Banshee Neue Folge 81

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Ich hab mit PvM darüber geredet. Dieser Unterschied. Ob dich jemand fixiert mit starrem Blick, höhnisch und zurückweisend, enge Pupillen, kalt, ablehnend, oder ob er dich anguckt mit weit offenen Augen, interessiert, weite Pupillen, weil ihm gefällt, was er sieht, und er kann gar nicht anders, als dich anzusehen. Das ist ein Unterschied, natürlich ist das ein Unterschied. Der eine will dich niederstarren, der andere kann gar nicht genug bekommen von deinem Anblick. Ich hab das nie unterscheiden können. Wenn mich jemand angesehen hat, hab ich das immer als Drohung empfunden. Und wenn der dann noch dabei gelächelt hat! Hab ich immer gedacht, das ist höhnisch, das ist verächtlich, der lacht mich aus. Oder die.

Bei meinen Fans … das war anders. Das war zum ersten Mal anders. Die haben mich angeguckt, und ich hab begriffen, die wollen was von mir. Ich hab die Bitte gesehen in dem Blick. Ja, ich hab Angst davor gehabt. Weil ich doch bis heute nicht weiß, was die eigentlich von mir wollen. Doch, die wollen mich ansehen. Was soll das? Ich hab mich dran gewöhnt. Die wollen mich einfach ansehen. Das ist ihr ganzes Glück. Oder doch nicht? Die warten vertrauensvoll, dass ich was tue. Irgendwas, was ich tun kann und was nur ich tun kann. Die gucken mich an und denken, wir haben Zeit, früher oder später kommt die drauf, was sie tun soll, oder tun kann, und dann macht die das. Die haben Vertrauen zu mir. Die warten.

PvM sagt, ich soll vorsichtig sein. Wir wissen nicht einmal, aus welcher Sphäre die zu uns reingucken. In SF-Filmen heißt es gern, aus welcher Dimension. Egal. Vielleicht gucken die aus einer Welt zu uns rein, in der hat die Zeit nicht dieselbe Bedeutung wie bei uns. In der Bibel heißt es von GOtt, tausend Jahre sind vor ihm wie ein Tag, und eine Nachtwache. Wer weiß, ob das nicht vielleicht für die Besucher ähnlich ist. Vielleicht rechnen die in langen Zeiträumen.

Aber auf jeden Fall … für die bin ich das Gute in der Welt. Von mir wird das Gute für sie kommen, das wissen die das glauben die. Deshalb gucken sie mich so an aus ihren weit offenen Augen, wie ein Säugling seine Mutter anguckt. Ich hab das mal gesehen, so ein kleiner Glatzkopf, der an der Brust seiner Mutter genuckelt hat. Hat seiner Mutter dabei direkt in die Augen gesehen, und sie hat zurückgeguckt, und sie hatten beide weit offene Augen, mit runden offenen Pupillen, und genauso gucken mich die Besucher an. Ich bin die, von der das Gute kommen wird.

Die lieben dich, sagt PvM, die hoffen auf dich.

Und wenn sie sich irren? hab ich gefragt.

Und er hat mich auf seltsame Art angesehen, und hat gesagt: Die irren sich nicht. Regina und ich, wir haben beide dieses Licht gesehen, das von dir ausging. Das Licht der Straßenlaternen hat sich verbogen. Wir haben das gesehen. Da ist was mit dir, das unterscheidet dich von anderen Menschen.

Jetzt steh ich wieder am Teich, oder an dem, was einmal ein Teich werden soll, und denk da drüber nach. Vielleicht bin ich doch einfach ein Freak? Der das Licht der Straßenlampen durcheinanderbringt? Vielleicht sollt ich damit im Zirkus auftreten? Dann hab ich an die Nacht gedacht, die Nacht auf der Wiese, und ich weiß, GOtt hat mich in den Armen gehalten. Ich weiß das. Seit dieser Nacht weiß ich das, GOtt liebt mich. Also bin ich kein Freak.

Ich hab wieder an PvM gedacht, wie der laut überlegt hat, die Besucher leben in einer Welt, da können sie GOtt nicht mehr sehen. Vielleicht können sie nicht einmal mehr beten. Ayse ist nahe bei GOtt, also versammeln sie sich um sie und beten sie an, wie ein junger Kerl seine Liebste anbetet, denn sie erkennen das Licht, das von ihr ausgeht. Abglanz GOttes. So wie der Mond das Licht der Sonne widerspiegelt.

Die leben in einer Welt, da können sie die Sonne nicht mehr sehen. Es ist finster, aber dann geht der Mond auf, silberne Scheibe, und glänzt und spiegelt im Licht der Sonne. Der Mond, das bin ich. Und das Licht, das ich widerspiegele, das ist der Blick GOttes. Natürlich gucken sie hin. Ich bin vielleicht das einzige Licht in ihrer Welt.

Warum ich, warum ausgerechnet ich?

Da draußen auf der Straße laufen zuweilen Leute vorbei, und natürlich gucken die sich auch mal ein bisschen nach mir um, nach meinem runden Hintern, denn ich tänzle wieder im Bikini ums Haus, wir haben um zehn Uhr morgens schon dreißig Grad. Die Besucher kümmern sich gar nicht drum, die hängen mit ihren Blicken an mir. An mir an immer an mir. Was immer geschieht, die gucken mich an mit ihrem weit offenen schwarzen Augen, als wollten sie auch noch das letzte Fünkchen Licht auffangen, das von mir ausgeht.

Und mir, mir macht das gar nichts mehr aus. Das war doch gestern erst, da hab ich mich weggeduckt, wenn mich jemand angeguckt hat, da waren alle Blicke mein Feind. Da hab ich zu Boden geguckt und das Kopftuch fester gezurrt. Jetzt sitzen sie um mich rum und gucken mich an, hingerissen, und ich mach einfach, was ich mach. Schließlich, die haben mir ja schon beim Pinkeln zugeguckt, und waren fasziniert davon.

Es sind Hunderte jetzt, sie sind überall, sie springen von Dach zu Dach wie riesige Fledermäuse, oder von den Baumkronen hinunter in die Wiesen, sie sind in Bewegung, aber nicht aufgeregt. Eher, um mich in aller Ruhe mal von dieser Seite, mal von jener angucken zu können. Ich hab alle Zeit der Welt, mir auszudenken, was das sein könnte, was die von mir wollen.

Denk einfach nicht drüber nach, sagt PvM. Grübeln bringt da nichts. Der richtige Einfall kommt dir, wenn du am wenigsten dran denkst.

Und ich denk an den Teich, und immer wieder fällt mir dabei die ungeheure Rose ein, die ich in der Kathedrale gesehen hab, und hinter der Rose dieses weltenweite tobende Meer aus Licht, und die Rose ist wie das Fenster eines Aquariums, das verhindert, dass dieses gewaltige Meer aus Licht zu uns hereinkracht und alles überspült und wegschwemmt, das kleine Leben, an dem wir so eifrig basteln, so  wie ich an diesem neuen Teich bastle.

Ich mach jetzt einfach, wie PvM gesagt hat, immer weiter, immer ein Schritt nach dem anderen.

(Nachricht eingegangen am 10.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 11.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)