Banshee Neue Folge 66

Nachricht von Ayse Konopski

Wir standen schließlich auf, gingen die stiller werdenden Straßen hinunter. Die Nacht war noch lange nicht zu Ende, nicht für die Touris, nicht für die Kellner in den Straßencafés und in den Höfen, da war noch immer Umtrieb und Gelächter und Gläserklirren, aber gedämpfter als vorher. Es lag Murmeln in der Luft, dies Dauergespräch der Lebenden, ganz anders als das Murmeln, das ich unter der Kathedrale gehört hatte. Und plötzlich fühlte ich eine zerreißende Sehnsucht in meinem Herzen.

Ich hielt mich wieder an PvM’s Arm fest, ich fragte: „Wär das nicht schön, wir könnten mit allen reden, mit allen, die jemals das Leben hatten? Hin und her, und zurück über alle Jahrhunderte? Dann könntest du jetzt mit deiner kleinen Freundin von damals reden, und vielleicht würde sich das und das klären.“

„Hm“, machte PvM, „du möchtest noch immer, dass alles gut ausgeht. Dass sich zum Schluss rausstellt, jeder hat irgendwie recht gehabt, aus seiner Sicht, jeder hat immer nur das Gute gewollt, und also können wir uns zum Schluss alle vertragen, und niemand muss irgendjemandem was nachtragen. Schöner Gedanke. Funktioniert nur leider nicht.“

„Aber warum nicht?“ rief ich, mit deutlich zu piepsiger Stimme, ich krieg das einfach nicht aus mir raus, wenn ich mich aufreg, verlässt meine Stimme ihren Sitz in meiner Brust, wo sie eigentlich hingehört, und versucht, sich in den Bäumen niederzulassen, oder oben auf dem Dach, was weiß ich.

„Weil eben nicht alle immer den guten Willen haben. Manche haben den bösen Willen. Rufen Satan an, wie dieser Burroblast Mulkenmund. Oder denk an deine Familie. Glaubst du wirklich, die haben es gut mit dir gemeint? Oder vor Jahrhunderten die Weldbrüggener, die das den Juden unter der Kathedrale angetan haben, bloß weil die Juden waren? Da war kein guter Wille im Spiel. Nicht überall, wo Mensch draufsteht, ist auch Mensch drin. Manche Menschen ergeben sich dem Bösen, wieder und wieder und in voller Absicht. Zum Schluss sind sie hohl, und es wohnt nur noch das Böse in ihnen. Sie überhören absichtlich IHRE Stimme, die in ihnen erklingt und ihnen in jedem Augenblick sagt, was das Richtige ist.“

„Und was soll dann werden?“ fragte ich. „Was wird aus denen?“

„Jeder kann in jedem Augenblick umkehren“, sagte der alte Mann achselzuckend. „Jeder kann bereuen und sich bekehren und sich dem Guten zuwenden. Jeder kann in jedem Augenblick sagen, ab heute ab jetzt tu ich das Richtige. Und da kommt es nicht auf das Gelingen an, sondern auf den Versuch und auf den guten Willen. Es kommt nicht darauf an, ein guter Mensch zu sein. Es kommt darauf an, jeden Tag neu zu versuchen, ein guter Mensch zu werden. Wenn ich dabei stolpere, na wenn schon. Steh ich eben wieder auf und versuche es auf’s Neue. So lernen die kleinen Kinder laufen, so lernen wir, gute Menschen zu werden. Der beharrliche Versuch zählt, nicht das Gelingen. Wir haben doch überhaupt nicht in der Hand, ob uns was gelingt. Da gibt es so viele Hindernisse, auf die wir keinen Einfluss haben. Aber wir haben es in der Hand, jeden Augenblick das Richtige zu tun.“

„Ja“, beharrte ich, „aber was wird aus denen, die nicht das Richtige tun?“

„Wenn sie beharrlich das Böse und Falsche tun“, sagte der alte Mann knapp und ohne besondere Betonung, „und wenn sie bis zu ihrem Tod nicht umkehren und bereuen, dann haben sie in dieser Welt vielleicht Glück und Erfolg, denn diese Welt belohnt die schlechten Menschen, und wenn sie dann tot sind, fahren sie in die Hölle.“

Das war kein Spruch. Der meinte das ernst.

