Banshee Neue Folge 78

Nachricht von Ayse Konopski

Die Katzen fassen das gar nicht, was da draußen im Garten abgeht. Sie streichen rum und schnuppern an allem, und das hat eine Weile gedauert, bis sie sich in die neue Grube runtergetraut haben, mit der frischen feuchten Erde. Erstmal haben sie lange am Rand gesessen und nur geguckt. Die haben geguckt, als warteten sie, ob da noch mehr passiert.

Und natürlich passiert immer noch mehr. Gleich heute früh kam ein Alter aus der Nachbarschaft, der hatte Maschinen, die haben sowas von Krach gemacht … die Katzen sind abgehauen, schon als der angerückt kam. Er hat die Maschinen hinter sich her gezogen, und auf dem Rücken getragen, der sah richtig aus, als wollt er in den Krieg ziehen. Was er auf dem Rücken getragen hat, das war eine Kettensäge, und was er hinter sich hergezogen hat, das war, also das nennt man eine Häckselmaschine.

So ausgerüstet, kam er die Straße runter und ist in den Vorgarten eingelaufen. Ich bin der Halsermartin, hat er gesagt zur Begrüßung, ich wohn hier nebenan, und du bist wohl die kleine Freundin vom Peter, ja …

Das war nicht als Frage gemeint, sondern als Feststellung, und ich hab mal nichts gesagt, und der hat auch nicht mehr viel gesagt, sondern sich an’s Werk gemacht, der Halsermartin.

Zunächst hat der seine Kettensäge geschwungen, und hat die ausgerissenen Oleanderbüsche kleingemacht, da hat man erst mal gesehen, da waren schon viele abgestorbene Zweige drin, die hätten sowieso nicht mehr lang gehalten, und ich hab mir zunächst eingebildet, die könnt man doch zum Mulchen verwenden, da seht ihr, wie wenig Ahnung ich hab, die sind total giftig. Deshalb hat der Halsermartin auch Handschuhe getragen, und dann hat er sich sogar noch ein Tuch um die Nase gebunden, und hat den Grobschnitt in die Häckselmaschine gegeben, so einen Lärm hab ich noch selten gehört, und am Stutzen von der Maschine hat er einen dicken Plastiksack nach dem anderen angebracht, die wurden schnell voll, und dann hat er die oben abgebunden, nach zwanzig Minuten war alles fertig, die ausgerissenen Büsche hatten als hoher Haufen dagelegen, und der war jetzt weg, als hätte es ihn nie gegeben.

Der Halsermartin ist auch weg, hat seine Maschinen hinter sich hergezogen, und ein paar Minuten später kam er mit einem kleinen trötenden Lieferwagen vorgefahren, da haben wir die abgebundenen Säcke hinten auf die Ladefläche hoch gehoben, ich hab natürlich geholfen, ich wollt nicht dumm rum stehen, und dann ist er weg gefahren, der Halsermartin, und ich bin zurückgeblieben und hab mir das alles angeguckt.

Ich hab ziemlich lange geguckt, und die Katzen waren weg, und ringsum auf den Dächern und auf der anderen Straßenseite saßen die Besucher und guckten mir beim Gucken zu.

Mir wurde was klar. Die ganze Ecke vom Garten war jetzt leer. Die alten Oleanderbüsche waren hoch gewesen, hatten bis zu den Fenstern im ersten Stock hoch gereicht. Das war jetzt alles weg. Alles kahl. Und im Boden war diese sauber ausgefräste Grube, für den Teich. Und zur Straße hin werd ich vorne und an der Seite Schilf pflanzen, das hab ich mir ja vorgenommen, und das soll hoch werden, so hoch, dass PvM und ich am Haus auf der Bank sitzen können, ohne dass wir von der Straße aus gleich gesehen werden können, so soll das werden, versteht ihr, so denk ich mir das, wir werden da sitzen und auf den Teich gucken, und hinter dem Teich ist das hohe Schilf, so dass wir uns gut einbilden können, hinter dem Schilf geht das so weiter, da ist Sumpf oder Wiese, nasse Wiese, oder gar Wald, jedenfalls keine Straße.

Ich hab mir das so lebhaft vorgestellt, dass ich das richtig gesehen hab, aber dann hab ich ein oder zwei Mal gezwinkert, und da war das alles weg, und nur noch kahler Grund, und die Grube, und der Gartenzaun, den hatte man vorher vom Haus aus gar nicht gesehen, da hatten ja die Oleanderbüsche davor gestanden, und ich sah, der konnte auch mal wieder einen Anstrich vertragen.

Also, was mir klar geworden ist. Ich stell mir was vor, ich hab Pläne. Und ich hab richtig angefangen, was draus zu machen. Und als erstes Ergebnis ist da mal – abgeräumte Fläche. Grube in der Erde, und sonst alles kahl. Das hatt ich mir nicht so vorgestellt. Ich hatte die alten Büsche gesehen, und dann den Teich. War mir schon klar, dass der Teich richtig Arbeit kosten wird, und dass das seine Zeit dauern wird, bis alles so ist, wie ich mir das vorstell. Aber dass das erstmal so kahl aussieht, das hatt ich doch nicht gedacht. Ich hab ein bisschen ein schlechtes Gewissen gegenüber PvM, weil der bereitwillig so alles durchwinkt, was ich nur will.

Ich muss mich anstrengen, da jetzt was draus zu machen.

Wenn man was Neues will, muss man die alten Sachen erst mal wegräumen. Ich weiß, es gibt Frauen, die freuen sich dran, wenn alles kahl und platt gemacht ist und alles schön sauber und aufgeräumt aussieht. Und ich hab jetzt entdeckt, zu denen gehör ich nicht. Ich hab’s schon gern aufgeräumt, aber es ist auch gut, wenn überall Sachen sind. Ich hab’s nicht so mit leeren Ecken, hab ich auf einmal gemerkt, ernsthaft, das hab ich vorher nicht gewusst von mir. Aber es stimmt. Wenn ich irgendwo eine leere Ecke sehe, dann denk ich dran, da könnt man doch eine Bodenvase hinstellen, oder einen Zeitschriftenständer, oder einfach einen Hocker, egal, oder einen Kratzbaum für die Katzen! – als ob die das interessiert, die wetzen sich die Krallen an den Sesseln, kannst du sagen, was du willst.

Und jetzt hab ich also in PvM’s Vorgarten für Kahlschlag gesorgt. Richtig für wüste Erde, im Augenblick wächst da in der Ecke gar nichts mehr, da ist nur nackte Erde, und die frisch ausgehobene Grube, sieht jetzt richtig ein bisschen verdächtig aus, als wollt ich da jemanden einschaufeln.

Alles platt gemacht hier, in dieser Ecke, und das ist jetzt deine Aufgabe, liebe Ayse ohne Nachnamen, hier was aufzubauen, und wenn alles wächst, soll es nicht neu aussehen, sondern so, als wär das schon immer hier so gewesen, das hab ich mir ja so ausgemalt, der Teich soll aussehen, als wär er zuerst dagewesen, und das Haus hinterher am Teich gebaut, nicht umgekehrt.

Halt dich ran, Ayse Ohnenamen.  

(Nachricht eingegangen am 07.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 08.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)