Banshee Neue Folge 83

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Also ich hab’s wirklich hingekriegt. Es gibt ja so Siegmeldungen, von denen glaubt man nicht, dass man sie jemals hinschreibt. Heute Morgen bin ich aufgewacht, und mir ist eingefallen, siedendheiß: Und was, wenn es jetzt regnet? So richtig? Dann rutscht die Grube doch in sich zusammen, mit allen ihren Terrassen und so!

Wieso wieso wieso hab ich daran nicht gedacht? Ich bin sowas durch’s Haus gefetzt, PvM ist aufgetaucht und hat gefragt, was ist los, ich hab’s ihm gesagt, und natürlich ging draußen der Tag verhangen, so richtig schwülwarm gewittrig, und ich hab die Wolken angeguckt, als wären sie meine persönlichen Feinde, PvM hat sich bemüht, ein todernstes Gesicht zu machen, und ich hab ihm Tee gekocht, und mein Bikini war auch wieder sauber und trocken, und sogar wieder weiß, toll, was die Waschmittel heutzutage leisten, ich hab mir das Teil schon vor Jahren gekauft, nachdem ich aus der Klapse wieder raus war, ich hab mir das beim Versandhändler gekauft, hätt damals nicht den Mut gehabt, in ein Geschäft zu gehen und mir sowas von der Stange zu holen, ich hätt Angst gehabt vor den Blicken, Blicken der anderen Kundinnen, Blicken der Verkäuferinnen, das ist doch eine Kopftuchmaus, was will die mit einem Tanga, und ich hab selber nicht gewusst, was ich damit wollte, hab das edle Päckchen in den Kleiderschrank geschoben, hinter die Wäsche, und es war immer da, es war noch da, als PvM kam und mich einkassierte, es wanderte mit nach Weldbrüggen, ja, und als ich die Sache mit dem Teich angefangen hab, da ist mir das weiße Fitzelchen Stoff wieder eingefallen, und jetzt spazieren die Nachbarn am Gartenzaun vorbei, um einen Blick auf mich zu riskieren.

Ich bin also wieder raus, hab mir die Haare im Nacken zusammengebunden und hab verbissen weiter in der Grube nach bösen Steinen und so gesucht. Ich hab Nägel gefunden und mehrere Knöpfe und einen halben Ziegelstein und eine ganz komische Münze, also Leute, wenn ihr glaubt, in der Erde wär Erde und nichts sonst, dann geht mal raus und grabt, ihr werdet staunen. Bloß Gold hab ich nicht gefunden, damit hätt ich PvM wirklich gern überrascht, denn der bezahlt ja alles, was ich mir hier ausdenke.

Jedenfalls, bis zum Mittag bin ich fertig geworden. PvM war oben in seinem Schlafzimmer und hat ein Nickerchen gehalten, für mich als Haushälterin ist der Mann pflegeleicht, der gönnt sich eine Mahlzeit am Tag, ernsthaft, eine einzige Mahlzeit, zum Frühstück kriegt der eine große Kanne schwarzen Tees, mal mit Milch, mal mit Zitrone, wie‘s ihm einfällt, und das war‘s, am späteren Nachmittag fährt er gern raus zur Bibliothek, oder was er sonst so vorhat, und am Abend kriegt er zu essen, da koch ich. Eine Mahlzeit am Tag, der will nicht mehr der braucht nicht mehr. Er sagt, mit vollem Magen kann er nicht arbeiten, mit arbeiten meint er seinen Schreibtisch. Und auch wenn er an seinem Klavier sitzt, will er Tee haben, aber nichts zu essen. Ich hab mir überlegt, ich kauf ein kleines silbernes Glöckchen, dass er nach mir läuten kann, wenn er was will, aber das würd der niemals machen, wenn ich dich brauch, sagt er, dann komm ich und guck, wo du bist.

