Banshee Neue Folge 67

Nachricht von Ayse Konopski

Ich hatte nicht gewusst, dass die Altstadt so viele Winkel hat und Ecken. Die Kathedrale aber sahen wir fast immer, ihre Türme heben sich so hoch über die Dächer. Und sie war bunt angestrahlt. Das mögen die Weldbrüggener. Bunt. Auch die Fachwerkhäuser sind hier bunt bemalt, die Balken hervorgehoben, und an den Bürgerhäusern, da sehen die Türmchen und die Fenstergiebel und das alles aus wie bei Disney. „Die kriegen hier öffentliche Beihilfen, wenn sie ihre Fassaden frisch verputzen lassen“, erklärte PvM, „und all die vielen Farben, das soll bedeuten, wir sind anders hier. Anders als drüben im Reich, und anders auch als bei den Franzosen. Zieht natürlich die Touristen an!“

Das hatte ich gesehen. Da war ein Fotografieren zu Gange in der nächtlichen Stadt, nicht zu sagen. Und ich wette, PvM und ich, wir waren auch mehr als einmal fotografiert worden.

„Wann hat du es deiner kleinen Freundin gesagt?“ fragte ich. „Wie hieß die überhaupt?“

„Das war eine Astrid“, sagte PvM kalt, „und ich nehm den Namen bis heute nicht in dem Mund.“

Ich fragte ihn, ob ich das alles aufschreiben dürfe, was er mir erzählt hatte, und er sagte, ja, er macht da kein Geheimnis draus, dass er mal in der Psychiatrie war, „schließlich“, so sagte er, „das gehört zu meinem Leben.“

Und unausgesprochen, aber ich hörte das ganz deutlich, fügte er hinzu: „Denkt doch, was ihr wollt.“

„Also“, sagte ich. „Wie ging das weiter, wann hast du das deiner Astrid gesagt?“

„Noch am gleichen Abend“, antwortete PvM. „Sie kam erst spät an diesem Tag, sie richtete sich nach meinem Stundenplan, mit all den vielen Therapiesitzungen, und sie hatte ja auch selber Seminare, sie studierte, wie ich. Ich denke mir heute, das Blumenmädchen hatte das alles genau ausgerechnet, sie wollte die Begegnung vermeiden. Das Blumenmädchen. Die bat mich ausdrücklich, nicht zu sagen, woher ich mein Wissen hatte. Sie wollte keine Schwierigkeiten haben. Konnte ich verstehen. Ich dankte ihr, dass sie gekommen war. Ich brachte sie noch runter zum Portal und begrüßte den Labrador, der wedelte treu mit dem Schwanz, war wohl einer von den Hunden, die zu jedem Menschen freundlich sind. Dann gingen sie davon, wieder den Fußweg durch die Weinberge hinunter zur Stadt, der war so steil, dass er zum Teil aus Treppen bestand. Ich sah ihnen hinterher, selbst der Hund wirkte selbstgestrickt.

Von den Therapiesitzungen, die noch kamen, weiß ich nicht mehr viel. Ich war erfüllt von einer kalten Wut, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich war auf das Therapeutenpack nicht besser zu sprechen als auf meine Freundin. Wieso haben die das nicht gemerkt, dachte ich, wieso haben die das nicht gemerkt.

Als meine kleine Freundin kam, stellte sich sie umstandslos zur Rede. Ich sagte ihr knapp und klar alles, was sie getan hatte, wie sie mir den Stoff unter den Tee gemischt hatte, und wie sie den Stoff besorgt hatte. Und dass sie dafür die Beine breit gemacht hatte, das sagte ich ihr auch. Ich sagte es ihr so klar und bestimmt, dass sie überrumpelt war. Sie war zwar eine Lügnerin, aber auch ziemlich phantasielos, und sie hatte die Geschichte in ihrer Selbsthilfegruppe so breitgetreten, dass ihr jetzt auf die Schnelle keine Ausrede einfiel, und zurechtgelegt hatte sie sich auch nichts, sie hatte je geglaubt, da kommt der nie dahinter.

‚Wer hat dir das erzählt?‘ fragte sie bloß immer wieder. ‚Wer war hier und hat dir das erzählt?‘

‚Es ist aus zwischen uns‘, sagte ich. ‚Sowas von aus.‘

Zu meiner Überraschung fing sie an zu heulen. ‚Ich hab’s doch bloß gut gemeint‘, schniefte sie. ‚Das konnt ich doch nicht wissen, dass sowas dabei rauskommt!‘

‚Ich häng seit drei Monaten fest in diesem Loch, weil du nichts gesagt hast‘, fauchte ich. ‚Ich werde von einer Therapie in die andere gejagt, und du hättest nur ein Wort sagen müssen, und alles wär klar gewesen. Ich will dich nicht mehr sehen, niemals wieder. Es ist aus zwischen uns.‘

Sie ging, immerfort heulend, und es war inzwischen Abend geworden. In der Psychiatrie gab es, wie in allen Kliniken, einen Bereitschaftsdienst, da sind immer Ärzte zugange, für Notfälle. Wenn das kein Notfall ist, dachte ich, was soll dann einer sein.

