Banshee Neue Folge 75

Nachricht von Ayse Konopski

Und dann stand ich da mit dem Salat, ihr müsst verstehen, das war alles irgendwie dazwischen, es ist ein so schöner Sommer, und ich hätt am liebsten an nichts anderes gedacht als an den Garten und an das Haus, und am Abend, in der Dämmerung, würden alle Fenster offen stehen und wir essen zu Abend im Garten, und aus den Nachbargärten hört man auch zuweilen Tellerklirren, und das war ja auch alles, und das ist ja auch alles, aber gleichzeitig hatt ich immer diesen Gedanken im Nacken, egal was ich gemacht hab, ich muss mich heut noch hinsetzen und an meinem Bericht weiterschreiben.

Ja. Und es war ja nicht bloß der Bericht, um den es ging. Es war ja alles, was ich erlebt hatte, ich meine, ich hab das seither die ganze Zeit im Hinterkopf, alles. Erst war da unser Besuch unten im Raumschiff, wo mich Regina und PvM runtergebracht hatten, in der Hoffnung, ich könnt was rausfinden, und ich hab ja auch was rausgefunden, ich hab dieses Gespräch gehört, dieses unaufhörliche Gespräch, das da zugange ist, und ich hab es so deutlich gehört, wie ich die Redereien von der Gärtnerin gehört habe, der Gärtnerin mit dem Jungsschnitt, und die hätt mich gern vernascht gehabt, und was soll ich sagen, wenn die Umstände andere gewesen wären, hätt ich mich vielleicht sogar vernaschen lassen, ja. 0der vielleicht auch nicht, ich weiß nicht. Das war ein Spiel, die hat das vielleicht gar nicht ernst gemeint, und ich auch nicht. Ich weiß nicht. Das hab ich rausgefunden, ich weiß nichts von mir. Also, das Gespräch hab ich gehört, und dann war da am Nachmittag dieser lange Besuch oben im Fons, wo wir am Teich gesessen haben, abhörsicher. Und für PvM und Regina war das Gespräch ein voller Erfolg, so zufrieden, wie die waren, und die ganze Zeit waren die bewaffneten Polizisten um die Wege. Hab ich euch alles geschrieben. Und dann wollt ich unbedingt in die Kathedrale, weiß nicht warum, ich wollte unbedingt da rein, obwohl ich barfuß war und das sich vielleicht nicht gehört, lackierte Zehennägel in dem Christentempel, Perlmutt, aber niemand hat was gesagt, und ich hab am Arm von PvM gehangen, und dann kam dieses Licht reingestürzt von allen Seiten. Und dann waren wir in der Stadt, PvM und ich, und es wurde dunkel, und zur Belohnung dafür, dass ich so brav gewesen war, hab ich Eis und Käsekuchen bekommen, also, hat sich das doch gelohnt. Und dann hab ich erzählt, wie ich in die Klapse geraten bin, und PvM hat erzählt, wie er selber als junger Kerl mal dort interniert war. Und das hab ich euch alles geschrieben, und gleichzeitig war ich im Garten mit dem neuen Teich beschäftigt, bis über beide Ohren, das müsst ihr verstehen, es ging die ganze Zeit um den Teich, nicht um das, was ich da geschrieben habe. Doch, um das ging es auch, aber das war da ja schon vergangen, um ich hab mir jeden Tag erst alles zurechtlegen müssen, wie ich euch das am besten schreibe, aber der Teich, das war die ganze Zeit die Wirklichkeit, das war das, was ich wirklich gemacht hab.

Versteht ihr, was ich meine?

Ich auch nicht.

Mir ist immer, als würde ich zwei Wirklichkeiten mit mir rumtragen, die eine in meinem Kopf, mit all den Erinnerungen und Ideen und Hoffnungen, Vergangenheit und Zukunft, und die andere, die ich direkt vor der Nase habe, all das, was ich täglich tue, ich meine, was ich wirklich tue. Aber das, was ich denke, das ist genauso wirklich. Das ist richtig wirklich, versteht ihr, das drängt sich auf. Manchmal, da buddle ich in der Erde, und denk aus irgendeinem Grund an meine Scheißfamilie, oder an den Konopski, und plötzlich ist das so wirklich, mir bleibt die Luft weg, und ich möchte schreien, oder heulen, und ich denk mir aus, was ich denen alles sagen will, ins Gesicht hinein, Worte wie Schläge, und dann tut mir der Kopf weh, aber doch nur mir, denn die spüren ja gar nichts davon.

PvM hat sowas von recht. Es sind immer die Falschen, die alles abkriegen. Wieso bin ich therapiert worden, da in der Geschlossenen? Wieso haben die nicht meine Scheißfamilie eingefangen und den Konopski, und haben die festgesetzt, geschlossene Abteilung, und die gezwungen, sich mal richtig mit dem auseinanderzusetzen, was sie mir angetan haben? Wieso nicht? Wieso hab statt dessen ich hinter Schloss und Riegel gesessen und musst mir jeden Tag das Gelaber anhören, wie ich meine Vergangenheit „verarbeiten“ müsst? Wieso muss ich was „verarbeiten“? Ich hab nichts Böses getan. Ich hab über meine Vergangenheit nachgedacht, bis mir der Schädel in Stücke zersprungen ist, und ich wüsst nicht, was ich Böses getan haben soll. Ich wüsst nicht mal, was ich überhaupt Böses hätte tun können, ich war doch ein Kind, ich war noch ein Kind, da sind die schon über mich gekommen und haben ihren Hass auf mir abgeladen und ihren Scheiß Islam und ihre Scheiß Ehre und was weiß ich, wieso sind die nicht in die Geschlossene gebracht worden? Ich war da drin, ich. Und der Konopski ist auf freiem Fuß, Betrüger und Lügner, der hat mich zerstört, das war so leicht, mit der linken Hand hat der das gemacht, und ich bin aus dem Fenster gesprungen, wieso bin ich überhaupt noch hier, ich sollte tot sein, ich bin hier, weil PvM mich am Kragen gepackt hat und hierher gebracht hat, nach Weldbrüggen wo alles anders ist, der hat mich einkassiert wie eine streunende Katze, die wird jetzt versorgt und aufgepäppelt, bis sie wieder Vertrauen fasst, zu den Menschen. Ja. Und ich weiß nicht, sie sind ja alle gut zu mir. Regina denkt an mich. Und dann kommt da so eine kleine Gärtnerin und sieht mich und meine runden Sachen und kriegt eine feuchte Möse, und daran halt ich mich fest, ernsthaft, das sagt mir, ich bin doch was wert in der Welt. Ich kann rausgehen, und immer mal wieder ist da jemand, der guckt sich nach mir um.

Aber ich muss ja gar nicht rausgehen. Sie sitzen überall, auf den Dächern, in den Baumkronen, auf den Fenstersimsen, überall sitzen sie, meine Fans, und sehen mich an, die trinken mich richtig, trinken meinen Anblick, und alles ist gut für die, wenn ich nur da bin, und ich versteh das nicht, ich versteh das einfach nicht, ich muss mich jetzt erstmal beruhigen, ich muss mich unbedingt beruhigen.

(Nachricht eingegangen am 04.07.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 05.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)