Der Tag war so warm, ich hab kaum Luft gekriegt. Schwere blaue und graue Wolken, und immer wieder sind mir die Schwalben über den Kopf gesaust, obwohl ich doch unten in der Grube stand. Einmal erschien der Kopf von PvM über dem Rand, ich müsst zur Uni, sagte der Kopf zu mir runter, bist du sicher, dass du zurechtkommst? Ich bleib da und helf dir, wenn du willst.

Nein, hab ich gesagt, aber ich komm raus und fahr dich, wenn du willst.

Das geht immer so bei uns, bis wir sowas mal ausgehandelt haben! Aber er ist dann weggefahren, und ich hab hektisch weitergemacht, und von Westen her, vom Bürener Forst, sind die Wolken immer dunkler gekommen, natürlich gibt das ein Gewitter, hab ich gedacht, und ich hab mich um und um gedreht in der Grube und hab die Erde festgeklopft, wo ich drauf rumgestiegen bin, und dann bin ich raus und bin an die Rollen gegangen, die Matten und die Plane.

Also die Gärtnerei hatte alles hochprofessionell vorbereitet, die drei Rollen waren beschriftet, und richtig, an den Kanten waren Zettel, ich hab sofort gewusst, wie die Teile zu liegen kommen müssen. Die untere Matte war schwer, aber nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Ich ließ sie eingerollt und zog sie nur an den Rand der Grube, und über den Himmel rollten wildwuchernde Wolken, Tinte und milchweiße Spritzer bunt gemischt, und die Tinte war mal königsblau mal finsterschwarz, und ich dachte nur noch, machmachmachmachmach.

Kaum zu glauben, aber ich hatte alles richtig gemacht. Natürlich deckte ich mich erst mal fast selber zu, als ich die Matte zu mir in die Grube runter zog, aber dann fasst ich Mut und trat drauf, und die hielt mich aus, und ich rückte und schob, bis ich die tiefste Fläche in die tiefste Stelle der Grube reingebracht hatte, es gab richtig ein Plopp! und das Ding passte, ich wollte es gar nicht glauben, ich stellte mich da rein und legte die Matte nach allen Seiten auseinander, also Leute, das war ein Gefühl, das Teil faltete sich auseinander wie ein Blüte im Frühlingsregen, und legte sich perfekt auf die schrägen Wände und auf die Terrassen, und ich tanzte darauf herum und trat alles schön fest, und auf einmal sah alles schön klar aus und konturiert, das hatte auf einmal alles Fokus und Form, ich kann das gar nicht sagen, die Treppen in der Matte schmiegten sich an die Terrassen in der Erde an, als müsste es so sein, na ja, so musste es ja auch sein.

Ich kletterte raus und setzte mich an den Rand und ließ die Beine runterhängen und guckte mir das alles an und bewunderte es, aber dann wurde mir klar, ich hatte keine Zeit, da kamen Windmädchen getanzt, dass sich die Bäume bogen, und ich bin hoch und hab mich beeilt, also ich glaub, so konzentriert und Zug um Zug hab ich noch nie was gemacht.

Die Plane war genauso zugeschnitten wie die Grundmatte, und ich hab wieder alles genauso gemacht, hab die eingerollte Plane an den Rand gezogen, bin runter, hab gezerrt, aber diesmal vorsichtiger, hab den Rand zu mir hin eingerollt, bis der tiefste Boden zum Vorschein kam, den hab ich eingepasst, bin reingetreten, und dann passierte wieder alles wie von selbst. Ich hatte gedacht, nachdem die Sache so gut angefangen hat, geht jetzt alles schief, aber ich hatte Glück, alles passte, da waren eine Menge Falten, ich zog und legte glatt, trat mal dahin mal dorthin, ich bin doch bloß ein Mädchen, aber ich kriegte das hin, ganz allein, auf einmal war die ganze große tiefe Grube sauber ausgekleidet, und die Falten waren weg, jawohl, und die graublaue dicke Plastikplane lag in der Grube so glatt, dass man hätte denken mögen, der Grund drunter, das wär betoniert, so glatt glänzte das alles, so glatt und vor allem so genau, alle Konturen sauber und scharf, und ich kriegte den ersten Tropfen ab, dick und schwer und blau.

