Banshee Neue Folge 68

Nachricht von Ayse Konopski

„Der Rest ist dann schnell erzählt“, sagte PvM. „Ich hatte mich vor dieser Zeit meistens bei meiner kleinen Freundin aufgehalten, aber mein eigenes kleines Zimmer hatte ich noch, unter dem Dach eines Altstadthauses. Ich war zu allem entschlossen. Ich dachte, egal, wie diese blöde Angst mein Herz im Kreis rum jagt, ich bleibe nicht länger in dieser Kloake von Klinik.

Und ernsthaft, warum hätte ich bleiben sollen? Geholfen hatten die mir sowieso nicht. Hatten die Dinge nur immer noch schlimmer gemacht, mit ihrem Gebohre nach meinen ungelösten frühkindlichen Konflikten, oder nach meiner Homosexualität, von der ich nichts weiß. Ich hatte gesagt, ich schlafe noch einmal hier, aber da hatte ich den Mund zu voll genommen, ich tat kein Auge zu in dieser Nacht. Am meisten dachte ich darüber nach, wie ich mir selber wieder auf die Beine würde helfen können. Du musst bedenken, Internet gab es damals noch nicht, heute würde ich einfach googeln, was tun bei einer Vergiftung mit illegalen psychotropen Substanzen. Ich hatte eine Stinkwut auf meine kleine Freundin, und gleichzeitig fühlte ich eine Erleichterung, es ist nicht zu sagen. Ich hatte ja die ganze Zeit gedacht, mit meinem Seelenleben stimmt was nicht, da ist was ganz schrecklich aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht stimmt mit meinem Seelenleben wirklich was nicht, aber das ist was anderes, ich bin eben so, wie ich bin. Ich hatte mich drei Monate mit Panikattacken und Schlaflosigkeit und Alpträumen herumgeplagt. In den Alpträumen waren krötige Wesen hinter mir her, richtige schleimige Aliens. Ich hatte niemals solche Träume gehabt. Jedenfalls weiß ich heute aus dieser Erfahrung, wie störbar das menschliche Seelenleben ist. Die Erleichterung, dass ich jetzt endlich die Ursache wusste, ist nicht zu beschreiben.

Ich stand früh auf, da war es auf allen Stationen noch still, und ich packte meinen Kram zusammen. Ich hatte vorgehabt, ernstlich, bis acht Uhr zu warten, ganz gehorsamer Patient, um dann zur Stationsschwester zu gehen und um meine Entlassungspapiere zu bitten. Ich sollte ja unterschreiben, dass ich freiwillig die Behandlung abbräche, und auf eigenes Risiko. Und auf einmal dachte ich, ich weiß noch, ich stand am offenen Fenster, und es war nebelig draußen, Morgennebel, und kühl, ich dachte also, wieso kümmere ich mich überhaupt um das, was die sagen? Haben die mir irgendwas zu sagen? Sind die meine Dienstvorgesetzten?

Und also nahm ich meinen Kram und ging hinunter und spazierte unten einfach zur Tür raus. Jawohl. Die Pforte war nicht einmal besetzt. Und ich ging hinaus in den weißen Nebel und in die Morgenkühle und war ein freier Mann.

In meinem Zimmerchen unter dem Dach roch es, wie es eben in einem Zimmer riecht, in dem seit drei Monaten niemand gewesen ist, und auch vorher war ich ja nicht besonders oft hier gewesen. Ich kochte mir Tee, wischte ein bisschen Staub, wartete, bis es neun Uhr war, und rief eine Freundin an, die hilfsbereit war. Ich fühlte so gut wie nichts. Irgendwo war Angst um die Wege, davon lass ich mich nicht mehr einschüchtern, dachte ich. Die Freundin rückte an, gegen zehn, mit ihrem kleinen Wagen, man hatte damals diese Klappermobile, französische Bauart, so fuhren wir bei meiner kleinen Freundin vor. Ich hatte Pech, Astridmaus war zu Hause.

‚Du kriegst jetzt deinen Schlüssel zurück‘, sagte ich, ‚und ich nehm meine Sachen mit. Du siehst mich niemals wieder, und ich will nichts mehr von dir sehen. Wenn wir uns auf der Straße begegnen, kennen wir uns nicht.‘

An das, was dann folgte, erinnere ich mich nur ungern. Sie heulte und schrie herum, ich hab’s doch bloß gut gemeint, ich hab das alles doch gar nicht gewollt, und die Freundin mit dem Klappermobil hatte einen roten Kopf, und als wir gingen, hing Astridmaus an meinen Klamotten und wollte mich festhalten. Ich werd selten laut, aber da wurde ich es. Und das war es.“

Wir standen unten an der Altstadt, bei der Ringstraße, vor uns konnten wir den Fluss glitzern sehen in der Dunkelheit, darüber die Bögen der Brücke hinüber nach Montbel, mit den Bergen im Hintergrund und der Straße hoch zum Fons, und links lagen beleuchtet und ganz still, sehr feierlich, die Gebäude des Landtags, mit Flaggen. Wenn man das Regierungsviertel so sieht, denkt man, Wahlburg-Sonderbüren ist eine große Nation in Europa, und nun ja, die Weldbrüggener denken das ja auch.

