Banshee Neue Folge 71

Nachricht von Ayse Konopski

Heilung. Ich wünschte, ich könnte die ganze Welt heil machen. Hat ja PvM auch gesagt. Man müsste doch was tun können für die Welt. Einstweilen mal bin ich mit meinem eigenen Leben befasst. Und ich bin ja so froh, dass ich jetzt alles geschrieben hab. Das hat mir wirklich wie Blei im Magen gelegen. Und PvM war jeden Tag hinter mir her, dass ich auch wirklich am PC sitz. Nicht, dass er was gesagt hätte. Aber ich bin nun mal ein braves Mädchen, und es gibt Leute, die enttäuscht man nicht. Regina zum Beispiel, die gehört zwar nicht zu unserer Gruppe, aber ich weiß genau, die liest hier mit. Hallo, Regina. Und die Schlapphüte, das ist ja sowas von klar, hab keine Ahnung, wie ihr heißt, aber jedenfalls, die Schlapphüte lesen hier auch mit, hallo Schlapphüte.

Die Bullen sind weg, Verzeihung, die Polizisten. Die waren wirklich nett, aber ich glaube, die ganze Straße ist froh, dass sie nicht mehr Tag und Nacht hier rumstehen. Vor allem in der Nacht waren die sowas von auffällig, beleuchtet wie ein Christbaum. Das sollte ja auch so sein. Präsenz zeigen, nennt man das. Jetzt haben sie offenbar genug Präsenz gezeigt, und sind abgezogen worden. Sie kommen aber ungefähr alle Stunde durch die Straße durch, betont langsam, mit langsam meine ich, wirklich langsam, Schritttempo, man könnte nebenher laufen.

Einmal ist ein Nachbar vor dem Vorgarten stehengeblieben, ich war da gerade zugange und, okay, erzähl ich euch gleich, jedenfalls, ich bin da auf meinen nackten Beinen rumgetänzelt und hatte eine abgeschnittene Jeans an und die Bluse offen und die Zipfel unter den Möpsen zusammengeknotet, wie halt ein braves deutsches Mädchen im Sommer rumläuft, und das bin ich jetzt, ein braves deutsches Mädchen, kein braves türkisches Mädchen mehr, und der ist stehengeblieben und hat mir ein Gespräch reingedrückt, weil, der konnt sich gar nicht sattsehen an mir, ich war nahe dran, mich einmal um mich selber zu drehen, guck dir nur alles an, also bitte, ich bin klein und rund wie immer, und jedenfalls, der hat gefragt, mit einem Blick auf den Streifenwagen: Ist bei euch der Kanzler zu Besuch, oder warum stehen die immer hier rum?

Ich hab die eingeübte Standardantwort gegeben, die hab ich ein bisschen variiert, PvM hat anonyme Drohungen gekriegt, hab ich gesagt, ihm selber ist das egal, ihr kennt ihn ja, aber die Polizei nimmt das ernst, jetzt zeigen die ein bisschen Präsenz, das vergeht aber wieder.

Der Knüller war natürlich, die ganze Zeit, während wir so redeten, weil nämlich der Nachbar sich gar nicht von mir loseisen mochte, die ganze Zeit, haben ringsum in den Bäumen, oben auf dem Dach, auf den Fenstersimsen, und vor allem drüben auf der anderen Straßenseite, auf den Wiesen, die Besucher gesessen und haben mich angeguckt. Wie immer. Haben mich angeguckt, als gäb’s nichts anderes in der Welt. Hin und weg von mir. Der Nachbar allerdings hat genauso geguckt. Da drüber sollt PvM mal schreiben. Über den Vorteil eines hübschen runden Hinterns in der Welt. Sichert uns braven Mädchen sowas von Aufmerksamkeit.

Seh dich jetzt oft hier, sagte der Nachbar und fingerte am Gartenzaum rum, ich stand drinnen auf meiner Seite, er draußen auf seiner.

Ja, sagte ich, ich wohn hier. Ich bin die Haushälterin.

Ah! rief er, richtig mit Aufleuchten in den Augen. (Information! Was rausgekriegt!) Haushälterin, so. Hat der Peter jetzt eine Haushälterin. Das ist gut, er immer allein mit dem Haus, das war ja auch nichts, da gibt es bestimmt viel zu tun?

Aber hallo.

Dass er von PvM so einfach als „Peter“ redete, hat damit zu tun, das ist so üblich in Weldbrüggen. Wie bei den Holländern. Hab ich mich am Anfang schwer umgewöhnen müssen. Das „Du“ ist hier Standardanrede. „Sie“ sagen bloß die Polizisten zu ihren Opfern. Und natürlich die Touris rund um die Kathedrale, die werden in den Geschäften auch gesiezt, damit sie gleich wissen, ihr gehört hier nicht dazu, nicht wirklich.

Wie gesagt, das war, da haben die Polizisten noch fest vor dem Haus gestanden, und jetzt weiß es also die ganze Straße, der PvM hat eine Haushälterin, und ich geh mal davon aus, wenn das gesagt wird, wird dabei gezwinkert.

Ist das okay mit mir?

Absolut.

(Nachricht eingegangen am 30.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 01.07.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)