Banshee Neue Folge 77

Nachricht von Ayse Konopski

Heute geht’s mir viel besser. Weiß nicht, was mit mir los war. Ich bin richtig in Panik geraten. Aber heute Nacht hab ich geschlafen wie ein Stein. Und dann bin ich früh aufgestanden und hab mir den Teich angeguckt.

Und wie ich da so gestanden hab und mir die frische Grube angeguckt, hab ich über mein neues Ziel nachgedacht. Ich hab eins. Jawohl. Ich will keine Deutsche mehr sein. Ich will die Staatsbürgerschaft von Wahlburg-Sonderbüren. Gibt’s, ernsthaft. Ich hab gestern Abend noch lange mit PvM und Regina zusammengesessen, wir haben zusammen gegessen, ich hab gekocht! und da wurde mir schon besser, und ich hab mich entschuldigt, dass ich mich so aufgeführt hab, Scheiß drauf, ich werd einfach nicht erwachsen, na, was soll’s, und die haben mir natürlich gut zugeredet. Jedenfalls, irgendwie sind wir auf Fotos von uns zu reden gekommen, und von da aus auf Passfotos. Niemand ist mit seinem Passfoto zufrieden, oder? und jeder sagt, zeig her. Stellt sich raus, PvM hat keinen Personalausweis. Er hat nur einen Reisepass, und der ist ausgestellt von „Wahlburg-Sonderbüren. Der Innenminister“, und Unterschrift. Ich hab gedacht, ich krieg die Krise. Natürlich sind hier alle Deutsche, und Wahlburg-Sonderbüren ist ein deutsches Bundesland, so hab ich das wenigstens in der Schule gelernt, aber ich war ja auch auf einer deutschen Schule, die Kinder auf den Schulen hier kriegen was ganz anderes gesagt. Als es damals, nach dem Krieg, dieses Hickhack gab, ob Wahlburg-Sonderbüren deutsch oder französisch wird, und als die Franzosen die Sache vergeigt haben mit ihrer Forderung, dann müsst aber hier Französisch die Amtssprache werden, da haben die Weldbrüggener in den Verhandlungen mit der damaligen Bundesrepublik Deutschland gekämpft mit Zähnen und Klauen, rauszuholen, was nur rauszuholen ging. Also eine eigene Staatsbürgerschaft, das war zu hoch gepokert, deutsch ist deutsch. Aber die Weldbrüggener durften ihren eigenen Geheimdienst behalten, weil, das wurde zu einer Zeit verhandelt, da waren die bundesdeutschen Dienste noch gar nicht gegründet, und der Weldbrüggener Dienst wurde von den Alliierten unterstützt, weil die dachten, nicht ganz zu Unrecht, das geht gegen die Deutschen. Und das Innenministerium in Weldbrüggen bekam das Recht, für die Wahlburg-Sonderbürener eigene Reisepässe auszustellen. Muss man sich mal überlegen. Kam dann ganz schnell dahin, so hat PvM erzählt, dass der Besitz eines Weldbrüggener Reisepasses für die Wahlburg-Sonderbürener so etwas wie eine eigene Staatsbürgerschaft bedeutet. Die zeigen diesen Reisepass vor, und wollen damit sagen, ich bin kein Deutscher, ich bin Wahlburg-Sonderbürener. Na ja, das sagen sie nicht, sie sagen, ich bin „Burgunder“, weil, das hat PvM hier schon mal erklärt, Wahlburg-Sonderbüren liegt auf dem Territorium des mittelalterlichen Burgund, das sind wir, immer noch, sagen die Weldbrüggener, wir sind keine Deutschen, wir sind Burgunder.