Bei meinem Glück ist ja klar, wer in dieser Nacht Bereitschaftsdienst hatte. Die Cowboytussi. ‚Es hat sich was Neues ergeben‘, sagte ich. ‚Warum das mit meiner Therapie nicht weitergeht.‘

Ich war sowas von naiv damals, es ist nicht zu sagen. Bin ich heute immer noch, aber damals … ich war ganz erfüllt von der Geschichte, die mir das Blumenmädchen erzählt hatte, und meine kleine Freundin hatte alles zugegeben, also. Ich bildete mir im Ernst ein, die Ärzte müssten doch auch interessiert sein an der Sache, nachdem sie die ganze Zeit so besorgt getan hatten, wegen meiner ‚Therapieresistenz‘, im Ernst, sie hatten das Wort benutzt, ‚wir müssen erst diese Widerstände in Ihnen durchbrechen‘, hatten sie mir ins Gesicht gesagt, ‚anders kommen wir nicht weiter.‘

Meine Überraschung war schon groß gewesen, als meine kleine Freundin zu heulen begonnen hatte. Aber das war nichts gegen meine Überraschung, als jetzt die Cowboytusse aus dem Stand heraus zu schreien begann. Richtig zu schreien, völlig unbeherrscht. ‚So!‘ brüllte sie. ‚Das haben Sie sich jetzt also ausgedacht. Damit Sie sich der Therapie nicht stellen müssen. Damit Sie sich Ihren Wahrheiten nicht stellen müssen. So bequem. Also vergiftet sind Sie worden! Ja, dann haben Sie ja mit allem nichts zu tun. Wissen Sie, was ich denke? Wir sind ganz nahe, ganz nahe an der Wahrheit, und Sie haben solche Angst davor, sich Ihrer Wahrheit zu stellen, dass Sie jetzt mit so einer Geschichte aufwarten. Also vergiftet sind sie worden! Vergiftet! Und das fällt Ihnen jetzt ein! Nach drei Monaten! Was für eine Geschichte! Also Sie haben mit nichts was zu tun! Ist alles mit Ihnen gemacht worden! Andere sind schuld! Andere! Sie haben hier diese einmalige Chance, die Therapie hier gibt Ihnen diese Chance, endlich Verantwortung zu übernehmen für Ihr eigenes Leben, und Sie schwiemeln sich da raus mit so einer Geschichte! Andere sind schuld! Natürlich! Ist ja sowas von bequem. Die ganze Welt ist schuldig, nur Sie nicht! Überall Schuldige! Unfähige Ärzte, ganz klar! Und jetzt endlich die Wahrheit! Nach drei Monaten!‘

Ich hatte die Geistesgegenwart, nicht einzugehen auf ihre Randale. Ich fing nicht an zu argumentieren. Ich stand einfach auf und sagte: ‚Ich schlaf noch hier, morgen früh pack ich meine Taschen, und um acht Uhr bin ich weg.‘

Es lag mir auf der Zunge, ihr mit einer Klage zu drohen, ich ließ es. Drohungen. Was hätte das genützt. Ein Rechtsanwalt sagte mir später, das hätte ich richtig gemacht. Wenn ich gleich am Tag der Katastrophe einen Verdacht gehabt hätte, oder wenn die Schwindler in der Klinik ihr Handwerk verstanden hätten, und ich wär zur Polizei gegangen, vielleicht wär noch was zu machen gewesen. Die hätten meine kleine Freundin in die Mangel genommen, die hätten in der Wohnung das Medizinfläschchen mit den Haschischresten gefunden. Schwere Körperverletzung wär das Mindeste gewesen, was sie meinem Schätzchen hätten anhängen können. Aber jetzt, nach drei Monaten? Ich hatte dem Blumenmädchen versprochen, sie nicht zu erwähnen, und die anderen Selbsthilfler hätten die Mauer gemacht, und selbst wenn sie geredet hätten, meine kleine Freundin hätte gesagt, das war doch nur eine Geschichte, die hab ich mir so ausgedacht.

Als ich rausging, schrie die Cowboytusse mir noch hinterher: ‚Wenn Sie gehen, gehen Sie auf eigenes Risiko! Sie unterschreiben uns das! Kommen Sie dann nicht angekrochen, Sie kommen draußen nicht zurecht!‘

Werd ich ganz bestimmt nicht, dachte ich und machte die Tür hinter mir zu.“ 

(Nachricht eingegangen am 26.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 27.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)