„In die Hölle, ja?“ fragte ich. „Richtig dort, wo Satan wohnt?“

„Richtig dort. Wo alles vorbei ist und es keine Vergebung mehr gibt.“

„Aber es gibt doch Vergebung! Sagen doch die Christen auch! Wir sollen unseren Feinden vergeben, so sagen doch die Christen!“

„Du kannst ja auch deinen Feinden vergeben. Das ist oft das Richtige. Die einfachste Form der Vergebung ist, du denkst nicht mehr an die. Oder du musst fortwährend an die denken, und dann betest du zu Gott und sagst: Richte du, ich kanns nicht, ich kann nicht vergeben, urteile du. So. Aber das ist deine Sache. Dadurch, dass du denen vergibst, machst du die doch nicht zu guten Menschen. Sich zu guten Menschen machen, das können nur die selber. Die selber müssen hingehen und sich bekehren, oder sie fahren in die Hölle, unwiderruflich. Wir sind freie Wesen. Wir entscheiden über uns selber. Am Jüngsten Tag wird das Urteil über uns gesprochen, und es ist kein fremdes Urteil. Es ist das Urteil, das wir über uns selbst gesprochen haben, indem wir gelebt haben, wie wir gelebt haben. Wir sind es, die das Urteil über uns selbst sprechen. Wenn am Jüngsten Tag unser Name aufgerufen wird, treten wir vor und sprechen uns selbst das Urteil. Alles wird dann offenbar, alles, was wir getan und gedacht haben, in jeder Minute unseres Lebens, und das ist unser Urteil. SIE spricht das Urteil nicht, SIE unterzeichnet es bloß.“

„Hast du Angst davor?“ fragte ich. „Angst vor diesem Augenblick?“

Er blieb stehen und lächelte. „Merkwürdigerweise nicht. Ich hab auch schon darüber nachgedacht. Hab ich Angst vor dem Urteil? Nein. Ich bin kein guter Mensch, weit davon entfernt. Aber ich weiß, dass SIE das Urteil unterzeichnet, und ich weiß, SIE ist gut und gerecht. Also kann mir nichts Falsches passieren, nichts Böses. Selbst wenn ich in die Hölle geworfen werde, ist das ein gerechtes und richtiges Urteil. Ich meine, was ist das Schlimmste, was uns widerfahren kann? Zu Unrecht verurteilt zu werden. Die unter der Kathedrale sind zu Unrecht verurteilt worden. Deine Familie hat dich zu Unrecht verurteilt. Also. Vor IHREM Richterstuhl werden wir nicht zu Unrecht verurteilt. Niemand wird dort zu Unrecht verurteilt. Jedes Urteil, das SIE unterzeichnet, ist gerecht und richtig. Also, was kann mir passieren? Ich mach weiter, jeden Tag, und wenn ich nicht weiß, was ich tun soll, versuche ich das Richtige zu tun, so wie SIE es mir einsagt. Mehr kann niemand tun. Niemand kann mehr tun, als er tun kann. Mehr tun zu wollen, als man kann, wäre widersinnig.“

Wir gingen weiter, ich hing hartnäckig an seinem Arm wie ein kleines Kind, ich glaube, ich ließ mich sogar ein bisschen ziehen, ich weiß nicht, und dann sagte ich: „Und dieses Blumenmädchen damals, die hat sich also bemüht, das Richtige zu tun? Als sie zu dir gekommen ist?“

„Ganz bestimmt“, sagte PvM. „Wenn sie nicht zu mir gekommen wär, ich wüsste bis heute nicht, was damals eigentlich mit mir los war. Sie war eine seltsame und verschrobene Person, aber sie hat sich bemüht, das Richtige zu tu, ja.“

