Banshee Neue Folge 70

Nachricht von Ayse Konopski

Ich hab PvM gefragt, ob das alles so in Ordnung ist, wie ich es erzählt hab. Er sagt, er versteht gar nicht, wie ich das alles so wörtlich wiedergeben kann. Ich müsste wohl das fotografische Gedächtnis haben. Hab ich. Ich hab mich damit durchgeschwindelt, in der Schule, durch die Fächer, die mich so gar nicht interessiert haben. Ich hab vor Klassenarbeiten die betreffenden Seiten im Lehrbuch angeguckt und auswendig gelernt. Und dann hab ich mechanisch abgeschrieben. Ich meine, vor meinem geistigen Auge hat die Seite gestanden. Ich konnt sogar umblättern. Nachher hab ich alles wieder vergessen. Sofort. Eh ihr in Begeisterungsschreie ausbrecht, toll, sone Begabung, lasst euch sagen, ich hab nie viel damit anfangen können. Ich bin kein Schlaukopf. Sachen sich leicht merken zu können, und was damit anfangen zu können, das ist ein Unterschied. Wenn PvM redet, spitz ich die Ohren. Und dann kann ich das alles aufschreiben. Ist nicht einmal gesagt, dass ich alles verstehe. Doch, ich hab schon alles verstanden, was PvM gesagt hat, über die Schwindler in der Klinik. Dazu schreib ich noch was. In den alten Tagen, als es noch keine Abhörgeräte gegeben hat, da hätt ich leben sollen. Ich denk mir das manchmal aus. Ich wär Spionin gewesen, in Verkleidung, ganz unauffällig. Kellnerin, Putze, sonstwas. Und dann würden die Bösen schlimme Dinge verhandeln, womöglich noch in einer fremden Sprache, und ich wär da um die Wege, und könnt hinterher jedes Wort wiedergeben, ob ich’s nun verstanden hab oder nicht. Das wär aufregend. Sowas will ich. Ein aufregendes Leben.

Nein. Kein Wort wahr. Ich weiß nicht, was ich rede. Ich hab ein aufregendes Leben. Um mich herum sind die Besucher, die verehren mich als ihre Göttin. Ich bin im dritten Stock aus dem Fenster gesprungen, und mit dem Schädel aufgeklatscht. Ich war ein Jahr in der geschlossenen Abteilung. Ich bin nackt rausgerannt in die Nacht und hab mich zwei Tage in den Wäldern rumgetrieben. Gott hat zu mir gesprochen, oder wer immer das war. Ich bin im Visier des Geheimdienstes. Zwei bewaffnete Polizisten bewachen mich, wo ich geh und steh. Also, was will das Mädel noch? Aufregendes Leben? Und wie nennt sie das, was sie hat?

Die Wahrheit ist, ich will das gar nicht. Meine Vorstellung von aufregendem Leben, das ist im Augenblick, PvM’s Dachboden aufräumen. Seine Papiere ordnen. Im Garten nach den Katzen gucken. Morgens sehen, heut ist ein bewölkter Tag, vielleicht wird es sogar regnen, aber nur so ein kleines bisschen, optimal, um endlich das neue Beet anzulegen, die Stecklinge wollen raus an die frische Luft. Da ist nämlich so ein winziges Gewächshaus, hinten im Garten, eigentlich nur eine Grube im Boden, mit zwei schrägen Glasdächern drüber, kann man aufklappen, PvM hat erst nachdenken müssen, als ich ihm davon berichtet hab, dann hat er gesagt, richtig, hinten in der Ecke.

Und dann hat er noch gesagt, aber ja, kümmer dich drum, mach nur alles genau so, wie du dir das denkst.

Und dies gesagt, überlegte er einen Augenblick scharf, und fügte hinzu: Aber frag mich vorher.

Und dann überlegte er einen weiteren Augenblick, und sagte, mit echter Angst im Blick: Vor allem, bevor du was wegwirfst!

Manchmal ist er so komisch, ich muss mir das Lachen verbeißen.

Als wir an diesem Abend nach Hause gefahren sind, war ich todmüde, PvM hat das gemerkt und gesagt, er fährt, das wollt ich aber nicht. Das ist meine Sache, ihn zu fahren, und ich hab mich wach gehalten und das Wägelchen sicher nach Hause gelenkt. Ich hab dabei an die Kathedrale gedacht und an den Bischofssitz, wie wir davor gestanden haben, und an all die Gassen in der Altstadt, das Kopfsteinpflaster, und was PvM alles erzählt hat. Und dann hab ich daran gedacht, dass wir ja vorher oben auf dem Fons gewesen waren, wir hatten im Dschungel gesessen und geredet über unseren Besuch unten im Bauch des Raumschiffes, in der Nacht davor, ja, das war in der Nacht davor gewesen, und ich dachte, das war doch von zwei Jahren, das war doch in einem anderen Leben.

Als wir runter zu dem Parkplatz kamen, hinter dem Landtag, und ich unser Wägelchen sah, wie es da stand und auf uns wartete, da dachte ich, das haben wir doch vor Jahrhunderten hier abgestellt, ich brauch unbedingt eine Pause. In so einem Zustand war ich. Aber ich hatte den Wagenschlüssel noch in meiner Jeans, und ich wusste noch alles, Anlasser Gang und so, und ich sagte, ich fahr, und ich hab’s gemacht, ich bin gefahren, und hab den Weg gefunden und hab uns heil nach Hause gebracht. Da war es nicht mehr lang hin, und es wurde hell.

Die Katzen sind gesprungen gekommen, machen die immer, wenn wir weg waren, egal wo die sind, hinten in den Gärten, entweder erkennen die den Wagen, schon von Weitem, hören das Geräusch, oder das ist irgendeine telepathische Sache, die kommen gerannt, in gestrecktem Galopp, wie PvM sagt, und dann mussten die erstmal gefüttert werden, die haben ein Geschrei gemacht! so wie es Katzen eben machen, wenn sie unbedingt loswerden wollen, wo wart ihr wir haben so auf euch gewartet und wir haben doch Hunger Hunger Hunger! Und während ich die Dose mit dem Katzenfutter aufgemacht hab, hab ich gleichzeitig Tee aufgebrüht, denn das was klar, ein Tee noch, das muss sein.

Irgendwie, also, ihr müsst euch das vorstellen. Während ich die Katzen gefüttert hab und den Tee hab ziehen lassen, ist PvM ins Bad gegangen und hat heißes Wasser in die Waschschüssel gefüllt, die wir dort stehen haben, weil, die hat grad die richtige Größe, um die Wäsche aufzunehmen, die in die Maschine soll, und dann hat er Badelotion zu dem Wasser dazugegeben, und hat die schwappende und dampfende Schüssel in die Küche getragen und unter den Tisch geschoben, den Tisch mit der Eckbank, an dem wir alle gesessen haben, am Abend, als Balbutin wieder aufgetaucht war, und so haben wir dann da gesessen, am Tisch, ich meine schmutzigen Füße in dem warmen Badewasser unter dem Tisch, zum Einweichen, und ich hatte mir natürlich eine Blase gezogen, schließlich, ich war barfuß durch die ganze Stadt gestolpert, die Blase ist aber aufgegangen in dem warmen Wasser, und hat nicht einmal weh getan, und über dem Tisch haben wir noch ein bisschen hin und her geredet und dabei unseren Tee getrunken, so haben wir da beieinander gesessen, und die Katzen haben sich zu uns gesetzt und waren ganz schläfrig und satt, und wir haben geredet, dies und das, bis es draußen hell wurde.

(Nachricht eingegangen am 29.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 30.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)