Schräge Geschichte, und das schrägste war, ich hab sofort gedacht, ich auch ich auch. PvM hat unter einigem Gestöhne seinen Pass vorgezeigt, und also, der kann sich wirklich nicht beklagen, der alte Mann, der sieht toll aus auf seinem Foto, wie in Stein gemeißelt, die Würde in Person. Das kommt, weil ich immer einfrier, wenn ich fotografiert werd, sagte er. Egal. Der Knüller ist, wer hier geboren ist, hat einen Anspruch auf diesen Pass. Wer zugezogen ist, ratet mal, von wem ich rede, der muss erst mal fünf Jahre hier wohnen, und dann kann er einen Antrag stellen. Dann gibt es eine Prüfung. Hast du auch nichts angestellt, hast du immer deine Steuern bezahlt, hast du Arbeit, verdienst du selber deinen Lebensunterhalt, und all so was. Und wenn sie zufrieden sind, dann, aber erst dann, bekommst du deinen Weldbrüggener Reisepass. Klar ist das eine Einbürgerung. Im Augenblick, wo du das Teil hast, bist du nicht mehr Deutsche, du bist Burgunderin, jawohl. Ich auch ich auch ich auch. Regina hat mir schon versprochen, sie wird mich unterstützten, wenn die fünf Jahre um sind, und mir ist ganz feierlich zumute geworden. Da drauf arbeite ich jetzt hin, ich meine, das behalte ich im Blick, die fünf Jahre, die sitze ich aus. Ich will das, ich will das unbedingt. Ich hab mitgekriegt, wie das hier läuft, wirklich, ihr müsst nur einmal oben auf dem Fons gewesen sein, dann wisst ihr, was hier Sache ist. Wenn ich jemals Zoff kriegen sollte mit meiner Familie, oder wenn was ist, weil ich mal in der Klapse war, dann geht es um eine deutsche Familie und eine deutsche Klapse, und wenn ich einen Weldbrüggener Pass habe, und die Deutschen wollen was von mir, dann machen die Weldbrüggener Behörden sofort die Mauer, geschlossen.

Und Regina hat versprochen, sie besorgt mir einen Anwalt. Ich trau mich kaum, das hinzuschreiben, aber ich bin immer noch mit dem Konopski verheiratet. Bring das hinter dich, sagt Regina. Seit wie vielen Jahren hast du von dem nichts mehr gehört? Die Ehe ist gescheitert. Das wird vom Gericht durchgewinkt. Wie war das, du wohnst doch hier, du hast doch hier deinen Hauptwohnsitz?

Ja, klar. Ich bin hier gemeldet, in Weldbrüggen.

Also. Du musst nicht einmal rausfinden, wo der Kerl eigentlich wohnt, ob der wieder nach Polen zurück ist oder was sonst. Der ist weg, seit Jahren, der hat dich verlassen, und bestohlen hat er dich außerdem.

Wäre da nicht auch an eine Aufhebung zu denken? überlegte PvM. Der hat doch Ayse überhaupt nur geheiratet, um an ihre Konten ranzukommen. Wie nennt man das? Arglistige Täuschung?

Viel zu umständlich, sagte Regina. Das muss dann erst bewiesen werden, und dann kommt die Klinik ins Spiel, wo Ayse behandelt worden ist, die haben ja versucht, den zu erreichen, lasst die Finger davon, Scheidung, das ist der Weg, wegen Zerrüttung, die Ehepartner leben seit Jahren getrennt, wissen nichts mehr voneinander, die Ehe ist gescheitert, fertig, das ist bloß eine Formsache.

Wir redeten noch eine Weile hin und her, aber da ist eigentlich nichts zu reden, ich will das ja auch, ich will den Konopski loswerden. Aber wenn ich dann in fünf Jahren meinen Weldbrüggener Pass krieg, wie heiß ich dann? Ich könnt meinen Mädchennamen wieder annehmen, aber dann würd ich heißen wie meine Familie. Will ich nicht. Und die sind nicht meine Familie. Ich hab eigentlich gar keinen Nachnamen. Ich bin Ayse. Einfach bloß Ayse.

Darüber denke ich jetzt nach, wenn ich an meinem Teich bastle, und das mach ich jetzt, das ist jetzt mein Ziel, der Teich, dass ich morgens vor die Tür treten kann und sagen, da, das hab ich gemacht, das ist mein Kind.

(Nachricht eingegangen am 06.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 07.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)