„Und deine kleine Freundin, damals?“

„Die hatte drei Monate Zeit, das Richtige zu tun. So lange war ich in diesem Höllenloch, das sie psychiatrische Klinik nannten, wo die Schwindler regieren und die Hochstapler. Drei Monate, in denen sie mich fast jeden Tag besuchte. Drei Monate, neunzig Tage und noch was, in denen sie Zeit gehabt hätte, den Mund aufzutun und zu mir zu sagen, hör mal, ich weiß warum du hier bist, es ist meine Schuld, ich hab was Schlimmes gemacht. Sie dachte gar nicht daran. Sie kam deshalb jeden Tag zu mir hoch, um rauszukriegen, ob ich vielleicht Verdacht schöpfte. Tat ich nicht. Und mit jedem Tag fühlte sie sich sicherer. Und mit jedem Tag schob sie den Entschluss, das Richtige zu tun, weiter von sich fort. Und es hätte sie nur einen Atemzug gekostet. An jedem beliebigen Tag von diesen neunzig hätte sie kommen können und Luft holen und in zwei Sätzen raussprudeln, was sie getan hatte. Sie tat es nicht. Statt dessen sah sie mich bei jedem Besuch an mit diesem lauernden Blick, der fragte, weiß der was ahnt der was hat der irgendeinen Argwohn? Und die Antwort war immer, nein, der ist ja viel zu blöd, um was zu ahnen, der rafft das einfach nicht. So etwas nennt man, beharrlich und mit Vorsatz das Böse tun, nicht wahr?“

„Und deswegen soll sie in die Hölle kommen?“

„Deswegen ganz bestimmt nicht. Aber wenn sie nun bei jeder Gelegenheit so gehandelt hat? Ihr ganzes Leben lang? Immerfort das Falsche getan hat, immerfort gelogen und getrickst? Vergiss nicht, es ist nicht unsere Sache zu urteilen. Wir urteilen nur über uns selber, denn nur in uns selber können wir hineinschauen. Und dann ist doch alles einfach. Wir stellen in unsere Mitte den einen einzigen Entschluss, immerfort das Richtige zu tun. Was das Richtige ist, in jedem Augenblick, das wissen wir. IHRE Stimme sagt es uns. Nicht der Koran, nicht die Bibel, überhaupt kein Heiliges Buch, auch nicht das von Marx oder Mao. IHRE Stimme, die erklingt in einem jeden Menschen. Wenn ich was Falsches und Böses tue, weiß ich das. Da gibt es keine Frage. Ich weiß das. Und ich muss nicht mehr tun, als den festen Entschluss fassen, immerfort das Richtige zu tun, so wie IHRE Stimme es mir sagt. Keine Gemeinschaft hat da was zu melden. Niemand hat die Vormundschaft über mich. Wenn ich sehe, dass die Gemeinschaft falsch handelt, dass sie dumm und böse ist, dann muss ich mich gegen die Gemeinschaft stellen, jeder Einzelne hat diese Pflicht. Die Gemeinschaft hat sich vor dem Gewissen des Einzelnen zu verantworten, nicht umgekehrt. Die Gemeinschaft hat kein Gewissen. Gemeinschaft ist meistens Schweinschaft. Da regieren die Niedrigen und Bösartigen, die mit den glitzernden Schweinsäuglein und den Stiernacken und den Wurstfingern, die mit der Machtlust und der Herrschsucht. Was richtig und gut ist, weiß jeder Einzelne, indem er in sich hineinblickt und sein Gewissen befragt. Sein Gewissen, das ist IHRE Stimme.“

Wir waren stehengeblieben, und bei den letzten Worten klopfte der alte Mann mit seinem Stock auf das Kopfsteinpflaster, und die alten Häuser ringsum sahen sehr ernsthaft auf uns hinunter. Als wollten sie zu mir sagen, hör auf den Alten, Kind, wir wissen es auch nicht besser.

(Nachricht eingegangen am 25.06.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 26.06.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)