Banshee Neue Folge 80

Nachricht von Ayse Ohnenamen

Merkwürdigerweise sind meine Fans nie eifersüchtig. Die gucken fasziniert zu, was ich mache, und was ich mache, das ist denen ganz egal. Ob ich mit einem Nachbarn am Gartenzaun stehe, oder mit den Katzen rede, oder in der Erde buddele – sie finden alles interessant.

Und niemals wird denen das langweilig. Niemals wird denen das zuviel, vor dem Haus abzuhängen und drauf zu warten, dass ich rauskomm. Manchmal setz ich mich hin auf die Treppe und guck die mir an, und dann frag ich halblaut, was wollt ihr eigentlich?, und dann hör ich nur das Wispern in den Blättern, das ist der Wind, und die sehen mich an, und ich denk, ihr seid so alt, so furchtbar alt, selbst die schönen Frauen sind alt, aber die Männer, in ihren schwarzen Kleidern, mit ihren Spinnengliedern, wie sie hastig manchmal die Hauswand hochrennen, senkrecht nach oben, die sind aus einer Zeit vor der Zeit, und ich weiß ja, ich kann durch die durchlaufen, also nehm ich mal an, die könnten umgekehrt genausogut durch Wände gehen, warum tun sie’s dann nicht, warum wiegen sie sich auf den Baumästen wie Vögel auf der Stange, warum tragen sie überhaupt Kleider, und vielleicht gibt es für die gar kein Warum, vielleicht haben die keine Wahl, ich hab ja auch keine Wahl, ich mach einfach was ich mach, tänzele hier im Bikini im Garten rum, weil es mir gefällt, beachtet zu werden, ich könnt das auch lassen, ich kann es nicht lassen, warum tut einer überhaupt, was er tut.

Ich bilde mir ein, sie drängen sich nicht mehr so dicht zusammen wie früher. Andererseits halten sie zu mir kaum noch Abstand. Sie hocken überall rum, im Kreis um mich rum, und sehen mir zu. Ich kann eigentlich nicht sagen, dass sie mich anstarren, wie die Menschen ein Tier im Zoo anstarren, wie ein Objekt. Sie sehen mir zu, wie Kinder. Wie eingeschüchterte Kinder, die warten, was macht das Wesen da als nächstes. Ich hab, wie soll ich sagen, ich hab … Scheiße, warum ist das alles so schwierig, warum wird das alles immer gleich so persönlich. Also. Ich hab immer Schwierigkeiten damit gehabt, angeguckt zu werden. Angeguckt zu werden, das war für mich immer eine Drohung. Das war nie was anderes als eine Drohung. Wenn ich in meiner Familie angeguckt worden bin, war das immer ein Wutfunkeln. Die waren gewohnheitsmäßig empört, wenn sie mich anstarrten, die kannten das gar nicht anders, stechende Pupillen. Und in der Schule bin ich angestarrt worden, da kommt sie wieder, die mit dem Kopftuch. Und die anderen Mädchen haben getuschelt, und dann ging das Gepruste los. Und ich hab mich weggeduckt, unter dem Kopftuch. Wenn die Frau Lehrerin mich angeguckt hat, dann wollte die Antwort, und ich hab zu Boden geguckt. Weil, jemanden angucken, das ist Macht. Die hatten alle Macht über mich, aber ich, ich durft keine Macht haben, ich durft niemanden angucken, nur die mich, und wenn die mich angeguckt haben, hab ich weggeguckt. Meistens zu Boden. Wenn der Konopski mich angeguckt hat, das war das erste Mal, dass ich gedacht hab, wenn der mich anguckt, das ist, weil,  dem gefällt, was er sieht. Als ich dann mit dem Kopf aufgeklatscht bin, auf dem Pflaster vor dem Haus, da war das, als wär ich aufgewacht. Ich war voller Träume gewesen, voller Hoffnungen, und dann gab es diesen splitternden Knall, und mein Schädel zerbarst in tausend Stücke, und ich wusste, da ist keiner, der dich liebt, du lebst in einer Welt, da bist du nur Dreck.

Und dann sind die gekommen, und wurden immer mehr, und standen unter meinen Fenstern, und haben drauf gewartet, dass ich rauskam. Und auf einmal stand ich nackt auf der Straße, mitten in der Nacht, und hab mich ansehen lassen, hab mich einfach nackt hingestellt, und die konnten nicht genug von mir bekommen, von meinem Anblick, ich weiß nicht, was das ist, ob das Liebe ist oder Bedürftigkeit, oder ob es da überhaupt einen Unterschied gibt, mal im Ernst, wer weiß schon, was Liebe ist. Ich meine, wenn ihr liebt, wisst ihr das, ihr wisst, dass ihr liebt, aber was das jetzt ist, was das bedeutet, Liebe, wer kann das schon sagen. Also, die hängen hier rum, und das eine weiß ich, die können nicht ohne mich die wollen nicht ohne mich.

Und dann kam PvM. Der guckt mich auch an, und wirklich, der hat mich jetzt schon in allen Lagen gesehen, der hat mich gefüttert, der hat mich gewaschen in der Badewanne, der guckt mir zu, wenn ich durchs Haus fetz, der hat mich festgehalten, wenn ich an seiner Schulter schluchz, der hat mir die Nase geputzt, der redet zu mir, der erzählt. Und der guckt mich an, und ich hab keine Angst davor. Ist mir erst gar nicht aufgefallen. Aber ich hab auch keine Angst davor, wenn Regina mich anguckt, obwohl die wirklich furchterregend ist. Respektsperson. Ich hab noch nie jemanden gesehen, auf den das Wort so passt wie auf die. Wenn die auftaucht mit ihrer silbernen Mähne, dann gucken alle, was macht die jetzt. Aber wenn ich die anguck, ich weiß einfach, die will, dass es mir gutgeht. Und bei PvM ist das genauso. Ja, das ist sein Blick. Wenn der mich anguckt, da ist eine Frage in seinem Blick, und die sagt: Geht es dir gut, ja? Der will das wirklich. Auf einmal sind Leute um mich rum, die wollen einfach bloß, dass es weitergeht mit mir, und dass es gut ausgeht mit mir. Warum eigentlich. Was hat sich geändert.

Ich hab kein Kopftuch mehr auf, höchstens noch, wenn ich oben auf dem Speicher saubermach. Und ich lauf barfuß durch die Stadt, wenn mir das gefällt. Und ich steh im Bikini am Gartenzaun und guck nach den Nachbarn. Und in der Nacht auf der Wiese, in dieser Nacht, hab ich nackt gelegen im Schoß von einer von den schönen Frauen und hab die Finger zwischen meinen Beinen gehabt, und sie haben mir alle zugesehen dabei und haben mich stöhnen gehört, und es hat mir gefallen. Ich hab es geliebt.

Ich weiß, was sich geändert hat. Ich hab mich geändert.

(Nachricht eingegangen am 09.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 10.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)