Ich hab sowas von robotet, ihr könnt euch das nicht vorstellen. Die Deckmatte war dünner als die untere, jetzt bloß nicht hektisch werden, dachte ich, wenn du das Teil jetzt zusammenknüllst, kriegst du das nie wieder sauber auseinander. Aber die Tropfen klatschten schon, und dann sauste es in den Bäumen, und es begann zu blitzen. Ich dachte, wenn das richtig regnet, rutscht die Matte nicht mehr auf der Plane, und ich krieg die nicht mehr richtig ausgelegt, mach Ayse mach, und ich zog und hüpfte, als hätt ich Flügel, und brachte das Teil runter in die Grube und redete ihm gut zu, und wieder war da ein guter Geist zu Werke, und natürlich, weil die so gut vorgearbeitet hatten in der Gärtnerei, und das Teil breitete sich gehorsam aus, Ecke auf Ecke, Kante auf Kante, und dann, also ich sag euch, dann ging die Schlammschlacht los.

Ich hatte mir am Rand einen ganzen Haufen Ziegelsteine bereitgelegt, um die Ränder zu beschweren, oh Mann, das war schlau gewesen, denn jetzt fuhr der Wind rein, und dann begann es zu schütten. Egal, ich war im Bikini, ich mach das jetzt, rief ich, und meine Fans waren im Gewittersturm blasse Schatten, als würden sie schwimmen, die störten sich gar nicht an den Windstößen und an den Güssen, das ging alles durch die durch, aber ich, ich bekam es richtig ab. Es drosch und peitschte mir richtig auf die Haut, da über mir drehte einer die ganz ganz große Dusche auf, ich hatte den Bodengrund für die tiefste Stelle vorbereitet, du musst jetzt runter, Erde und Sand und runde Steinchen, schön gemischt, ich füllte Eimer um Eimer und trug die Eimer runter in die Grube und leerte sie aus und stolperte wieder hoch, über die Leiter, die ich wieder ausgelegt hatte, und ich kriegte keine Luft mehr und der Regen lief mir in die Haare und in die Augen und in die Nase und in den Mund, ich sah kaum noch was, ich kriegte keine Luft mehr, ich schaufelte Erde und trug Eimer und das Wasser rollte in Bächen über mich, und dann krachte der erste Donner, ziemlich direkt über meinem Kopf, ist das eine gute Idee, keuchte ich, nacktes Mädchen frei in der Landschaft mitten im Gewitter, egal, jetzt war ich mal dran, und ich legte noch mehr Steine auf die Planenränder, denn da und dort fingen die unter den Windstößen schon an zu wackeln, und dann schüttete ich weiter Erde nach unten, und der Regen schmeckte so rund und blau in meinem Mund, und ich sah nichts mehr, und die Erde trank das Wasser, und aus der Erde wurde Schlamm das unten, und ich trat drin rum, aber sobald ich rausstieg, spülte der Regen gleich alles wieder von mir ab, und ich schaffte es, ich brachte die ganze Erde runter in die Grube, alles, und die riesige Dusche drosch über mich weg, in warmen Strömen, und plötzlich packte mich ein Hand am Oberarm und schüttelte mich und schob mich weg von der Grube zum Haus hin, eine Schattengestalt im Regen, wortlos, das war PvM, und als wir im Haus waren, triefte er genauso wie ich, nur dass er angezogen war, und er sagte immer noch nichts, sah mich nur an, bevor er in’s Bad stürmte, um seine nassen Klamotten vom Leib zu kriegen, der Blick hatte gesagt: Kann man dich nicht mal für eine halbe Stunde allein lassen?

(Nachricht eingegangen am 12.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 13.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)