Banshee Neue Folge 69

Nachricht von Ayse Konopski

Ich stand da, hing an PvM’s Arm und versuchte, mit meiner Zehenspitze Zeichen in den Straßenstaub zu schreiben. Weiß nicht, was ich schreiben wollte. „In aller Regel heilen wir wieder.“ Ich weiß ja selber, wie die an mir herumtherapiert haben, nachdem sie mich gegriffen hatten.

„Das machen die immer“, sagte PvM, als ob er mich denken gehört hätte. „Ich hab Sachen gesehen da oben … einmal kam ein erregter junger Kerl, der lieferte seine junge Frau ein. Die hätte Wahnvorstellungen. Ein paar Tage später wurde sie entlassen, und statt dessen der junge Kerl festgesetzt. Sie hatte keine Wahnvorstellungen gehabt. Er hatte sie wirklich verfolgt, kontrolliert, überwacht, Abhörgeräte am Telefon und in der Wohnung installiert. Jetzt wurde er wegen seines Kontrollzwangs behandelt, und sie? ging zum Scheidungsanwalt. Er hatte ihr wirklich eingeredet, erfolgreich, sie bilde sich das alles bloß ein. Das war einer von den Fällen mit gutem Ende. Meistens geht es anders aus, so wie bei dir. Die Opfer werden zur Therapie gebracht, und die Täter laufen entspannt herum, in Freiheit. Familientyrannen, die ihren Kindern ihrer Frau den Angehörigen das Leben zur Hölle machen. Die Kinder werden Alkoholiker, und irgendwann werden sie therapiert. Die Kinder werden erwachsen, arbeiten sich ab an ihrem verpfuschten Leben, an ihren scheiternden Beziehungen, werden therapiert: das Tyrannenvieh, das für das alles verantwortlich ist, läuft frei rum und hat ein gutes Leben. Schüttelt den Kopf über seine Frau seine Kinder seine Nachbarn, mit denen stimmt doch was nicht, mit ihm selber ist alles in bester Ordnung. Da sind zwangskranke Schweine, die den ganzen Rest der Welt terrorisieren, mit ihrer Besserwisserei und ihrer Bevormundung. Die Kinder entwickeln der Reihe nach Essstörungen, werden Schulversager, kriechen gestört durchs Leben, gehen aus ihrer Dachwohnung nicht mehr raus, das alte Zwangsschwein lebt in der Pracht seiner Tage. Es ist zu ekelhaft, darüber nachzudenken. Therapiert werden immer die Falschen. Die Opfer nämlich. An denen wird herumgemacht, denen wird versichert, mit dir stimmt was nicht. Die Täter schlagen ihre Plauze als Pauke und sind groß und richtig. Hören sie, da ist mal wieder einer in der Psychiatrie gelandet, lachen sie und schütteln den Kopf und wissen, ich bin stark, so was könnt mir nicht passieren, nicht mir.“

Er sagte das alles nicht erregt, eher traurig, und ich hörte zu, mäuschenstill. Wir schwiegen eine Weile, ich bildete mir ein, ich hörte den Fluss murmeln. Und dann sagte PvM, plötzlich belustigt: „Nach ein paar Monaten versuchte sogar noch die Krankenkasse, mich ranzukriegen. Weil ich eigenmächtig der Therapie entlaufen sei. Man sei nicht bereit, die Kosten für die Folgeschäden meines eigenmächtigen Verhaltens zu tragen. Ernsthaft, das schrieben sie mir. Spielten sich richtig als Machthaber auf. Wir setzen die Regeln! Muss den Brief noch haben, irgendwo. Sowas bewahr ich immer auf, als Dokument. Ich schrieb ihnen eine kurze Notiz, immer höflich, mit der Aufforderung, die Höhe der „Folgekosten“ zu beziffern, mit Belegen, und jeweils kurzer Darlegung, inwiefern ich die Kosten schuldhaft verursacht hätte. Hörte dann nichts mehr. Das Problem sind übrigens nicht die Institutionen. Versicherungen, Kliniken und so. Das Problem sind die Zwerge, die in den Institutionen arbeiten und dabei denken, das ist ganz Ich. So wie die Cowboytusse. Die wollte nicht helfen. Die wollte ihr Ding durchsetzen. Ich glaube, tief in ihrem Herzen hat die gewusst, dass sie eine Schwindlerin war. Hätte sie das vor sich selber zugegeben? Niemals.“

Und dann fügte er noch hinzu: „Immerhin hab ich was gelernt, in diesen drei Monaten. Egal, wie derangiert ich war, ich hab gesehen, die Welt ist voll von Leuten, denen geht es noch dreckiger als mir. Wirklich. Ich hab meine Zeit abgesessen, und dann war ich wieder draußen. Aber ich war ja freiwillig dort gewesen. Nun ja, freiwillig. Ist irgendjemand freiwillig dort? Warst du freiwillig dort? Es gab die geschlossene Abteilung. Geheimnisvolles Reich, von dem wollten wir Freiwilligen nichts wissen, das bekamen wir auch kaum zu sehen. Darin interniert Menschen, die waren keine Menschen mehr, nur noch Schatten. Ich hörte manchmal Schreie, in der Nacht. Immer wieder fuhr der Krankenwagen vor, da lag eine Gestalt auf der Bahre, sediert, und mit ledernen Riemen festgeschnallt. Ich hätte gern geholfen.“

Er schüttelte den Kopf, und blickte hinüber nach den Flaggen vor dem Landtag, die rührten sich ein bisschen, in der stillen Nachtluft. Ich flüsterte, an seiner Schulter: „Ich war in der Geschlossenen.“

Er seufzte und wandte sich mir zu und drückte mir einen seiner unerwarteten Küsse auf die Haare. „Ich weiß“, sagte er. „Du bist eine von den vielen, denen es hundertmal schlimmer ergangen ist als mir. Die Welt ist voll von euch, und ich würde gern was tun. So alt ich bin, ich bilde mit immer noch ein, man müsste doch was tun können für die Welt. Weiß nicht. Die furchtbaren Sachen geschehen immer direkt hinter der Wand, in der Nebenwohnung. Man sieht nicht rein.“

(Nachricht eingegangen am 28.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 29.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)