„Ich will das jetzt wissen“, sagte ich und zerrte an PvM’s Ärmel, als wäre ich die Astridmaus. „Diese Panikattacken, wie bist du die wieder losgeworden?“

Denn dass der alte Mann sie wieder losgeworden war, das war mir klar, so unerschütterlich, wie der ist.

„Das ist das eine, was ich aus dieser Sache gelernt hab für’s Leben“, sagte PvM. „Seelische Malessen heilen wieder ab, ganz von selber. Mit der Angst ist das eine besondere Sache. Panikattacken sind heute als selbstständiges Krankheitsbild anerkannt, das war damals noch nicht so, insofern kann man den Idioten von der Klinik vielleicht keinen Vorwurf machen, die kriegten noch beigebracht, Angst ist ein Symptom. Bei ausgewachsenen Panikzuständen ist die Angst aber kein Symptom, sondern die Krankheit selber. Du musst dir das so vorstellen, du hast schwallweise Angst, richtige unerträgliche Todesangst, davor, dass etwas Schreckliches passiert. Was genau passieren wird, weißt du nicht. Weil du aber diese unerträgliche Angst hast, denkst du dir tausend Sachen aus, die passieren könnten, du denkst, dein Herz bleibt vielleicht stehen, du kriegst einen Asthmaanfall, du windest dich mitten in einer Menschenmenge in epileptischen Krämpfen, der Schwindel holt dich von den Beinen, denk dir aus, was du willst. Du traust dich nicht mehr quer über öffentliche Plätze, schleichst dich an den Häuserwänden entlang, wenn du aber in einem Raum mit anderen Menschen bist, ist es noch schlimmer, du denkst, jetzt passiert es, genau jetzt, wo ich eingekeilt bin zwischen den Menschen. Schlange vor der Kasse am Supermarkt ist das Schlimmste, was dir überhaupt passieren kann. Ja. Und was passiert? Nichts passiert. Du hast einen Anfall von Todesangst nach dem anderen, und niemals passiert irgendwas. Niemals. Und irgendwann kriegst du das mit. Egal wieviel Angst du hast, es passiert nichts. All die schrecklichen Sachen, die du dir ausmalst, sie passieren nicht. Und wenn dir das aufdämmert, wenn du dir klarmachst, es passiert einfach nichts, all diese furchtbaren Drohungen, die werden nie wahr – von diesem Tag an hat die Angst ausgeschissen. Der Kreislauf ist unterbrochen, die Rückkoppelung. Die Rückkoppelung hatte daraus bestanden, dass du Angst hattest, ohne Grund, also hast du dir Gründe ausgedacht, und vor den Gründen hattest du dann erst recht Angst. So läuft das, das ist ein Kreislauf, wie wenn ein Rockmusiker seine Gitarre mit dem Tonabnehmer an den Lautsprecher ranbringt, es entsteht dieses ohrenzerreißende Jaulen, eine solches Jaulen ist die Angst. Ist die Rückkoppelung einmal unterbrochen, legt sich die Angst schlafen, und irgendwann wacht sie nicht mehr auf, und dann hörst du auf, vor der Angst noch Angst zu haben, und dann ist es vorbei mit der Angst. Erzwingen kann man das nicht. Man muss durch die Angst durch wie durch ein Höllental, und am Ausgang des Tals steht die Erkenntnis, aber es passiert ja gar nichts, all diese Angst, das ist bloß leere Drohung. Das ist etwas, das kann ich aus Erfahrung allen Leidensgenossen sagen. Die Sache heilt von selber wieder ab. Hängt euch nicht an die Schwindler, die euch einreden wollen, die Verletzung würde am besten heilen, wenn ihr täglich darin herumstochert. Und das ist das zweite, was ich aus der Sache gelernt hab, für’s Leben. Mach einen weiten Bogen um die Psychoschwindler. Die sind nicht die Heilung, die sind selber die Krankheit. Wer denen in die Hände fällt, der ist geliefert. Vertrau auf dich selber. Ein ordentlicher Schnupfen, mit allem Drum und Dran, dauert ohne ärztliche Behandlung seine drei Wochen. Mit ärztlicher Behandlung einundzwanzig Tage. Mit den meisten seelischen Erkrankungen ist es genauso. Die heilen. Darfst darauf vertrauen. Wir werden alle mal krank. Das menschliche Seelenleben ist kompliziert und störbar. Und manchmal werden wir nicht einfach krank, sondern wir werden böswillig verletzt. Aber wir sind dafür gerüstet. Wir haben die Abwehrkräfte. In aller Regel heilen wir wieder. Wir brauchen keine Heiler. Ein paar hundert Jahre früher wär in meinem Fall der Exorzist angerückt und hätte versucht, den bösen Geist aus mir zu vertreiben, und wer weiß, vielleicht hätte das noch besser geholfen als dieses verwahrloste Therapiegeviehe. Das Therapiegesindel ist verantwortungslos. Das hab ich gelernt, damals. Und in all den Jahrzehnten seither hab ich keinen Grund gesehen, meine Meinung zu ändern.“

(Nachricht eingegangen am 27.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 28.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)