann das sein, dass der gekommen ist, sie zu holen, ist sie freiwillig mitgegangen? Nein, ausgeschlossen, die will nichts mehr von dem wissen. Das Haus war auf einmal voll von Polizisten. In Ayses Zimmer haben die ihr Handy gefunden, ihren Personalausweis, all ihre Klamotten waren da, alles. Zwischendurch muss ich mal grau ausgesehen haben im Gesicht, da war plötzlich ein Sanitäter, der hat auf mich eingeredet. Nein, mir geht’s nicht gut. Dann war ich wieder bei mir und hab den abgeschüttelt, den Sanitäter. Ich muss was tun. Sie können gar nicht tun, ist mir gesagt worden. Die ist nicht freiwillig weg, die hat nichts mitgenommen. Fahndung ist raus. Wir haben die zur Fahndung ausgeschrieben.

Fahndung. Verdacht auf Straftat. Burroblast. Ich fing an, von dem Burroblast zu erzählen. Inzwischen waren aber Kriminalbeamte da, die kannten den Vorgang. Deshalb hat Ayse ja unter Polizeischutz gestanden!

„Geht, sucht den Ort, da die Toten aufrecht sitzen in ihren Gräbern, und warten auf das Ende der Zeit, geht und sucht das Mädchen, das sammelt die Scharen. Sucht das Mädchen! Bringt das Mädchen zu mir, zu Azazel, schickt heraus zu mir das Mädchen, das ist euer Auftrag.“

Sorry, Balbutin, sorry, Diana, dass die Kriminalpolizei bei euch war, ich hatte nicht einmal Zeit, euch vorzuwarnen, aber Balbutin hat das alles gehört, bei dem Burroblast.

Das ist doch das erste, hab ich gesagt, wir müssen in Köln gucken, in Deutz, bei dem Mulkenmund.

Lassen Sie uns machen, bekam ich gesagt. Wir wissen, was wir tun.

Und wenn sie es doch wieder gemacht hat, ist raus in die Wälder gerannt? War vielleicht stärker als sie!

Regina sagt, nein, die macht das nicht noch mal, das hat sie fest versprochen.

Weiß ich ja auch.

Telefon. Die haben eine Fangschaltung eingebaut in mein Telefon. Elektronisch. Falls sich jemand meldet. Nein. Wenn das der Burroblast war, dann wollen die kein Lösegeld. Die wollen Ayse, die wollen sie auch nicht wieder hergeben, aber ich weiß nicht, was die mit ihr wollen. Oder von ihr wollen. Die glauben, das Ende der Zeiten ist da, und wenn sie Ayse haben, wenn sie das Mädchen besitzen, dann sind sie Sieger, in der Endzeit, oder sowas.

Wenn das der Burroblast war, ich weiß doch auch nicht. Regina sagt, ich muss mich beruhigen. Ich kann mich nicht beruhigen.  

(Nachricht eingegangen am 13.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 14.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)